Müller: „Die Jugend neigt häufig zu Suchtverhalten“

Zückt Entwicklungsminister Gerd Müller da etwa gerade sein Smartphone? Foto: dpa

Gerd Müller treibt die nächste Entwicklungsagenda mit Hochdruck voran. In der neulancierten „Zukunftscharta“ will er deutsche Ideen für die weltweiten Entwicklungsziele nach 2015 bündeln. Die Jugend bezieht er demonstrativ mit ein – allerdings offenbart er dabei ein ziemlich krudes Verständnis der neuen digitalen Welt.

Die Jugend sei der Schlüssel für die nachhaltige Entwicklung – deshalb rufen die selbsterklärten „Alten“, darunter Entwicklungsminister Gerd Müller, kurzerhand drei entwicklungspolitisch engagierte Jugendliche zu sich aufs Podium. Die drei haben Fragen zur „Zukunftscharta“ vorbereitet, die über die nächsten Monate mit Inhalten gefüllt und einen deutschen Beitrag zur Formulierung der Post-2015-Entwicklungsziele leisten soll. Wie der Minister gedenkt, das Internet und die mobile Kommunikation für die nachhaltige Entwicklung Afrikas zu nutzen, möchte eine der Jugendlichen wissen. Der Minister beginnt zu schwärmen: „Wir leben jetzt in diesem digitalisierten, medialen Zeitalter der Totalkommunikation, in Echtzeit.“ In den Entwicklungsländern werde das „eine Revolution auslösen“, sagt er. Potentaten und Diktatoren hätten nun eine schwere Zeit. „Sie können das schwere Leid, dass sie Menschen zufügen, nicht mehr verheimlichen“, ist Müller überzeugt. Aber natürlich biete der mobile Internetzugang auch zahlreiche weitere Chancen für die Menschen in den Entwicklungsländern: Aufklärung in Sachen AIDS und Gesundheit, bessere Markt-Chancen für Bauern dank aktueller Preisvergleiche und leichteren Zugang zu Bildung für Jugendliche, nennt Müller nur einige Beispiele.

So weit, so gut. Doch was der Minister als nächstes sagt, lässt aufhorchen. Das Internet berge speziell für die Jugend auch Gefahren, warnt er, denn „die Jugend neigt häufig zu Suchtverhalten“. Manch ein Zuschauer runzelt die Stirn, ein leichtes Raunen geht durch den Saal. Müller lässt offen, was genau er mit seiner Aussage meint. Zum Glück entschärft Ex-Bundesminister und Entwicklungsexperte Klaus Töpfer, ebenfalls einer der „alten“ Podiumsgäste, die Situation nachträglich mit der Bemerkung, auch ältere Menschen neigten zu Suchtverhalten. Er spreche aus eigener Erfahrung, denn er versuche, in der Fastenzeit auf Alkohol zu verzichten.

Töpfers Geständnis sorgt unter den zahlreichen Gästen aus Politik und Gesellschaft für erleichtertes Gelächter. Trotzdem entsteht der Eindruck, nicht nur Gerd Müller sondern auch Klaus Töpfer sowie der dritte Altvordere der Runde, Co-Präsident des Clubs of Rome Ulrich von Weizsäcker, wüssten beim Thema Internet nicht so genau, wovon sie sprechen. „Fantastisch ist es, wenn junge Menschen mit jungen Menschen zusammen sind“, so der banale Befund Töpfers zu den neuen Möglichkeiten der digitalen Gesellschaft. Die Kommunikation über den Kurznachrichtendienst Twitter etwa sei „eine prima Angelegenheit“, findet Töpfer: „Solche konkreten, persönlichen Beziehungen kann ich nur empfehlen.“

Weniger optimistisch aber dafür genauso schwammig äußert sich Vordenker von Weizsäcker: Während es in vielen Entwicklungsländern noch langfristiges Denken sowie Familien- und Generationenzusammenhalt gebe, gerieten diese Eigenschaften hierzulande zunehmend in Vergessenheit – „und da trägt natürlich auch Twitter mit dazu bei“. Es sei „eine Besessenheit, eine Kurzfristigkeit“ in unsere Gesellschaft eingekehrt, die unsere Kultur und die Zukunft der Jungen zerstörten, warnt er die Jugendlichen.

Beim Entwicklungsminister treffen von Weizsäckers Worte offenbar den richtigen Nerv, denn er nimmt den Faden dankbar auf. Müller berichtet von oft „öden Diskussionen“, die er in deutschen Schulen erleben musste. Das „Lamentieren und Kritisieren“ deutscher Schüler setzt er in Kontrast mit dem „Glück“ und der „Freude und Begeisterung“, die ihm von den Jugendlichen während seiner Afrikabesuche entgegenschlugen. Für ihn ist deshalb klar: Glück hänge nicht vom materiellem Wohlstand ab. Er plädiert für eine soziale Marktwirtschaft, die die Menschen auf der ganzen Welt in den Fokus der Aufmerksamkeit rücke und vom materialistischen Wachstums-Wahn befreie.

Diesen „Paradigmenwechsel im Denken“, könnten freilich nicht die Politiker beschließen, gibt Müller zu bedenken. Der Sinneswandel müsse von den Konsumenten und natürlich von der Jugend ausgehen. Die Jugendlichen könnten die Impulse setzen, zum Beispiel indem sie bewusst Kleidung aus fairer Produktion kauften. Smartphone-Apps – um wieder auf das Thema mobile Kommunikation zurückzukommen – könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen, erklärt Müller auf Nachfrage einer der jungen Panelistinnen. Trotzdem bleibt er nebulös: „Apps sind eine tolle Idee“, findet Müller. Gerade beim Thema Fair-Trade könne man mit Apps eine „große Verbreitung“ herstellen. Die „Nachhaltigkeits-App“ habe er zwar noch nicht, aber tatsächliche sei eine entsprechende App bei seinem Ministerium in Arbeit. Bisher nutze er lediglich die Bild-App, sei sich aber nicht sicher, wie nachhaltig dies sei, witzelt der Minister und umschifft auch diese Klippe charmant.

Übrigens: Wer Mitleid mit dem offensichtlich nicht ganz so technik-versierten Minister hat, kann ihm ganz leicht helfen: Das BMZ verteilt – ganz analog – vorfrankierte Postkarten, auf denen man eigene Ideen für die Zukunftscharta formulieren soll. Vielleicht hilft es ja.

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