Die Sterberate infolge von AIDS in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion ist im letzten Jahrzehnt gestiegen. Allerdings gehen die Finanzierungsmittel der EU für die Behandlung und Vorbeugung der Krankheit weiterhin größtenteils in Entwicklungsländer. Experten sagen, dies erzeuge eine mögliche gesundheitliche Zeitbombe an den östlichen Grenzen der EU.
Während die Bemühungen, Infektionen zu behandeln oder sogar zu verhindern, südlich der Sahara in den vergangenen Jahren spürbare Erfolge zeigen, steigt die Zahl der Todesfälle auf Grund von AIDS-bezogenen Komplikationen in Osteuropa erheblich.
Mario Raviglione, Direktor der Stop-Tuberkulose-Abteilung der Weltgesundheitsorganisation WHO, rät der EU, auch ihre östlichen Nachbarn in den Aktionen gegen die Krankheiten mit einzuplanen.
"Ohne anständige Reaktion und Hilfe für diese ehemaligen Länder der Sowjetunion, kann man in Zukunft mit Schwierigkeiten rechnen, weil Infektionskrankheiten nicht an der Grenze Halt machen", sagte der WHO Funktionsträger.
Nicolas Cantau, Experte für Osteuropa des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, ergänzte, die EU tendiere dazu, den Zweck des Globalen Fonds "misszuverstehen". Außerdem sei es wichtig, in Länder mit mittlerem Einkommen zu investieren, in denen die Anzahl solcher Vorfälle steigt.
http://www.euractiv.com/video/eu-pressed-do-more-combat-aids-eastern-europe-307192
"Wir bekämpfen hier keine Armut"
"Es ist auch wichtig, dass die EU versteht, dass der Globale Fonds kein Instrument zur Armutsreduzierung ist", kritisierte Cantau, "und es ist wichtig, auch in Länder mit mittlerem Einkommen in Osteuropa und Zentralasien zu investieren, um die HIV- und Tuberkulose-Epidemie anzugehen, die sich an ihren Grenzen ablaufen."
"Die EU sagt, der Globale Fonds solle nur die Länder mit den geringsten Zahlungsmöglichkeiten finanzieren. Aber das Problem ist, dass die HIV-Epidemie nicht parallel zu Armut verläuft", so Cantau. Es gebe arme Länder mit keinem oder einem geringen Problem mit HIV, wohingegen einige Länder mit hohem Einkommen dennoch großen Probleme hätten. "Wir bekämpfen diese Krankheiten, wir bekämpfen hier keine Armut", verdeutlichte Cantau.
Cantau erklärte gegenüber EURACTIV, dass der HI-Virus zwar oft durch ungeschützten Sex oder Vererbung direkt von der Mutter auf den Säugling übertragen werde, in Osteuropa jedoch hauptsächlich durch den Gebrauch von benutzten Nadeln beim Drogenkonsum.
Deswegen sei es ausgesprochen wichtig, sich mit den besonders betroffenen Teilen der Bevölkerung zu beschäftigen, laut Cantau in Zusammenhang mit Drogenabhängigkeit, gleichgeschlechtlichem Sex unter Männern und Prostitution.
In der Kritik steht die EU auch bei einigen Anti-Armutsaktivisten aufgrund ihrer "Agenda für den Wandel" von 2012. Dort wird angestrebt, sich mehr auf die am wenigsten entwickelten Länder zu konzentrieren, indem finanzielle Mittel zu Lasten der Ländern mit mittlerem Einkommen umgeschichtet werden. Aktionsgruppen und die European Concord Alliance befürchten, dies könnte Programme in diesen Ländern schädigen, die noch immer viel finanzielle Hilfe benötigen.
Tabu-Krankheit
In einem Interview mit EURACTIV erklärte Raviglione von der WHO, dass in einigen Ländern auch religiöse Gründe zum Bagatellisieren der Krankheit führen, die durch ungeschützten Sex oder Drogenkonsum übertragen wird.
Das heißt auch, dass sich Menschen in diesen Ländern der Erkrankung einer "Tabu-Infektion" nicht bewusst sein könnten und ihre Gesundheit so weiteren Gefahren aussetzen.
Raviglione erwähnte die Ukraine als "problematisches" Beispiel in der Vergangenheit. In der Ukraine starben 2011 rund 21.000 an AIDS erkrankte Menschen, zehn Jahre zuvor waren es nur 9.000, ein Anstieg von 144 Prozent. Auch in Weißrussland stieg die Todesrate im gleichen Zeitraum dramatisch an, von 100 auf 1.100 Fälle. In EU-Mitgliedsstaaten wie Bulgarien und Rumänien und in ehemaligen Republiken der Sowjetunion wie Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan und Kirgistan nahm sie um 200 Prozent zu.
Mut zum Handeln
Diskriminierung und Stigmatisierung spielten in der Ukraine auch eine problematische Rolle. Cantau vom Globalen Fonds sagte, es sei mit großem politischen Mut verbunden, diese Epidemie anzusprechen, und von staatlicher Seite einzuräumen, dass sie in Drogenabhängigen investieren und diese mit sterilen Nadeln ausstatten wollten. "Leider sind wir in vielen dieser Länder noch nicht so weit."
Jedoch lobte Cantau die Ukraine für die nun bereitgestellten Unterstützungen für den betroffenen Teil der Bevölkerung, mit Hilfe des Globalen Fonds. "Es stabilisiert sich nun in der Ukraine. Das sind großartige Neuigkeiten und der Beweis, dass aktive Präventionsarbeit mit dem am stärksten betroffenen Teil der Bevölkerung das Richtige ist."
Im ersten Viertel von 2013 fiel die Sterberate infolge von AIDS in der Ukraine um 12 Prozent im Vergleich zur gleichen Periode im Vorjahr.
Reaktionen in der Kommission
EU-Entwicklungskommissar Andris Piebalgs erklärte in einer Rede im April, dass der Globale Fonds das wichtigste Instrument der EU im Kampf gegen HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria in "armen" Ländern bleiben werde.
In Bezug auf die Finanzierung in Osteuropa verwies Frédéric Vincent, Sprecher der EU-Kommission auf ein Dokument, das erklärt, dass in einigen europäischen Regionen weiterhin einen Mangel an Strukturen, Mitteln und Zugang zu Prävention von HIV, Tests und Behandlung bestehe. Die sich ausbreitende HIV-Epidemie in Nachbarländern werde als sehr besorgniserregend angesehen und müsse eingedämmt werden. Letztendlich herrscht in Europa immer noch Stigmatisierung und Diskriminierung gegenüber Menschen mit HIV/AIDS, heißt es in dem Dokument. Dies halte Menschen davon ab, Hilfe und Pflege zu erbitten, was den Anstieg der HIV-Übertragung antreibe.
Die EU-Kommission organisierte vergangenen Mai eine Konferenz zu HIV/AIDS und Menschenrechten, in der aber nicht von einer Verschiebung der Finanzierungsmittel für Länder in der östlichen Nachbarschaft die Rede war. Die Konferenz wurde in Kooperation mit den Vereinten Nationen und mit Unterstützung des EU Parlaments geplant.
EURACTIV.com
Links
EURACTIV Brüssel
EU pressed to do more to combat AIDS in Eastern Europe
WHO-Experte: Interview mit Mario Raviglione (eng.)
Zum Thema auf EURACTIV
Agenda für den Wandel – EU verspricht mehr Hilfe für die bedürftigsten Länder (24. März 2013)
Internationale Organisationen
UNAIDS/Afrikanische Union: Abudja +12: Shaping the future of health in Africa
Weltgesundheitsorganisation WHO: Global Health Observatory Data Repository
Globaler Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria: Donors
UN: Millenium Development Goals
OECD: Aid statistics
Europäische Union
EU-Kommission: Donor Atlas 2011
Press Release: The Fight Against HIV/AIDS by the EU
NGOs
Ärzte ohne Grenzen: Homepage (fr)
Concord: AidWatch 2012
Oxfam: EU bugdet cuts could cost lives in developing countries, warn NGOs
ONE: EU leaders must redouble efforts to protect aid to the poorest

