Wer ungebildet ist, hat kaum Chancen im Beruf – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Entwicklungsländern. Bildungsförderung ist daher ein wichtiger Teil der weltweiten Entwicklungsagenda und der Schlüssel für eine nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit. Doch die Bilanz ist durchzogen.
Der Begriff „Bildungsarmut“ kommt nicht von ungefähr, denn der Mangel an Bildung hat klare materielle Auswirkungen: mangelnde Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten, geringe Chancen zur Teilhabe und zur selbstbestimmten Gestaltung von Veränderungsprozessen. Aus diesem Grund wurde bereits im April 2000 auf der Weltkonferenz „Bildung für Alle“ in Senegal die zentrale Bedeutung der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung betont. Einige der dort gesteckten Ziele gingen sodann in den Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) der Vereinten Nationen auf: „Primarschulbildung für Alle“ und „Gleichstellung der Geschlechter / Stärkung der Rolle der Frauen“ sind zwei der acht MDGs, welche bis 2015 erreicht werden sollen. Zwei Jahre vor Ablauf der Frist ist die Bilanz laut MDG-Bericht 2012 durchwachsen. So wurde In der Grundschulbildung die Parität zwischen Mädchen und Jungen erreicht: „Bei der Bildungsbeteiligung steigerte sich das Verhältnis von Mädchen zu Jungen in den Entwicklungsregionen insgesamt von 1999-2010 von 91 auf 97 zu 100“, so der Bericht. Auch haben viele Länder bei der Grundschulbeteiligung zugelegt: „In Afrika südlich der Sahara stieg die Bildungsbeteiligungsquote von Kindern im Grundschulalter zwischen 1999 und 2010 merklich an, und zwar von 58 auf 76 Prozent.“ Trotzdem können noch immer 250 Millionen Kinder im Grundschulalter weder lesen noch schreiben, wie aus dem UNESCO-Weltbildungsbericht 2012 hervorgeht. 71 Millionen Teenager besuchen demnach keine Sekundarschule und haben daher keine Chance, sich die nötigen Kenntnisse für eine berufliche Perspektive anzueignen. Die Vernachlässigung der Qualifikation Jugendlicher hat langfristige Folgen, so der UNESCO-Bericht. Er schätzt, dass sogar in den Industrieländern 160 Millionen Erwachsene nicht in der Lage sind, eine Zeitung zu lesen oder sich für eine Stelle zu bewerben, weil ihnen die entsprechenden Kenntnisse fehlen. Der Bericht lobt das duale Berufsbildungssystem in Deutschland, das den Besuch einer Berufsschule mit einer praktischen Ausbildung in einem Betrieb kombiniert. Die Arbeitslosenquote bei Jugendlichen in Deutschland betrug im Januar 2012 rund 8 Prozent – das ist deutlich niedriger als 23 Prozent in Frankreich oder 22 Prozent in Großbritannien. Das deutsche Erfolgsmodell findet nicht nur im europäischen Ausland Anerkennung. Auch die deutsche Entwicklungspolitik verfolgt deshalb bei der Bildungsförderung in Entwicklungsländern einen ganzheitlichen Ansatz. Das heißt: Unterstützung geht sowohl in die Grundbildung als auch in Maßnahmen zur akademischen und berufspraktischen Ausbildung.
Sierra Leone: Perspektiven für den Frieden
Ein Beispiel ist das westafrikanische Sierra Leone, wo das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit dem Projekt „Beschäftigungsförderung für Jugendliche“ jungen Menschen eine handwerkliche Ausbildung ermöglicht und sie dabei untersützt, Lesen und Schreiben zu lernen. Sozialpädagogische und Konfliktlösungsmaßnahmen begleiten das Projekt. In Sierra Leone sind über 60 Prozent der Jugendlichen arbeitslos oder unterbeschäftigt. Die Perspektivlosigkeit gehörte zu den Hauptursachen des langjährigen Bürgerkriegs und wird von der UN-Kommission für Friedenskonsolidierung als eines der drei größten Risiken für Frieden und Stabilität im vom Bürgerkrieg zerstörten Land eingeschätzt.
Brachliegendes Potential
Jugendbeschäftigung birgt ein großes wirtschaftliches Potenzial für Sierra Leone. Doch auch rund zehn Jahre nach dem Ende des bewaffneten Konflikts wird insbesondere im ländlichen Privatsektor dieses Potential kaum ausgeschöpft. Das Projekt konzentriert sich deshalb auf das Gebiet der drei vom Bürgerkrieg besonders betroffenen Distrikte Kailahun, Koinadugu und Kono im Norden und Osten Sierra Leones. Die Hilfe setzt an verschiedenen Hebeln an: Durch wirtschaftliche Entwicklung soll die Nachfrage nach Arbeitskräften steigen. So unterstützt die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) zusammen mit der KfW Entwicklungsbank Infrastrukturprojekte wie den Bau von Zubringerstraßen für Landwirtschaft, Kakaoverarbeitungszentren oder eine verbesserte Viehhaltung. Gleichzeitig soll durch die Qualifizierung junger Arbeitskräfte das Angebot verbessert werden. Kleinbauern zum Beispiel werden geschult – durch ihr dazugewonnenes Know-How verbessert sich ihre Produktivität. Junge Leute, die in ihre Heimatdörfer zurückkehren möchten, werden bei der Reintegration unterstützt. Durch Training und Ausrüstung können sie einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung ihrer Gemeinschaft leisten, insbesondere durch die Aufwertung landwirtschaftlicher Produkte. In bestimmten landwirtschaftlichen Bereichen werden ergänzende Berufsbildungskurse entwickelt. Um motivierte und interessierte Jugendliche auf die berufliche Selbstständigkeit vorzubereiten, werden unternehmerische Kompetenzen gefördert und Existenzgründungen unterstützt.
Erste Erfolge
Bereits mehr als 10.000 Kakaofarmer haben durch Qualitätsverbesserung und größeren Absatz ein um 30 Prozent gesteigertes Jahreseinkommen (circa 650 Euro) erzielt. In vom Programm unterstützten Kakaoverarbeitungszentren haben zudem rund 600 Personen eine Beschäftigung aufgenommen. Diese 600 Stellen generieren ein Einkommen von insgesamt 210.000 Euro. Seit Projektbeginn konnten durch die Reintegration 2.500 Jugendliche in ihre Heimatdörfer eingegliedert werden. Bereits nach einem Jahr beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen der Familien aus der Landwirtschaft rund 800 Euro. Junge Analphabeten erhalten Trainings in Krio, der inoffiziellen Landesprache. 68 Trainer wurden ausgebildet, davon knapp ein Drittel Frauen. Unterrichtet wurden rund 1.700 Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines zweijährigen Kurses. pat
Tag der offenen Tür im BMZ
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) lädt am 25. August zu einem Tag der offenen Tür in seinen Amtssitz in Berlin ein. Geboten wird ein Programm aus Podiumsdiskussionen, internationalen Musik- und Tanzdarbietungen sowie Kulinarischem. Zahlreiche Botschaften stellen ihr Land und ihre Kultur vor. GIZ, KfW, Engagement Global und Nichtregierungsorganisationen präsentieren sich und ihre Arbeit. Zudem soll sich im Dialog mit Bürgern über Projektaktivitäten und neue Ideen ausgetauscht und zu entwicklungspolitischen Themen diskutiert werden. Sonntag, 25. August 2013, 10:00 – 18:00 Uhr im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Stresemannstraße 94, 10963 Berlin (S-Bahnstation Anhalter Bahnhof, Buslinien 123 und M41) Eine Übersicht über die Veranstaltungen am Tag der offenen Tür im BMZ finden Sie hier.
Links
Teil 1: Chancen und Herausforderungen für rohstoffreiche Entwicklungsländer (19. August 2013) Teil 3: Mit Köpfchen und Spaten gegen Hunger und Armut (21. August 2013) Teil 4: Hand in Hand: Naturschutz und Entwicklung in Benin (22. August 2013) Teil 5: Diskriminierung: ungerecht – und teuer (23. August 2013) BMZ: 14. Entwicklungspolitischer Bericht der Bundesregierung | Weißbuch zur Entwicklungspolitik (Kurzfassung) BMZ: 14. Entwicklungspolitischer Bericht der Bundesregierung | Weißbuch zur Entwicklungspolitik (Langfassung) BMZ: Entwicklungspolitisches Konzept plus: Chancen schaffen – Minds for Change | Zukunft entwickeln – Enhancing Opportunities BMZ: Flyer – Die Schwerpunkte der deutschen Entwicklungspolitik (Mai 2012) BMZ: Lexikon der Entwicklungspolitik WorldWeWant gemeinsame Initiative von UNICEF und BMZ. Ruft Jugendliche dazu auf, die Ziele der Entwicklungspolitik mitzugestalten. Teil der aktuellen weltweiten Konsultationen über die neuen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen
