Nach Wegfall von Entwicklungsgeldern: Indonesien entwickelt eigene Impfstoffe

gavi_gates_indonesien_impfungen_malaria_entwicklungshilfe.jpg [© Gates Foundation (CC BY-NC-ND 2.0)]

Die Hilfsmittel der EU und anderer Geber für den Gesundheitssektor stehen Indonesien nicht mehr länger zur Verfügung. Also entwickelt das Land seine eigenen Impfstoffe. EURACTIV berichtet aus Indonesien.

Indonesien ist ein Entwicklungsland. Dennoch investiert die Regierung in die Impfstoffentwicklung des staatlichen Pharmaunternehmens Bio Farma. Das Land leidet unter einem Anstieg vieler ansteckender Krankheiten wie Tuberkulose, Malaria und HIV/AIDS.

Das südostasiatische Land erhielt seit den achtziger Jahren bis Januar 2014 EU-Entwicklungshilfe für seinen Gesundheitssektor. Seither steht es im Bereich öffentliche Gesundheitssorge auf eigenen Füßen. Das Land muss mehr als 200 Millionen Einwohner versorgen – die sich auf mehr als 6.000 Inseln und viele ländliche Gebiete verteilen.

Rund 28 Millionen Indonesier leben unter der Armutsgrenze. Weitere 80 Millionen könnten im Krankheitsfall ebenfalls in die Armut abrutschen.

Die Verbreitungsrate vieler vermeidbarer und zu behandelnder Krankheiten ist hoch. Jedes Jahr sterben schätzungweise 50.000 Kinder unter fünf Jahren an Lungenentzündung und Durchfallerkrankungen. Indonesien hat auch die weltweit meisten Tuberkulose-Fälle.

EU spielte wichtige Rolle

Die EU spielte bei der Unterstützung der indonesischen Regierung und ihrer zivilgesellschaftlichen Partner bei der Bekämpfung von HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria eine wichtige Rolle.

Indonesien erhielt seit 2003 650 Millionen US-Dollar aus dem Globalen Fonds, zu dem auch die EU beiträgt.

Brüssel zahlte in den vergangenen zehn Jahren zudem 83 Millionen Euro an die Impfallianz Gavi. Von diesen Mitteln profitierte Indonesien ebenfalls.

In einem Jahr wird die Gavi-Unterstützung für Indonesien enden.

Jetzt baut Indonesien auf Bio Farma, eine seit 120 Jahren bestehende staatliche Einrichtung. Das Pharmaunternehmen soll die Antwort auf die vielen Herausforderungen des Landes sein.

Bio Farma ist ein pharmazeutisches Unternehmen mit 1.300 Mitarbeitern, ungefähr 100 Kilometer von der indonesischen Hauptstadt Jakarta entfernt.

Das Unternehmen produziert alle Impfstoffe für Indonesiens laufenden Impfplan. Es entwickelte einen Impfstoff zur fünffachen Impfung gegen Diphtherie-Tetanus-Pertussis, Hepatitis B und Hib (einer Impfung gegen das Bakterium Haemophilus influenzae Typ b, das bei Kindern Hirnhautentzündung und Lungenentzündung auslöst) mit nur einer Injektion.

Dadurch minimieren sich die Besuche in Ärztezentren. Der Impfstoff ist das Ergebnis langjähriger Forschung und soll jetzt im ganzen Land eingeführt werden.

Indonesien habe eine große Bevölkerung und eine große Anzahl “dynamischer” Krankheiten, sagte Unternehmenssekretär Rahman Rustan gegenüber EURACTIV. “Wir müssen die Krankheitstypen der Zukunft vorausahnen. Wir dürfen uns nicht nur auf die Produktion konzentrieren, sondern auch auf die Forschung darauf, mit welchen Herausforderungen wir konfrontiert sind.“

Bio Farmas Impfstoffproduktion geht zu 40 Prozent an den Binnenmarkt. 60 Prozent der Impfstoffe werden unter anderem an UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verteilt. Bio Farma-Produkte wurden in mehr als 133 Länder exportiert.

Das Unternehmen ist Regierungseigentum. Das Management ist aber unabhängig und professionell. Die Verantwortung der Finanzen liegt bei Finanzexperten.

“Als staatliches Unternehmen ist es die Hauptpflicht von Bio Farma, die Anforderungen der Regierung zu erfüllen, die im nationalen Immunisierungsprogramm aufgeführt sind. Das ist die Hauptpriorität. Sobald Bio Farma Kapazitätsüberschüsse hat, ist es unsere Pflicht, die Impfstoffe an andere Länder zu verteilen, insbesondere Länder, die keine eigenen Firmen zur Herstellung von Impfstoffen haben“, so Rustan.

Die Immunisierung ist eine der wichtigsten Prioritäten des Gesundheitsministeriums. Seit der Einführung seines nationalen Programms 1997 konnte Indonesien wegen der Investitionen in Impfstoffe erhebliche Steigerungen verzeichnen.

Das Land ist seit 2006 poliofrei. 2012 schätzten die WHO und UNICEF, dass 81 Prozent der Kinder in Indonesien voll immunisiert waren. Die übrigen 19 Prozent sind aufgrund der großen Bevölkerung des Landes die größte Anzahl nicht immunisierter Kinder weltweit.

Es gibt ausgeprägte regionale Unterschiede in dem Land. Die Provinzen Papua und West Papua haben beispielsweise Abdeckungsraten von nur 60 Prozent.

Ärztezentren, Kliniken und Krankenhäuser bieten Impfungen an. Auf kommunaler Ebene übersehen mehr als 50.000 Dorfhebammen rund 260.000 „posyandu“ für routinemäßige Impfungen. Ein posyandu ist ein integrierter Dorfgesundheitsposten – für viele Indonesier die ersten Ansprechpartner bei der Gesundheitsversorgung. Unter anderem registrieren sie Geburten, wiegen Babys, unterhalten Wachstumstabellen und Impfungen.

Wie andere Gesundheitsdienstleistungen auch, ist die Verantwortung für Immunisierungen in Indonesien dezentralisiert. Die Bezirksregierungen sind jeweils für ihre Programme verantwortlich. Die Zentralregierung ist für die Impfstoffproduktion, die Entwicklung von Richtlinien, die Durchführung von Qualitätskontrollen sowie die Vervollständigung des Monitoring und der Auswertung zuständig.  

Alle Impfstoffe des laufenden Immunisierungsprogramms in Indonesien werden vor Ort von Unternehmen hergestellt, die die WHO-Standards erfüllen. Sie werden von der indonesischen Regierung finanziert.

Um erfolgreich zu bleiben müsse Bio Farma auch weiterhin eng mit Pharmaunternehmen wie Sanofi und GlaxoSmithKline zusammenarbeiten, sagt Rustan. Man brauche sie vor allem für viele neue Impfstoffe, die noch in der Entwicklungsphase sind und neue Technologien benötigen.

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