Reizthema Lebensmittel-Spekulation: Die Fronten sind verhärtet

Ein sudanesischer Bauer drescht Sorgum-Körner. Foto: dpa

Schadet oder nützt die Spekulation auf Nahrungsmittel den Armen? Befürworter wie Gegner der umstrittenen Finanzmarktgeschäfte glauben die Antwort auf diese Frage bereits zu kennen, allein die Wissenschaft ist sich uneins. Während das EU-Parlament der „Lebensmittel-Zockerei“ einen Riegel vorschieben will, sieht die Deutsche Bank keinen Grund für einen Kurswechsel ihrer bisherigen Geschäftspolitik.

Die Deutsche Bank stellt auf stur: Sie wolle für ihre Geschäftspolitik keine Konsequenzen aus den Gefahren der Nahrungsmittelspekulation ziehen. So jedenfalls lautet der Vorwurf mehrerer Nichtregierungsorganisationen (NGOs), nach einem Treffen mit Vertretern der Bank am Mittwoch (16. April) in Frankfurt. Was an der Anschuldigung dran ist, lässt sich nicht überprüfen, denn die Expertenkonferenz fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, der Inhalt der Debatte ist vertraulich.

Trotzdem machen die NGOs ihrem Ärger Luft: „Weder konnte die Deutsche Bank entkräften, dass ihre Finanzprodukte zu Preissteigerungen von Lebensmitteln beitragen, noch hat sie endlich einen Schlussstrich unter die Geschäfte mit dem Hunger gezogen“, kritisiert die zu dem Treffen geladene NGO Foodwatch. Ähnlich wie Oxfam und die Welthungerhilfe macht auch Foodwatch Finanzwetten auf die Entwicklung der Preise für Mais, Soja oder Weizen mitverantwortlich für den weltweiten Hunger. Die Spekulation trieben die Preise für Nahrungsmittel zulasten der Ärmsten nach oben.

Die Beschuldigten sehen das freilich anders. Man habe die eigenen Aktivitäten im Nahrungsmittelsektor „infolge der Flut von Vorwürfen“ besonders unter die Lupe genommen und die Ursachen steigender Nahrungsmittelpreise analysiert und kritisch geprüft, heißt es von Seiten der Deutschen Bank. Demnach sei man zu der Erkenntnis gelangt, dass die steigenden Preise unter anderem auf die steigende Nachfrage aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung zurückzuführen seien. Auch kurzfristige Preisschwankungen seien nicht notwendigerweise auf Spekulation zurückzuführen: Sie seien ebenso abhängig von witterungsbedingten Produktionsausfällen, der Politik sowie den Ölpreis- und der Wechselkursentwicklungen.

Die Wissenschaft sei sich tatsächlich uneinig darüber, in welchem Umfang Spekulationen Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise haben, gibt Wolfgang Jamann, Generalsekretär der Welthungerhilfe, zu. Doch da die Folgen für „hungernde Kleinbauern“ potentiell fatal wären, sei es moralisch nicht tragbar, aus kurzfristigem Profitinteresse auf steigende oder fallende Preise von Nahrungsmitteln zu wetten. Bei der Nahrungsmittelspekulation müsse das Vorsorgeprinzip gelten, findet auch Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer bei MISEREOR.

Diesen Einwand lässt Michael Schneider, Anlagemanager bei der Deutschen Bank, nicht gelten: „Man kann es sich einfach machen und sagen, wir lassen die Finger davon – und dafür den App­laus einiger Nicht­regierungs­organi­sationen ernten.“ Er dagegen frage sich, „wer ver­tritt in dieser emo­tional auf­gelade­nen Dis­kus­sion die Sicht der Bauern in Afrika?“ Aus seiner eigenen Erfahrung vor Ort wisse er: „Wenn der Weizen an der Roh­stoff­börse in Chicago teuer ist, dann ist das sicher­lich nicht zum Nach­teil eines Bauern in Sambia.“ Im Gegen­teil: Dann lohne es sich für ihn, über den Eigen­bedarf hinaus Weizen anzubauen, weil es sehr teuer wäre, das Getrei­de zu den hohen Welt­markt­preisen zu impor­tieren.

EU-Parlament stoppt „unmoralisches Roulette“

Auch Markus Ferber findet Spekulationen mit Rohstoffen nicht per se schlecht, „solange sie die notwendige Liquidität für die Abwicklung von Termingeschäften bereitstellen und ein echtes Interesse an der Ware besteht“. Trotzdem freut sich der CSU-Mann über die Entscheidung des EU-Parlaments vom Dienstag (15. April): Die Abgeordneten bezogen in der ideologisch aufgeladenen Auseinandersetzung selber Position und hießen wie erwartet die neuen EU-Finanzmarktrichtlinie (MiFID) gut. Die Richtlinie werde mit der „Lebensmittel-Zockerei“ schlussmachen, drückt es Ferber aus. Die Einigung sehe strenge Obergrenzen beim Börsenhandel mit Rohstoffen und Lebensmitteln vor. Damit solle verhindert werden, dass Akteure, die keine direkte Verwendung für das Produkt nachweisen können, unbegrenzte Mengen davon kaufen. „Ein Schokoladenhersteller hat ein echtes Interesse an Kakao und soll den Preis der Ernte an der Börse auch absichern können. Ein Finanzakteur, der mit dem Kakaopreis nur spekulieren will, hat nie vor die Ware auch wirklich zu erwerben“, erklärt Ferber.

„Die  verabschiedeten Regeln sind ein großer Durchbruch, um das unmoralische Roulette zu stoppen, das auf Lebensmittel-, Agrar- und Rohstoffenmärkten gespielt wird“, findet deshalb auch Udo Bullmann, Vorsitzender der SPD-Abgeordneten im EU-Parlament. Auch die Grünen freuen sich: Bereits im Januar bezeichnete Sven Giegold, Finanzexperte und Sprecher der Grünen im EU-Parlament, die bevorstehende Einigung als „großartigen Sieg für das Bürgerengagement in Europa“. Der Nahrungsmittel- und Rohstoffspekulation würden in Zukunft harte Grenzen gesetzt.

Enttäuscht über die neue Richtlinie ist dagegen Foodwatch-Chef Thilo Bode. Es gebe noch immer große Schlupflöcher, erklärte er im Deutschlandradio. Weil jedes EU-Land seine eigenen Obergrenzen für Spekulation festlegen dürfe, könnte dies zu einem Wettlauf um die schwächsten Vorschriften führen, so Bode. „Die Europäische Union ist ja ein Markt. Und wenn jeder Börsenplatz selber die Zahl der spekulativen Kontrakte begrenzen kann, dann gibt es natürlich einen Wettlauf zu dem Börsenplatz, der die besten Bedingungen anbietet.“ Die Begrenzung exzessiver Spekulation könnte dadurch unterlaufen werden. David Hachfeld, Handelsexperte von Oxfam Deutschland, zeigt mit dem Finger auf den Finanzplatz London: „Diese Gefahr besteht insbesondere in Großbritannien. Zwischen den europäischen Finanzplätzen droht ein regulatorischer Wettlauf nach unten.“

Angesichts der der überaus komplexen Zusammenhänge fordert Foodwatch von der Deutschen Bank mehr Transparenz. Solange diese ihre spekulativen Aktivitäten nicht offenlegte, sei ein konstruktiver Dialog unmöglich. Sie solle deshalb die versprochenen Studien zu den Auswirkungen der Nahrungsmittelspekulation vorlegen und „endlich damit aufhören, die Argumente ihrer Kritiker verfälscht wiederzugeben“.

EURACTIV.de: Nahrungsmittelspekulation vor dem Aus? (15. Januar 2014)

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