Textil-Bündnis gegen Ausbeutung: Modekonzerne lassen Entwicklungsminister Müller im Stich

Viele europäische Unternehmen - und Kunden - profitieren von Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern. [Foto: dpa.]

Mit einem breiten Bündnis für nachhaltige Kleidung und der Einführung eines Textil-Siegels will Bundesentwicklungsminister Müller faire Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern garantieren. Doch von den relevanten Konzernen macht plötzlich keiner mit – und auch NGOs torpedieren das Vorhaben.

Das Vorzeigeprojekt von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller gerät bereits am ersten Tag unter Beschuss: Eigentlich wollte der CSU-Politiker mit einem Textil-Bündnis eine groß angelegte Offensive gegen Öko- und Sozialdumping in der Modebranche lostreten – gemeinsam mit großen Bekleidungsfirmen wie Adidas, Aldi und KiK. 

Doch die Mode-Riesen lehnen eine Beteiligung am Bündnis ab, und das obwohl sie seit April dieses Jahres mit Müller an einem Runden Tisch zusammengearbeitet hatten. Zu den wenigen Unternehmen, die dem Bündnis beigetreten sind, gehören bisher nur mittelständische Firmen, wie die Outdoor-Marke Vaude und Hessnatur. 

„Die großen Konzerne haben bisher nicht den Mut, die Vorreiter zu sein. Das werden die Verbraucher langfristig nicht akzeptieren“, kritisierte Müller bei der Auftaktveranstaltung des Textil-Bündnisses am heutigen Donnerstag in Berlin. Dennoch hält der Minister die „Tür offen“ und hofft auf weitere Beitritte in den kommenden Monaten. 

Müller: „Geiz ist nicht geil“

Seit dem Einsturz des bengalischen Textil-Fabrikgebäudes Rana Plaza vor eineinhalb Jahren mit 1243 Todesopfern habe sich kaum etwas an der Situation der Arbeiterinnen für die Bekleidungsindustrie verbessert. „Das Textil-Bündnis ist ein Ausgangspunkt für existenzsichernde Lösungen, sichere Arbeitsplätze, ökologische Mindeststandards und eine Absage an Kinderarbeit“, erklärt Müller. „Geiz ist geil“ könne nicht der Weg sein – „nicht für Verbraucher und auch nicht für den Handel“, ergänzt der CSU-Minister.

In einem ersten Schritt sollen die Beteiligten des Textil-Bündnisses Maßnahmen erarbeiten, um alle selbst beauftragten Produktionsstätten der ersten Zuliefer-Stufen in die Pflicht zu nehmen, ökologische und soziale Mindeststandards zu achten. Langfristig sollen die Regeln für die gesamte Wertschöpfungskette – vom Baumwollfeld bis zum Bügel – gelten. In einem zweiten Schritt will das Bündnis für mehr Aufklärung bei den Verbraucher sorgen. Im Januar 2015 soll ein Verbraucherportal online gehen mit einem Qualitätscheck der vorhandenen Fairtrade-Siegel für Kleidung.

Müller will mittelfristig ein eigenes Sozial-Siegel entwickeln. Dieses Siegel, das beispielsweise „grüner Knopf“ heißen könnte, wäre dann Anhaltspunkt für Verbraucher, die gegen Kinderarbeit und Hungerlöhne in Entwicklungsländern sind. Verbraucher müssten sich keine Sorgen machen, sich für faire Kleidung in Unkosten stürzen zu müssen. 

„Es geht um einen Euro bei jeder Jeans. Wenn wir bereit sind, diesen Euro zu zahlen, dann können Frauen ihre Kinder zur Schule schicken und für ihre Gesundheit sorgen“, so Müller. Die Billig-Jeans für 9,90 Euro wird es laut Müller also auch weiterhin geben.

Deutsche Wirtschaft hält Textil-Pläne für „unreif“

Die großen Modefirmen halten Müllers Pläne für „nicht realisierbar“. Dies betreffe insbesondere die Durchsetzung der in Deutschland üblichen Sozialstandards weltweit sowie den Verzicht auf einige unersetzbare chemische Stoffe.

„Vollständige Transparenz in der Lieferkette ist wegen der Komplexität zurzeit kaum möglich: An der Herstellung und Lieferung eines Herrenoberhemdes mit seinen Komponenten sind rund 140 Hersteller- und Logistikfirmen beteiligt“, erklären Uwe Mazura und Thomas Rasch vom Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie (t+m) und GermanFashion. 

Auch die Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels (AVE) hält das Bündnis „für noch nicht entscheidungsreif“. Statt die hochkomplexen Lieferketten zu überwachen, sollte sich das Textil-Bündnis auf „bestimmte Stufen der Textilkette, sogenannte Hot Spots, konzentrieren“, sagt AVE-Hauptgeschäftsführer Jan Eggert

Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutsche Gewerkschaftsbundes (DGB), lässt die Ausreden der Unternehmen nicht gelten: Adidas, Puma & Co seien international vernetzte Unternehmen, die über erheblichen logistischen Sachverstand verfügen. „Dann zu sagen, wir bekommen das nicht hin, das ist nicht überzeugend. Wir erwarten mehr mehr Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung“, so Hoffmann.

Kritik auch von Greenpeace und WWF

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace distanziert sich von dem Bündnis, weil es kein generelles Verbot für den Einsatz giftiger Chemikalien beinhaltet. Kritik kommt auch vom WWF. Die Naturschutz-Organisation begrüßte die Initiative zwar, erklärte aber gleichzeitig, das Bündnis sei ein „Schnellschuss“ des Ministers. Teilnahmekriterien und Entscheidungsstrukturen seien noch ungeklärt.

Oxfam hält den Aktionsplan des Textil-Bündnisses für umsetzbar und glaubt daran, dass von der Initiative ein Signal an andere europäische Länder ausgehen werde. „Viele Unternehmen haben sich bereits in anderen Initiativen wie der Business Social Compliance zu den meisten Anforderungen verpflichtet“, erklärt Oxfam-Arbeitsrechtsexpertin Franziska Humbert gegenüber EURACTIV.de. Genau deshalb wundert sich Humbert, dass die großen Unternehmen nicht mitziehen. 

Wegen der Untätigkeit der Konzerne sei das Textil-Bündnis in Gefahr: „Der Erfolg des Bündnisses hängt entscheidend davon ab, dass alle wichtigen Akteure der Textilbranche dabei sind“, so Humbert.

Sollten die Unternehmen nicht mitmachen, dann müsste Müller gesetzliche Regelungen erlassen,  nach denen Unternehmen für die Nichteinhaltung von sozialen Mindeststandards in der Lieferkette haften, so Humbert. Dazu gehörten etwa die effektive Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und die Einführung einer gesetzlich verankerten menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht, wonach Unternehmen die Auswirkungen ihres Handelns sowie der ihrer Zulieferer identifizieren und verhindern müssen.

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