Dank eines weitreichenden Gesundheitsprogramms reduziert die äthiopische Regierung die Kindersterblichkeit um mehr als ein Drittel im Vergleich zu 1990. Das weltweite Millenniumsentwicklungsziel bis 2015 wird dennoch klar verfehlt. Die Entwicklungsorganisation Oxfam fordert unter anderem mehr Geld von den Geberländern.
Es sind gute Nachrichten im Kampf gegen Kindersterblichkeit: In Äthiopien sterben 67 Prozent weniger Kinder unter fünf Jahren im Vergleich zu 1990. Laut aktuellen Zahlen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltbank fiel die Rate von 204 auf 68 von 1.000 Kindern.
Damit hat der ostafrikanische Staat das vierte der acht Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) – die Kindersterblichkeit bis 2015 um zwei Drittel zu senken – bereits jetzt erfüllt.
Die Entwicklung ist beachtlich, denn gemessen am Human Development Index (HDI) liegt Äthiopien derzeit auf Rang 173 und ist damit eins der ärmsten Länder der Welt.
Erfolg durch staatliches Gesundheitsprogramm
UNICEF lobt den starken politischen Willen der äthiopische Regierung, die Kindersterblichkeit zu bekämpfen. Besonders die finanziellen Mittel seien aufgestockt und effizient eingesetzt worden. "Die Regierung hat im Rahmen eines staatlichen Gesundheitsprogramms mehr als 36.000 neue Gesundheitsfachkräfte eingestellt und sie auf mehr als 15.000 Posten im Land verteilt. Das ist der wichtigste Grund, wieso Äthiopien seine Kindersterblichkeitsrate senken konnte", sagt Peter Salama, UNICEF-Vertreter in Äthiopien, gegenüber The Guardian.
"Der Schlüssel ist der politische Wille – der Wille zu investieren und damit weitere Unterstützer zu gewinnen", erklärt der äthiopische Gesundheitsminister Kesetbirhan Admasu.
Welthungerhilfe: mobile Versorgungssysteme fehlen
Auch die Welthungerhilfe würdigt die Leistungen der äthiopischen Regierung und begrüßt die Bemühungen, staatlich Basisdienste in der Gesundheitsversorgung auszubauen. "Dennoch ist die flächendeckende Versorgung in manchen Gegenden noch immer schwach – dies betrifft insbesondere in den Tieflagen, in denen die Menschen mobil sind und entlang der Futter- und Wasserverfügbarkeit migrieren. Hier wären mobile Versorgungssysteme nötig, diese werden jedoch nicht vom Staat bereitgestellt", sagt Ursula Langkamp, Regionalkoordinatorin der Welthungerhilfe für Äthiopien, gegenüber EURACTIV.de.
Die Bekämpfung der weltweiten Kindersterblichkeit ist eine komplexe Herausforderung. Jedes Land habe individuelle Probleme, die regional unterschiedlich seien, erklärt Tobias Luppe, Gesundheitsexperte von Oxfam, zu EURACTIV.de. "Fehlenden Impfstoffe, verschmutztes Trinkwasser, akute Mangelernährung und ein weiterhin erschwerter Zugang zur Gesundheitsversorgung sind nur einige Herausforderungen, die bewältigt werden müssen."
Die häufigsten Todesursachen bei Kindern unter fünf Jahren sind Lungenentzündung (17 Prozent), Komplikationen infolge einer Frühgeburt (15 Prozent), Komplikationen während der Geburt (10 Prozent), Durchfallerkrankungen (9 Prozent) und Malaria (7 Prozent).
Für knapp die Hälfte aller Todesfälle sei Mangelernährung verantwortlich, bilanziert der Beticht Auffällig hoch sei die Sterblichkeitsrate in Ländern mit hoher politischen Instabilität, häufig auftretenden Naturkatastrophen und extremer Armut.
Oxfam fordert mehr Geld von Geberländer
Neben Äthiopien haben laut UN-Bericht auch Bangladesh, Liberia, Malawi, Nepal und Tansania das vierte MDG erreicht. Weltweit haben die Länder ihre Kindersterblichkeit nahezu halbiert. Während 1990 12,6 Millionen Kinder unter fünf Jahren ums Leben kamen, waren es 2012 nur noch 6,6 Millionen. Eine besonders hohe Sterblichkeitsrate liegt allerdings weiterhin im subsaharischen Afrika. Dort sterben 98 von 1.000 Kindern.
Der höchste Stand ist in Sierra Leone mit 182. Im Vergleich dazu: In Deutschland kommen nur vier von 1.000 Kindern ums Leben.
Trotz der positiven Entwicklungen wird das vierte Entwicklungsziel klar verfehlt. Denn bliebe der Fortschritt der letzten Jahren konstant, erreicht die Weltgemeinschaft das Entwicklungsziel erst 2028.
Oxfam sieht besonders die westlichen Geberländer in der Pflicht: "Die deutsche Regierung zum Beispiel ist von ihrer Versprechung, 0,7 Prozent des Haushalts für Entwicklungshilfe auszugeben, Lichtjahre entfernt", sagt Luppe. Auch die Qualität der Investitionen lasse zu Wünschen übrig: Statt dass die zahlreichen Entwicklungsorganisationen ihre Geldzusagen an jeweils ganz unterschiedliche Zwecke knüpfen, sollten sie sich besser abstimmen.
MDGs: UN verhandelt über Nachfolgeabkommen
Auf dem Millennium Development Goals review summit in New York verhandelt die UN ab dem 23. September 2013 über ein Nachfolgeabkommen für die 2015 auslaufenden MDGs. Bereits im Mai 2013 hat das High Level Panel (HLP) der Vereinten Nationen einen ersten Aufschlag gemacht und einen Bericht mit zwölf Zielen veröffentlicht.
Zusammengefasst fordert das Panel, niemanden zurückzulassen – anstatt Armut lediglich zu reduzieren, soll sie ausgemerzt werden – Ökologie und Nachhaltigkeit ins Zentrum zu rücken und unter Beteiligung des Privatsektors die Arbeitsmärkte zu stärken. Außerdem soll die Weltgemeinschaft Frieden und funktionierende Institutionen fördern und an einer neue globale Partnerschaft arbeiten mit einer stärkeren Einbindung von NGOs.
NGOs verlangen ganzheitliche Entwicklungsziele
Für Birgit Dederichs-Bain von der Welthungerhilfe ist die Überarbeitung der MDGs unausweichlich. "Die MDGs war eine erfolgreiche Initiative, aber die Ziele setzen nicht an den Ursachen von Armut und Hunger an, sondern verblieben in quantitativen Dimensionen, die den komplexen Strukturen von Armut und Ungleichheit nicht gerecht werden; weite Bereiche – von Demokratie bis Klimawandel – bleiben ausgeklammert", sagt Dederichs-Bain gegenüber EURACTIV.de.
"Die größte Stärke der Entwicklungsziele ist zugleich ihre größte Schwäche", sagt Gesundheitsexperte Luppe von Oxfam. "Die MDGs sind klare Zielen, einfach berechenbar und somit geeignet, um öffentlichen Druck zu erzeugen. Wir müssen aber ganzheitlicher Denken: Wenn Länder zur Bekämpfung von Malaria ein entsprechendes Krankenhaus für Malaria-Patienten baut, werden etliche kranke Menschen ausgeklammert. Wir müssen uns vom Silodenken verabschieden."
Dario Sarmadi
Links
The Guardian: Ethiopia achieves development target reducing child mortality (13. September 2013)
UN Inter-agency Group for Child Mortality Estimation: Kindersterblichkeitsbericht 2013 (13. September 2013)
Mehr zum Thema auf EURACTIV.de
UN-Nachfolgeziele "verkommen zur Wunschliste" (15. September 2013)
Special Report Millenniumsentwicklungsziele (III): "Frauen werden nicht gesehen, nicht gehört" (16. September 2013)

