Pessimismus Africanus: „In Ost-Afrika gehen dem Mittelstand Millionengeschäfte durch die Lappen“

Der Kenianische Botschafter in Deutschland, Ken Nyauncho Osinde, und der CDU-Europaabgeordnete Michael Gahler auf dem EURACTIV-Workshop "Kenya: A lion on the go". Foto: Nicole Bogott

Trotz aller Verheißungen scheuen deutsche Firmen Investitionen in Afrika. Völlig zu Unrecht, findet die kenianische Regierung. Die deutsche Wirtschaft müsse sich stattdessen an die eigene Nase fassen.

„Deutschland ist unser Partner Nummer eins.“ Der Kenianische Botschafter in Deutschland, Ken Nyauncho Osinde, übte sich zu Beginn des EURACTIV-Workshops „Kenya: A lion on the go!“ in warmer Diplomatie.

Auf politischer Ebene kooperiere Nairobi „hervorragend“ mit Berlin – besonders in den Bereichen Bildung, Landwirtschaft und Gesundheit.

Doch kurz darauf ließ der Botschafter seinen Sorgen freie Lauf: „Kenia bietet so viele Investitionsmöglichkeiten, aber die meisten deutsche Unternehmen sind risikoscheu, zögerlich und desinteressiert.“

Osinde denkt etwa an den Bau des neuen Hafens in Lamu, der Teil des panafrikanischen Infrastrukturprojektes Lapsset ist. Die einschlägigen Baufirmen für den Hafen kommen aus China. Erst vor wenigen Monaten unterschrieb eine chinesische Firma einen 500-Millionen-Deal für die Konstruktion dreier Landungsstellen.

„Die Deutschen müssen sich endlich bewegen und die Vorteile, die unser Land bietet, nutzen“, forderte der Kenianische Botschafter. So müssten deutsche Firmen entscheidungsfreudiger werden, schneller auf Ausschreibungen reagieren und günstigere Preise bieten“, so Osinde. Man wolle viel lieber mit Deutschland statt mit China zusammenarbeiten – weil die Deutschen zuverlässiger seien und bessere Qualität lieferten.

Doch die Unternehmen bräuchten viel zu lange, um sich zum Beispiel über die Risiken einer Investition Gedanken zu machen, fügte Asmau Nitardy vom Afrikaverein der Deutschen Wirtschaft (AV) hinzu. Am Ende gingen ihnen durchaus lukrative Geschäfte durch die Lappen.

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“

Auf dem EURACTIV-Workshop sendete der Kenianische Botschafter gemeinsam mit Nitardy ein deutliches Signal aus: In Kenia gehe es nach den Unruhen im Zuge der Präsidentschaftswahlen und dem Chaos nach mehreren Terroranschlägen wieder bergauf. Das Klima für neue Investitionen – auch aus Deutschland – sei besser denn je. Der Ausbau erneuerbare Energien, die Verbesserung der Infrastruktur und die Expansion des Tourismus seien gewinnversprechende Märkte.

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Seit 2010 haben wir eine demokratische Verfassung, wir haben unsere Verwaltungen verschlankt und dezentralisiert und haben unsere Sicherheitskräfte fit gemacht gegen terroristische Angriffe“, versprach Onside.

Die Rahmenbedingungen für Investitionen hätten sich spürbar verbessert. „Wenn deutsche Firmen in Kenia Fuß fassen, dann wollen sie nicht mehr zurück nach Deutschland“, erklärte Nitardy.

Zu den deutschen Firmen, die in Ostafrika erfolgreich aktiv sind, zählt der Pharma-Konzern Boehringer Ingelheim. Gemeinsam mit dem Bundesentwicklungsministerium (BMZ), dem Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) und rund 30 Pharmafirmen betreibt der deutsche Konzern mit der „German Health Partnership“ eine Art „One-Stop-Shop“ für den kenianischen Medizin-Sektor.

Der Public-Private-Partnerschip (PPP) geht es um eine bedarfsgerechte Berufsbildung im Gesundheitsbereich mit dem Ziel der Schaffung nachhaltiger Arbeitsplätze und dem Aufbau einer kenianischen Mittelschicht.

„Kenianer sind geborene Unternehmer. Wir helfen ihnen ihre einzigartigen Geschäftsideen auf feste Beine zu stellen“, sagt Michael Rabbow von Boehringer Ingelheim. „Kenia bietet enorme Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen. Wir sollten endlich aufhören mit diesem ‚Pessimismus Africanus'“, so Rabbow.

Ein hauseigenes Erfolgsmodell ist Changamka Microhealth, ein kenianisches Jung-Unternehmen, das kostengünstige Krankenversicherungen per Handy-Zahlung anbietet. Damit sollen mehr Kenianer als bisher Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen.

„Das Gesundheitssystem in Kenia ist teuer und unflexibel. Wir haben eine Möglichkeit gefunden, das Leben der Kenianer zu verbessern und zugleich Geld zu machen“, erklärte Samuel Agutu von Changamka Microhealth.

Für Natascha Weisert vom BMZ sind inklusive Geschäftsmodelle, gefördert durch die öffentliche Hand und westliche Privatunternehmen, die Zukunft für Kenia. Zu solchen Programmen gehört etwa das DeveloPPP-Programm. „Es ist wichtig, dass wir auch ländliche Gegenden erreichen, dort wie viele Menschen leben, die vom wirtschaftlichen Aufschwung der Großstadt abgeschnitten sind“, so Weisert.

Defizite in der Infrastruktur und im Anti-Terror-Kampf

Entwicklungsorganisationen aus Deutschland und anderen EU-Ländern müssten jedoch auch in Zukunft eng zusammenarbeiten, um die Infrastruktur in Kenia zu verbessern. „Da gibt es noch viel nachzuholen, etwa bei den Straßen und dem Hafen in Mombasa“, forderte der CDU-Europaabgeordnete Michael Gahler, der im Europaparlament unter anderem Vorsitzender der Delegation für die Beziehungen zum Pan-Afrikanischen Parlament ist.

Im Vorfeld des Workshops kritisierte Gahler in einem EURACTIV-Interview die „besorgniserregende“ Sicherheitslage in Kenia. Die Regierung in Nairobi müsse durch schlagkräftigere Anti-Terror-Kräfte „Vertrauen schaffen“ – nur so würden mehr deutsche Unternehmen gewillt sein, in dem Land zu investieren.

Für Mittelständler Johannes Rohwer von der sächsischen Firma Thermofin hängt diese Entscheidung nicht ausschließlich von der Sicherheitslage ab: „Das BMZ muss uns gesicherte Fakten liefern. Wir müssen gezeigt bekommen, wie wir in Kenia wirklich erfolgreich sein können“, so Rohwer. Nur durch Aufklärung könne die deutsche Wirtschaft den so wichtigen Schritt vom ‚Pessimismus‘ zum ‚Optimismus Africanus‘ schaffen.

Weitere Informationen

Fotos vom EURACTIV-Workshop "Kenya: A lion on the go!"

Afrika-Verein der Deutschen Wirtschaft: Webseite

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): develoPPP.de

Botschaft der Republik Kenia in der Bundesrepublik Deutschland: Webseite

Changamka Health Innovations: Webseite

German Health Partnership: Website

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