Von der Hungersnot zur Fettleibigkeit?

Fertigprodukte und Fast Food: Die Europäer haben schlechte Essgewohnheiten und geben ein lausiges Vorbild für Entwicklungsländer ab. Foto: Thommy Weiss / pixelio.de

Fettleibigkeit statt Hungersnot – so könnte das künftige Problem der aufstrebenden Entwicklungsländer lauten. Experten warnen davor, nicht die gleichen Fehler wie in Europa zu machen und fordern, Ernährungsaufklärung in die nächsten UN-Entwicklungsziele zu integrieren.

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge ist Fettleibigkeit "eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts". In armen Ländern könnte sich das Problem noch verschlimmern, auch wenn Übergewicht noch von Hungersnöten und ernstzunehmender Fehlernährung in Entwicklungsregionen überschattet wird.

Die EU-Kommission widmete sich im März in einer Mitteilung dem Thema Ernährung von Kindern und Eltern. Laut den Plänen soll sich die Übersee-Entwicklungshilfe künftig verstärkt auf Ernährungserziehung sowie Nahrungsbedarf schwangerer Frauen und Säuglinge konzentrieren. In dem Dokument wird aber nicht auf schlechte Ernährungsgewohnheiten eingegangen, die zu starkem Übergewicht und chronischer Fettleibigkeit führen können.

"Das weltweite Problem der Fettleibigkeit ist offensichtlich mit den Veränderungen in der Umwelt verbunden, mit denen westliche und Entwicklungsländer gerade konfrontiert sind", sagte Gabriele Riccardi, Medizinprofessorin an der Universität Neapel und Mitglied des Beratungsausschuss am Barilla-Zentrum für Essen und Ernährung.

"Die Verfügbarkeit von Essen, das billig und nicht gehaltvoll ist, das ist das Hauptproblem", sagte Riccardi in einem Interview. Sie sieht die Ursache bei Lebensmittelherstellern, die Produkte mit hohem Kaloriengehalt aber wenig Vitaminen, Ballaststoffen und Mineralien anbieten.

Schlechte Angewohnheiten

Demographische Trends zeigen, dass Kinder und Erwachsene in Entwicklungsländern bereits dem westlichen Modell folgen. Das heißt, ständiges Sitzen und fetthaltige Fertiggerichte oder Snacks sind auf der Tagesordnung.

Riccardi gab zu Bedenken, dass die Entwicklungsländer genau den gleichen Weg einschlagen werden, den die westlichen Länder bereits beschritten haben. "Man geht von einem Zustand der Unterernährung in einen Zustand von Fehlernährung und Fettleibigkeit über", sagte Riccardi.

Der Kampf gegen Hunger ist einer der acht Prioritäten, die in den Millenniums-Entwicklungszielen der UN (MDGs) festgehalten ist. Bis 2015 soll sich die Zahl der Hungernden halbiert haben.

Trotz des Schwerpunkts auf Hungerbekämpfung bei den MDGs sind heutzutage 868 Millionen Menschen schlecht ernährt. Der Großteil der Betroffenen lebt in Sub-Sahara Afrika und Südasien. Seit 2000 stiegen die Zahlen wieder.
Laut dem neuen Bericht des Barilla-Zentrums leiden mehr als 1,5 Milliarden Menschen an Übergewicht oder Fettleibigkeit.

Einige Entwicklungsbefürworter fordern die Ernährung in die Nachfolger der MDGs, die 2015 auslaufen, mit einzubeziehen. Diskussionen über neue Ziele sind bereits am Laufen.

Jan Vandemoortele, ehemaliger UN-Beamter, der die MDGs 2001 mit entwarf, sagte, jüngste Vorschläge der EU-Kommission und von unabhängigen Expertengremien würden eine "Überlastung" riskieren. Vandemoortele machte sich für ein simpleres Post-2015 Rahmenprogramm stark, welches auf wenige globale Herausforderungen konzentriert und nicht nur die der Entwicklungsländer. Ernährung wiederum sollte eines der Ziele sein.

"Wenn wir über Ernährung sprechen, sollten wir uns nicht nur auf Gespräche über Hunger und Untergewicht verlassen, sondern über Fettleibigkeit und Übergewicht", sagte er am 9. April auf einer Konferenz der EU-Kommission über Entwicklungspolitik.

Weltweit werden die Rufe lauter, die rückläufigen Investitionen in die Landwirtschaft von Entwicklungsländern umzukehren. Der Versorgungsbedarf soll gedeckt werden und die regionale Produktion von gesunden Lebensmitteln unterstützt werden.

Kommission konzentriert sich auf Ernährung

In der Mitteilung der EU-Kommission zur Ernährungsweise vom 9. April wird vorgeschlagen, den Akzent stärker auf den langfristigen Ernährungsbedarf von schwangeren Frauen und Säuglingen zu legen. Ein Jahr zuvor kritisierten europäische Rechnungsprüfer die Antwort der EU auf die Ernährungsunsicherheit und den mangelnde Unterstützung für den Ernährungsbedarf der Entwicklungsländer.

In der Mitteilung wird empfohlen, mit Regierungen zusammen zu arbeiten, welche Ernährungshilfe erhalten, um die Gelder für Ernährungserziehung zu erhöhen.

Gesundheitsexperten zufolge sind die ersten drei Jahre eines Kindes entscheidend, um gute Essensgewohnheiten zu vermitteln. Mangelnde Vitamin- und Mineralstoffzufuhr im Säuglingsalter können längerfristig Probleme verursachen.

Die WHO schätzt, dass 42 Millionen Kinder unter 5 Jahren fettleibig sind, davon leben 35 Millionen in Entwicklungsländern.

Vier Länder aus der subsaharischen Region sind nah an der Spitze der Rangliste mit den höchsten Anteil fettleibiger und übergewichtiger Kinder. Vier der fünf Spitzenländer mit den höchsten Anteilen schwerwiegender Fehlernährung befinden sich ebenfalls in Sub-Sahara Afrika.

Mit dem Bericht Essen im Jahr 2030: Trends und Perspektiven des Barilla-Zentrums sollen politische Entscheidungsträger zu einem Umdenken in der Ernährungspolitik bewegt werden.

Währenddessen fordert Riccardi die EU auf, bei der Arbeit mit den Entwicklungsländern einen eingehenderen Blick auf die eigenen gesundheitlichen Herausforderungen zu werfen.

"Wir sind nicht in der Lage von den Fehlern, die wir in der westlichen Welt gemacht haben, zu lernen und diese an die Länder weiterzugeben", sagte Riccardi.

"Und so wird das Problem sein, wie man im Stande sein wird, sobald sich die wirtschaftlichen Umstände verbessern, […] Ernährungsprobleme anzugehen und verstärkt auf Früchte und Gemüse sowie Vollkornzerealien und gesunde Kost zu setzen, anstatt auf Fast Food, dass die Leute heutzutage und wahrscheinlich noch mehr in Zukunft bekommen."

EURACTIV.com
Übersetzung: csc

Links

EURACTIV Brüssel: Poorer Nations face unwanted European import: obesity (24. April)

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