Gates bei Merkel: „Wir müssen die Lehren aus Ebola ziehen“

Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt Microsoft-Gründer und Mäzen Bill Gates im Kanzleramt. Foto: dpa

Bei seinem Besuch in Berlin wirft Bill Gates Deutschland und anderen westlichen Ländern vor, bei der Ebola-Bekämpfung zu spät reagiert zu haben. Von Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert der Multi-Milliardär mehr Geld für Impfstoffe.

Microsoft-Gründer Bill Gates kritisiert die internationale Staatengemeinschaft bei ihrem Kampf gegen Ebola. Deutschland habe genauso wie andere westliche Staaten zu spät auf den Ausbruch der Epidemie reagiert. „Wir sollten die Lehren aus den vergangenen Monaten ziehen. Die Ebola-Epidemie und damit das Sterben vieler Menschen hätte verhindert werden können, hätte die internationale Gemeinschaft früher eingegriffen“, mahnte Gates am Dienstag nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin.

Im Kampf gegen Ebola sieht Gates jedoch eine Kehrtwende: Hilfsorganisationen und westliche Staaten hätten ihre Kräfte erfolgreich gebündelt und Fortschritte erzielt. „Wir sehen endlich Ergebnisse. Wir können der Epidemie ein Ende bereiten“, prophezeite Gates.

Die westlichen Regierungen müssten künftig die Erforschung von Impfstoffen vorantreiben und Frühwarnsysteme in Entwicklungsländern aufbauen. Nur so könne man in Zukunft eine möglicherweise noch heftigere Seuche frühzeitig im Keim ersticken. Die Ausbreitung von Ebola sei ein Beispiel dafür, dass der Kampf gegen Ebola nicht nur den Entwicklungsländern zu Gute käme, „denn Gesundheitskrisen können quasi über Nacht ein globales Ausmaß erreichen“.

Im Gespräch mit Merkel verlangte Gates zudem eine Aufstockung der Finanzmittel für Impfstoffe. Die Bundeskanzlerin ist Schirmherrin einer Ende Januar 2015 stattfindenden Geberkonferenz der Impfallianz GAVI in Berlin. Ko-Initiator der öffentlich-privaten Partnerschaft ist Bill Gates und seine Bill und Melinda Gates Stiftung.

Die GAVI-Allianz will den Zugang zu Impfungen gegen vermeidbare lebensbedrohliche Krankheiten verbessern. Die Idee: Durch die Bündelung der Nachfrage und dem Aushandeln niedriger Preise mit der Pharmaindustrie will GAVI Entwicklungsländer massenhaft mit Impfstoffen beliefern. Seit der Gründung im Jahr 2000 hat GAVI rund 440 Millionen Kinder in armen Ländern geimpft.

Doch um bis 2020 300 Millionen weitere Kinder zu impfen und damit sechs Millionen Kinderleben zu retten, benötigt GAVI 7,5 Milliarden US-Dollar. Auf der „Wiederauffüllungskonferenz“ in Berlin soll die Finanzierung für die Jahre 2016 bis 2020 gesichert werden.

Gates: „Deutschland muss Vorreiter sein“

Deutschland müsse als Gastgeber mit gutem Beispiel voran gehen, sagte Gates: „Deutschlands wirtschaftliche Stärke, sein technologisches Know-How und sein globaler Einfluss ermöglichen es, andere Länder zu beeinflussen, Gutes zu tun.“ Die großen Nationen müssten im Januar „erhebliche finanzielle Zusagen machen“, so Gates.

Die Entwicklungsorganisation ONE und andere NGOs fordern von der Bundesregierung, ihre Zusagen für GAVI auf jährlich 100 Millionen Euro aufzustocken. Das sei der Wirtschaftskraft des Landes nur angemessen. Als Botschafterin hat ONE die Schauspielerin Maria Furtwängler gewonnen: „Jedes Jahr sterben 1,5 Millionen Kinder in armen Ländern an Krankheiten, die durch Impfungen vermeidbar sind. Es darf nicht sein, dass der Ort, an dem man lebt darüber entscheidet, ob die eigenen Kinder gesund aufwachsen können“, sagte Furtwängler

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller kam der ONE-Forderung nach einem Treffen mit Gates nur geringfügig entgegen: So wolle er die Mittel auf 40 Millionen Euro jährlich bis 2020 erhöhen – vorausgesetzt der Bundestag stimme zu. In diesem Jahr sind für die Unterstützung der Initiative im Haushalt 38 Millionen Euro vorgesehen. 2013 hatte die Bundesregierung 30 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

In der Finanzierungsperiode 2011 bis 2015 haben sich die Gates-Stiftung und Großbritannien als die größten Geldgeber erwiesen. Deutschland steht nur auf Platz 11.

„Ärzte ohne Grenzen“ fordert GAVI-Reform

Doch um Geld alleine dürfe es bei der GAVI-Konferenz in Berlin nicht gehen, erklärt die Deutschland-Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“.

„Wir begrüßen die Zusage von Herrn Müller mehr Geld für GAVI bereitzustellen. Doch mehr finanzielle Mittel alleine reichen nicht aus“, mahnt Philipp Frisch von „Ärzte ohne Grenzen“ gegenüber EURACTIV.de. Der Entwicklungsminister müsse nun auch Reformen innerhalb von GAVI anstoßen, damit das vorhandene Geld noch effektiver eingesetzt werden kann.

Laut Frisch muss die Allianz beispielsweise dafür Sorge tragen, dass Ländern auch dann noch Zugang zu vergünstigten Impfstoffen haben, auch wennn sie laut GAVI eigentlich nicht mehr dazu berechtigt sind – nämlich dann, wenn sie zu so genannten Ländern mittleren Einkommens aufsteigen. In diesen Ländern sei der Bedarf an bezahlbaren Impfungen weiterhin sehr hoch, meint Frisch.

Auch in Konfliktländern wie Syrien sei es für Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ wichtig, Zugang zu den günstigen Gavi-Preisen zu haben, um in akuten Krisen möglichst vielen Kindern einen schnellen Zugang zu Impfungen zu ermöglichen.

„Ärzte ohne Grenzen“ verweist obendrein auf ein gängiges Problem für NGOs in öffentlich-privaten Partnerschaften: „Derzeit wird die Zivilgesellschaft in der GAVI-Allianz nur unzureichend berücksichtigt. Wir müssen mehr Mitspracherecht bekommen – allein schon deshalb, um ein spürbares Gegengewicht zur Pharmaindustrie herzustellen“, so Frisch weiter.

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