Studie: Solarthermische Kraftwerke fördern soziale Entwicklung in Nordafrika

Sind Freiflächensolaranlagen tot oder nicht? Vieles hängt an einem gut und nachhaltg ausgebildeten Nachwuchs, meint Christopher Burghardt von First Solar. [DLR German Aerospace Center/Flickr]

Marokkos Strombedarf wächst – doch der Großteil der Energie muss teuer aus dem Ausland bezogen werden. Eine Studie zeigt nun, dass solarthermische Kraftwerke in dem Land nicht nur helfen, den Ausstoß von Klimagasen erheblich zu senken. Sie verbessern auch nachhaltig die sozialen Bedingungen der lokalen Bevölkerung. 

Solarthermische Kraftwerke (CSP, concentrated solar power) in Nordafrika liefern nicht nur erneuerbaren Strom für den steigenden Energiebedarf auf dem Kontinent selbst und im südlichen Mittelmeerraum. Sie fördern auch die regionale Entwicklung.

Dies zeigt eine gemeinsame Studie von Germanwatch und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie am Beispiel des 160 Megawatt CSP-Kraftwerks NOORo I in der 100.000-Einwohner-Stadt Ouarzazate im Süden Marokkos.

„Im Rahmen der neuen Entwicklungsziele, die aus dem ‚arabischen Frühling‘ resultieren, wird es immer wichtiger sicherzustellen, dass Investitionen in neue Energieinfrastrukturen auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Bürger entsprechen“, schreiben die Autoren der Studie, Boris Schinke und Jens Klawitter.

Große Vorteile für soziale Entwicklung

Sie untersuchten, ob und wie solarthermische Kraftwerke auch nachhaltig die sozialen Bedingungen der lokalen Bevölkerung verbessern und inwiefern sich das CSP-Projekt negativ auf die Lebensgrundlagen und die lokalen Bedürfnisse der Bewohner auswirkt.

Vorrangig lieferte die Studie erfreuliche Ergebnisse. „Für die angrenzenden Gemeinden sind neue Arbeitsplätze und Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen entstanden sowie kommunale Wohlfahrts-, Bildungs-, und Gesundheitseinrichtungen verbessert worden“, sagt Boris Schinke von Germanwatch.

Auch indirekt hat das Kraftwerk bereits erfreuliche Entwicklungen gefördert. Ein stärkerer Familienzusammenhalt, soziale Unterstützung für zurückgekehrte Wanderarbeiter oder ein gesteigertes öffentliches Interesse an erneuerbaren Energien sind nur einige positive Aspekte, die die Studie benennt.

Das Projekt ist Teil des marokkanischen Solarenergieprogramms (NOOR), das die Stromversorgung der Bevölkerung und die produktiven Sektoren der Wirtschaft sichern soll. Marokkos Primärenergiebedarf hängt derzeit zu 95 Prozent von externen Quellen ab. Dies will das Land ändern – zumal der Energieverbrauch Marokkos stetig steigt. Allein zwischen 2002 und 2012 stieg er um durchschnittlich rund sieben Prozent. Mit Blick auf 2030 wird sich Marokkos Primärenergiebedarf voraussichtlich sogar verdreifachen, die Nachfrage nach Strom wird sich sogar vervierfachen.

Das Land hat darum die Sicherung der Stromversorgung zu einer Priorität der Energiestrategie für 2010 bis 2030 erklärt und will den Anteil der erneuerbaren Energiequellen an der Stromerzeugung bis 2020 auf 42 Prozent erhöhen. Zum Vergleich: Das rechtsverbindliche Ziel der EU für die erneuerbaren Energien schreibt vor, dass bis 2020 die Mitgliedsstaaten 20 Prozent ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien decken müssen. Im Juni ergab ein Fortschrittsbericht der EU-Kommission, dass der Anteil der Erneuerbaren in den EU-Staaten im vergangenen Jahr bei 15,3 Prozent lag.

Keine allumfassende Lösung für Marokkos Energieprobleme

Gegenüber den Nachteilen, die eine Förderung fossiler Rohstoffe oder der Betrieb konventioneller Kraftwerke hätte, habe NOORo I kaum Nachteile, sagt Peter Viebahn vom Wuppertal Institut. Trotz der positiven Ergebnisse stellten derartige CSP-Projekte jedoch keine allumfassende Lösung für Marokkos drängende Entwicklungserfordernisse dar.

Zudem müssten Befürchtungen, etwa über mögliche Folgen des Kraftwerksbetriebs auf den lokalen Wasserhaushalt, ernst genommen werden. „Außerdem wirkt sich das bisher fehlende Ausbildungsniveau lokaler Einrichtungen in Bezug auf die Anforderungen an Arbeitnehmer hemmend aus“, so Viebahn.

Der Ausbau erneuerbarer Energien, so eine Erkenntnis der Studie, erfordere auch in Marokko gesellschaftliche Entscheidungen. „Ähnlich wie die Debatten in Deutschland zum Netzausbau haben unsere Untersuchungen ergeben, dass die Bürger im Umfeld des marokkanischen Kraftwerks eine höhere Transparenz in der Kommunikation und rechtzeitige Mitsprachemöglichkeiten bei der weiteren Ausgestaltung des Projektes einfordern“, mahnt Germanwatch-Experte Schinke.

In der Nähe der Provinzhauptstadt Ouarzazate sollen bis 2019 zwei weitere Blöcke in Betrieb genommen werden. Damit wird dort bald das größte solarthermische Kraftwerk der Welt mit 500 Megawatt elektrischer Leistung ans Netz gehen, das umweltschonenden Strom für mehr als 1,2 Millionen Menschen erzeugen kann. Im Vergleich zur konventionellen Stromerzeugung wird ein jählricher Ausstoß von mindestens 600.000 Tonnen CO2 vermieden. Zudem spart das Land durch die eigenen unerschöpflichen Energiequellen Devisen.

Hintergrund

Im vergangenen Jahr beschlossen die EU-Regierungschefs eine 40-prozentige Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen bis 2030.

Das rechtsverbindliche Ziel der EU für die erneuerbaren Energien schreibt vor, dass bis 2020 die Mitgliedsstaaten 20 Prozent ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien decken müssen. Im Verkehrsbereich liegt das Ziel bei zehn Prozent. Im Juni ergab ein Fortschrittsbericht der EU-Kommission zur Richtlinie für Erneuerbare Energien, dass der Anteil im vergangenen Jahr bei 15,3 Prozent gelegen habe.

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