Studie: Klimawandel ist Entwicklungskiller Nr. 1

Kristalina Georgieva, EU-Kommissarin für Humanitäre Hilfe, in der Hauptstadt von Burkina Faso, Ouagadougou (Dezember 2012). Die EU engagiert sich dort mit dem AGIR-Programm gegen zukünftige Hungerkrisen. Foto: EC

Entwicklungsexperten warnen: Wetterextreme wie Dürren und Überflutungen drohen den Kampf gegen die Armut zur Farce werden zu lassen. Anstatt Armut lediglich zu bekämpfen, müsse man sie vorbeugen. Zukünftige Entwicklungsziele müssten dazu die „Resilienz“ gegen den Klimawandel stärker in den Fokus rücken.

Die UNO will die globale Armut bis 2030 beseitigen – doch der Klimawandel könnte ihr dabei einen Strich durch die Rechnung machen, warnt das Overseas Development Institute (ODI) in London. Denn langanhaltende Hitzewellen und Dürren, extreme Niederschläge und Überflutungen bedrohen insbesondere die Ärmsten, die der Willkür des Wetters am stärksten ausgeliefert sind. Der britische Think-Tank erklärt deshalb in einem aktuellen Bericht die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit, der Betroffenen gegen zerstörerische Umwelteinflüsse zu einem der Hauptziele der zukünftigen Armutsbekämpfung.

Im Fokus des Berichts steht der Zusammenhang zwischen Naturkatastrophen und Armut. Wie wichtig dabei Resilienz ist, verdeutlichen die Wissenschaftler mit Zahlen: 2010 verloren 11 Prozent der vom Erdbeben in Haiti betroffenen Menschen ihr Leben. Durch ein Erdbeben ähnlicher Stärke im gleichen Jahr in Chile starben dagegen lediglich 0,1 Prozent der Betroffenen. 2008 fielen dem Zyklon "Nargis" in Myanmar 138.000 Menschen zum Opfer, der vergleichbare Hurrikan "Gustav" forderte dagegen in der Karibik und den USA nur 153 Leben.

"Risikoländern mit großen in Armut lebenden Bevölkerungen – insbesondere im Südsahara-Raum und in Südasien – fehlen die Mittel um dem Risiko durch klimabedingte Katastrophen die Stirn zu bieten", heißt es in dem Papier. Am stärksten gefährdet sind die Menschen demnach in der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien, der Zentralafrikanischen Republik, im Tschad, in Gambia, Guinea Bissau, Haiti, Liberia, Mali und Zimbabwe, aber auch in Bangladesch sowie Nordkorea. Wenn man so weiterzumache wie bisher, so der Bericht, überlasse man Millionen von Menschen schutzlos den Naturkatastrophen.

Am schlimmsten sind Dürren

Das größte Einzelrisiko für Verarmung sind Dürren, hält der Think-Tank fest – und nicht etwa gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit. Das ODI rechnet in den nächsten Jahrzehnten mit einer Zunahme von Dürren fast überall auf der Welt: in Mittelamerika und den südlichen USA, im Amazonas-Gebiet, an der Westküste Südamerikas, in Südeuropa, in Südostasien und Japan, in Ozeanien und Australien sowie im westlichen und südlichen Afrika.

Trotzdem ist das Risiko, das von den Dürren ausgeht, nicht überall das gleiche: Der Klimawandel wird die "Landkarte der Gefahren" in den nächsten zwei Jahrzehnten völlig neu zeichnen – doch diejenigen Regionen, in denen die Menschen den Gefahren schon heute besonders schutzlos ausgesetzt sind, werden 2030 noch dieselben sein, so der Bericht.

Das ODI warnt deshalb eindringlich: Betreibe man bei der Armutsbekämpfung weiterhin "business-as-usual", gleiche die Arbeit der Entwicklungshelfer derjenigen von Sisyphos. Fortschritte, die über Jahre hinweg mühsam erreicht wurden, werden durch Naturkatastrophen auf einen Schlag zunichte gemacht. "Bis 2030 werden zwischen 176 und 319 Millionen extrem arme Menschen allein in den 45 besonders gefährdeten Ländern leben", prophezeit der Bericht. Von einer "Beseitigung der Armut" bis 2030 – wie sie die internationale Gemeinschaft anstrebt – kann also keine Rede sein.

Verbessert man dagegen die Resilienz der in Armut lebenden Menschen, werden sie von extremen Wetterereignissen nicht nur weniger stark getroffen, sondern sie erholen sich danach auch schneller, siehe Grafik.
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Quelle: EU-Kommission

"Die derzeitigen Millenniums-Entwicklungsziele haben die Risikofaktoren, die die Menschen in die Armut drängen, bisher nicht ausreichend beachtet. Das muss korrigiert werden", so das Fazit der Wissenschaftler. Sie empfehlen deshalb, nicht nur Maßnahmen zur Armutsbekämpfung sondern gleichzeitig zur Armutsvorbeugung zu ergreifen, insbesondere Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz gegen Naturkatastrophen. Bei den zukünftigen Entwicklungszielen dürfe man sich nicht auf die absolute Armutsschwelle von 1,25 US-Dollar pro Tag versteifen, sondern müsse höher zielen, auf etwa 4 US-Dollar. Oberhalb dieser Schwelle sei das Risiko, von extremen Wetterereignissen völlig aus der Bahn geworfen zu werden, deutlich geringer.

Auch die EU hat das Thema Resilienz auf dem Schirm. Mit einem 10-Punkte-Plan will die EU-Kommission die europäische Entwicklungshilfe anpassen um Resilienz besser zu förden. Der Vorschlag wird gegenwärtig von Rat und Parlament diskutiert. Bereits jetzt laufen zwei EU-Programme, die den Schwerpunkt auf Resilienz legen: SHARE am Horn von Afrika und AGIR in der Sahel-Zone.

Patrick Timmann

Links

ODI-Bericht: "The Geography of Poverty, Disasters and Climate Extremes in 2030"

EU-Kommission: Resilience

EU-Kommission: EU-Approach to Resilience: Learning from Food Crises

EU-Kommission: Communication from the Commission to the European Parliament and the Council (3. Oktober 2012) 

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