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23/01/2017

Hunger in Afrika: Mit „Made in Germany“ zum Selbstversorger?

Entwicklungspolitik

Hunger in Afrika: Mit „Made in Germany“ zum Selbstversorger?

Mut zum Umbau des Entwicklungssystems der Vereinten Nationen!

[CIAT/Flickr]

SPECIAL REPORT / Die Bundesregierung will die afrikanische Landwirtschaft mit „Grünen Innovationszentren“ auf Vordermann bringen – auch mit Hilfe deutscher Agrarkonzerne. Kritiker warnen davor, die gleichen Fehler zu machen wie vor 40 Jahren.

Es ist eines der großen Rätsel Subsahara-Afrikas: Obwohl die Länder ein enormes landwirtschaftliches Potential besitzen, sind die Menschen zu einem beträchtlichen Teil auf Nahrungsmittelimporte angewiesen. Mehr als 200 Millionen Menschen leiden Hunger. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller will das ändern: „Afrika kann Selbstversorger werden. Und Deutschland will dem Kontinent dabei helfen“, sagte der CSU-Politiker am Mittwoch vor afrikanischen Regierungsvertretern in Berlin.

Müller will die Landwirtschaft in Afrika modernisieren, und zwar mit deutschem Know-How. In diesen Tagen öffnen insgesamt 13 „Grüne Innovationszentren“ des Bundesentwicklungsministeriums ihre Pforten. Mit Hilfe deutscher Unternehmen und Forschungsinstitutionen sollen Kleinbauern effiziente Anbautechniken erlernen, moderne Maschinen kennenlernen und Pestizide gezielter einsetzen.

Das Konzept für Agrartrainings hatte Müller während seiner Zeit als Parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium entwickelt. Damals war er dort für Exportförderung verantwortlich. Sein neues Ministerium fördert die Zentren in den kommenden zwei Jahren mit über 80 Millionen Euro.

„Fern der Lebensrealität“

In Äthiopien sind die ersten Projekte bereits angelaufen: Farm Manager, Maschinenführer, Berufsschullehrer oder Bauern größerer Betriebe werden unter anderem mit Qualitätssaatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel versorgt und darin geschult, moderne Maschinen und schwere Traktoren einzusetzen. Unterstützung bieten unter anderem das Saatgutunternehmen Bayer CropScience und der Traktorenhersteller Claas. Kleinbauern sind bei den Schulungen bisher außen vor.

„Die Landwirtschaft in Afrika nach europäischem Vorbild zu modernisieren löst das Hungerproblem nicht, vielmehr geht eine solch einseitige Ausrichtung an der Lebensrealität der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern vor Ort vorbei“, kritisiert Agrarexpertin Marita Wiggerthale von der Entwicklungsorganisation Oxfam gegenüber EurActiv.de.

Auch für den grünen Bundestagsabgeordneten Uwe Kekeritz verfolgt das Grüne Innovationszentrum in Äthiopien einen falschen Ansatz: „Wir fördern auf diese Weise eine großflächige, industrielle Landwirtschaft. Solchen Vorhaben dienen einfach nicht der Ernährungssicherung der Menschen vor Ort, die auf kleinsten Flächen ihren Lebensunterhalt bestreiten“, sagte er im Gespräch mit EurActiv.de.

Kekeritz erinnert das Vorhaben an die „Grüne Revolution“ der 1960er Jahren. Damals bewirkte die internationale Gemeinschaft eine Verdoppelung der Nahrungsmittelproduktion – mit verheerenden Folgen für Umwelt und Gesundheit in den Entwicklungsländern. Kritiker bemängeln bis heute, dass sich die Ressourcen von verfügbarem Land und Wasser rapide verknappten und Kleinbauern vom Kuchen der Revolution zu wenig abbekamen.

Exportförderung für deutsche Agrarkonzerne?

„Mit den Grünen Innovationszentren hilft Gerd Müller weniger den armen Menschen vor Ort, sondern eröffnet vielmehr deutschen Unternehmen neue Absatzmärkte in Afrika – zu Lasten der dortigen Ernährungssicherheit“, so Kekeritz.

Der Grünen-Politiker fordert stattdessen ein Augenmerk auf nachhaltige Anbaupraktiken, die den Kleinbauern vor Ort aus der Armut helfen: „Wir sollten darauf achten, in den betreffenden Ländern eine ökologisch und sozial nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Aber genau das passiert nicht“, so Kekeritz.

„Maschinen sind nicht gleich Maschinen“

Der Bonner Agrarforscher Detlef Virchow hält Kekeritz‘ Kritik für verkürzt: „Es ist auch für Kleinbauern vorteilhaft, ihnen Maschinen an die Hand zu geben und sie auszubilden. Es gibt angepasste Lösungen, bodenschonendere Maschinen und Arbeitsmittel, die auch für kleinere Flächen eingesetzt werden können – und von Kleinbauern nachgefragt werden“, so Virchow gegenüber EurActiv.de.

Virchow übernimmt mit dem Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn die Begleitforschung für die Grünen Innovationszentren. Seiner Meinung nach sind deutsche Unternehmen ein wichtiger Partner, gerade im Bereich Maschinen hätten sie einen komparativen Vorteil zu anderen Anbietern: Viele deutsche Firmen seien in Afrika bekannt für ihre qualitativ hochwertige Wartung der Produkte vor Ort.

Die Forscher des ZEF Bonn suchen und identifizieren Innovationen, welche die Innovationszentren in ihre Arbeit einbauen können. Dazu gehören verbessertes Management sowie neue Technologien, wie Solartrocknung von Obst und Gemüse oder Chips, die Wanderbewegungen und Essverhalten von Tieren für eine verbesserte Fütterung auslesen. Das Erlernen von modernen Agrartechniken mit Maschinen gehöre aber ebenso zu solchen Innovationen.

Entwicklungszusammenarbeit für alle Bauern

„Natürlich zielen die Grünen Innovationszentren nicht nur auf Kleinbauern mit Feldern unter zwei Hektar ab. Aber um in den afrikanischen Ländern Produktivitätssteigerungen zu erzielen, müssen wir alle Bauern ansprechen – auch marktfähige Bauern, die bereits an den Wertschöpfungsketten angeschlossen sind“, so Virchow.

Die deutsche Welthungerhilfe beteiligt sich an mehreren Grünen Innovationszentren. Programm-Koordinator Matthis Mogge teilt zwar die Kritik von Grünen-Politiker Kekeritz und anderen NGOs. Aber er warnt davor, ein schwarz-weiß Bild der Grünen Innovationszentren zu zeichnen – nicht alle Aspekte der Initiative seien zu verteufeln.

Welthungerhilfe: „Schluss mit dem Paternalismus“

„Wir sollten kein falsches Signal setzen: Zu sagen, dass afrikanische Bauern keine Traktoren haben dürfen, damit könnt Ihr nicht umgehen. Das ist ein fataler Paternalismus, der in der Entwicklungszusammenarbeit des 21. Jahrhunderts nichts zu suchen hat“, so Mogge im Interview mit EurActiv.de. Die afrikanischen Bauern und auch die Politik seien begeistert von den Grünen Zentren. Zudem habe das BMZ mittlerweile verstanden, dass man angepasste Lösungen mit den Bauern, mit der Wissenschaft und der Politik vor Ort entwickeln müsse, so Mogge.

Ein solches Beispiel ist das Grüne Innovationszentrum in Kenia, das vor wenigen Wochen auch Kekeritz besuchte: Eigentlich sollten dort auf Demonstrationsfeldern die Bauern für den Anbau und der Vermarktung der europäischen Kartoffel geschult werden. Doch nach Kritik ist das BMZ auf die in Kenia seit Jahrzehnten etablierte Süßkartoffel umgeschwenkt.

Zudem ist der Bau einer kleinen Milchverarbeitungsanlage im Aufbau. Die Nachfrage nach Milchprodukten, zum Beispiel Joghurt, ist in Westkenia hoch und das Potential für den Absatz gegeben. Das Innovationszentrum schult die Bauern vor Ort dabei, die Kühlkette einzuhalten und Hygienestandards zu bewerkstelligen, und für einen nachhaltigen Betrieb ihrer Anlage zu sorgen.

„Diese nachhaltigen Produktionselemente begrüße ich ausdrücklich, denn sie bilden – richtig umgesetzt –  im Kern die Möglichkeit, die Unabhängigkeit von Bauern zu stärken“, lobt Kekeritz.

Und vielleicht machen ja auch Innovationen im Grünen Innovationszentrum Indien bald Schule, die von deutschen Firmen vorangetrieben werden: Dort baut etwa Bayer CropScience eine Messstation. Sie hilft Apfelproduzenten im Kaschmirtal ihre Ernte vor Pilzkrankheiten zu schützen, indem die Station Wetterdaten misst und Auskunft gibt über Wetterlagen, die Schorf verursachen. Die Apfelproduzenten erhalten die Ergebnisse zeitnah, sodass sie ihren Pflanzenschutz entsprechend anpassen können.

Hintergrund

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gab im März 2015 den Startschuss für 13 Grüne Innovationszentren – in Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Ghana, Indien, Kamerun, Kenia, Malawi, Mali, Nigeria, Sambia, Togo und Tunesien. Ziel der Zentren ist laut BMZ die Steigerung von Einkommen kleinbäuerlicher Betriebe, die Förderung von Beschäftigung – insbesondere Verarbeitung – und eine Verbesserung der regionalen Versorgung mit Nahrungsmitteln durch Innovationen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Der Aufbau und die Stabilisierung von lokalen Wertschöpfungsketten ist ein weiteres wichtiges Anliegen.

Die Innovationszentren sind Teil der BMZ-Sonderinitiative EINEWELT ohne Hunger. Damit stellt das Bundesentwicklungsministerium die Ernährungssicherung und Hungerbekämpfung in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Jährlich fließen damit rund eine Milliarden Euro (2015: 1,4 Milliarden) in diesen Bereich, insbesondere in afrikanische Länder. Schwerpunkte sind unter anderem die Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Agrarsysteme, Strukturwandel im ländlichen Raum sowie ein sicherer und fairer Zugang zu Ressourcen und Land.

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