Noch 15 Monate hat die Welt Zeit, die acht Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen zu verwirklichen. Doch beim fünften Ziel, der Reduzierung der Müttersterblichkeit, gibt es große Probleme. Auch häusliche Gewalt und die Diskriminierung von Frauen – vor allem in Afrika und Asien – behindern Entwicklungsfortschritte.
Der Anteil der Müttersterblichkeit hat sich seit 2000 halbiert – trotzdem starb 2012 in Indien alle zehn Minuten eine Mutter an den Folgen einer Schwangerschaft. Die Müttersterblichkeit ist damit immer noch doppelt so hoch wie in den Millenniumsentwicklungszielen (MDGs) vorgesehen. In vielen Gebieten der Sub-Sahara in Afrika sind die Zustände ähnlich oder sogar noch schlimmer. Das fünfte der acht MDGs der Vereinten Nationen fordert die 193 UN-Mitgliedsstaaten dazu auf, das Ausmaß der Müttersterblichkeit gegenüber 1990 um Dreiviertel zu senken. Darüber hinaus soll die reproduktive Gesundheit generell gestärkt werden. „Es ist eine Niederlage im Kampf gegen die Armut“, so Eva Joly, französische EU-Abgeordnete bei den Grünen und Vorsitzende des Entwicklungsausschusses des EU-Parlaments, gegenüber EURACTIV. Das sei inakzeptabel und werfe Fragen auf. „Es ist nicht ausreichend, die MDGs auf Papier festzuhalten“, so Joly. „Man muss die Länder davon überzeugen, Verantwortung zu übernehmen.“
„Nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“
Die MDGs basieren auf den positiven weltweiten Entwicklungen zwischen 1965 und 1990. Sie erklären es zum Ziel, den Trend ungebrochen bis 2015 fortzusetzen. Der Rückstand beim Kampf gegen die Müttersterblichkeit ist demnach nicht nur eine Niederlage für die Politik der UNO, sondern auch eine Abschwächung der Entwicklungsfortschritte. Sogar das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) gibt zu, dass „die unzureichende finanzielle Unterstützung für die Familienplanung ein großes Versagen bei dem Einsatz für die Verbesserung reproduktiver Gesundheit von Frauen ist.“ Für Hafsat Abiola, nigerianische Staatsministerin verantwortlich für die MDGs, ist die Finanzierung eng mit anderen Schlüsselthemen wie Macht und Geschlechterbeziehungen verbunden. „Als ich das MDG-Büro in Bundesstaat Ogun übernommen habe und den Anteil der Ressourcen sah, mit denen wir die MDGs erreichen sollten, konnte ich es nicht glauben“, sagte sie. 1,69 Milliarden nigeranische Naira, ungefähr 800.000 Euro, werden dafür jährlich zur Verfügung gestellt. „Ich dachte, das ist unglaublich, wir können so viel tun. Aber wenn man bedenkt, dass der Staat ungefähr 5 Millionen Einwohner hat, von denen 60 Prozent in Armut leben, sind unsere Ressourcen nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Abiola ist die Tochter des zuletzt gewählten nigerianischen Präsidenten Moshood Abiola, der nach einem Militärputsch 1993 in Haft verstarb.
Müttersterblichkeit in Nigeria
Die Müttersterblichkeit in Nigeria liegt immer noch bei ungefähr 350 pro 100.000 Frauen – im Gegensatz zu 20 pro 100.000 in vielen europäischen Ländern. Trotzdem sei die Todesrate seit 2000 um 70 Prozent gefallen, so Abiola. „Wenn man das Leben einer Frau rettet, sichert man auch die Existenz ihrer Kinder. Aber wenn diese Frau stirbt, dann spielt es keine Rolle, wie sehr man die Kinder in der Schule unterstützt – ihr Leben wird nicht mehr das Gleiche sein“, erklärte die Ministerin. Bei einem Besuch in China lag Abiola drei Monate vor dem Ende ihrer Amtszeit in den Wehen und musste selbst unter schwierigen Bedingungen ihr Kind auf die Welt bringen. „Wenn ich nicht eine gute medizinische Versorgung bekommen hätte, wäre ich möglicherweise nicht mehr am Leben. Vielleicht bin ich gerade deswegen so engagiert, Müttern zu helfen und ihr Leben zu retten.“ Der Staat Ogun war der erste in Nigeria, der einen Conditional Cash-Transfer (CCT) einrichtete. Seine Einnahmen für die MDGs sollen 5.000 der ärmsten schwangeren Frauen helfen – 1.000 haben bereits davon profitiert. Bezahlt werden Ernährung, Transport sowie Kommunikation und die medizinische Versorgung. „Diese Frauen können keine traditionellen Geburtshelfer hinzuziehen. Denn sollte es Komplikationen geben, werden die Fähigkeiten dieser Helfer nicht ausreichend sein. Und wenn sie das gemerkt haben, hat die Frau schon zu viel Blut verloren“, sagte Abiola. „Wenn die Frau in eine Klinik eingewiesen wird, haben wir eine höhere Chance, ihr Leben zu retten.“
Patriarchalische Rollenbilder
Auch die traditionelle patriarchalische Rollenverteilung ist ein Problem: Im Rahmen des MDG-Programms in Ogun werden Mobiltelefone an schwangere Frauen in entlegenen Landesteilen verteilt. Allerdings hätten manchmal die Programmmitarbeiter die Frauen auf ihren Handys angerufen und ein Mann habe abgenommen, so Abiola. „Die Mobiltelefone wurden ihnen bereits von ihren Männern weggenommen. Es muss etwas passieren bei diesem Thema, bei dem Macht und individuelle Rechte eine Rolle spielen.“ Die Ungleichheiten bei der Geschlechtergerechtigkeit betreffen jedoch nicht nur die Müttersterblichkeit. Ein UN-Fortschrittsbericht von Anfang 2013 stellte fest, dass sich Frauen häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen befinden als Männer: In der afrikanischen Sub-Sahara sind es 85 Prozent der Frauen gegenüber 69 Prozent der Männer und in Nordafrika 44 Prozent der Frauen gegenüber 26 Prozent der Männer. Geschlechtsspezifische Unterschiede im Bildungsbereich sollten bereits bis 2005 ausgeglichen worden sei – spätestens aber bis 2015. In Nordafrika sind jedoch 79 Prozent derjenigen, die nicht zur Schule gehen, Mädchen – in Südasien sind es 55 Prozent und in Westasien 65 Prozent.
„Frauen werden gesehen, nicht gehört“
Abiola wurde 2003 auf dem Weltwirtschaftsforum als „Global Leader of Tomorrow“ ausgezeichnet. In Ogun hatte sie sich für ein Gesetz gegen häusliche Gewalt eingesetzt, das Gewalt gegen Frauen unter Strafe stellen sollte. „Wir haben kein Problem damit, Mädchen dazu zu bewegen, in die Schule zu gehen“, sagte sie. „Aber in der Gesellschaft ist es generell akzeptiert, dass Frauen gesehen und nicht gehört werden sollten. Der Mann ist das Familienoberhaupt. Die Frauen sollen den Weg frei machen und die Männer die Entscheidungen treffen lassen. „Nigerianer – und alle Afrikaner – sollten sich an die Zeit erinnern, als Sklaven noch legal gehalten wurden. Beispielsweise wurden nur drei Fünftel aller Sklaven bei der Volkszählung erfasst“, sagte Abiola. Die sogenannte Dreifünftel-Klausel war 1787 als Kompromiss zwischen den Nord- und Südstaaten in den USA entstanden, wonach Sklaven zwar kein Wahlrecht hatten, jedoch die Sitzverteilung im Kongress zugunsten der Südstaaten aufwerten sollten. „Kein Schwarzer auf der Erde – vor allem nicht in Nigeria – würde das heute für richtig halten. Aber gleichzeitig würden Viele sagen, dass Frauen im Grunde genommen drei Fünftel eines Mannes wert sind. Dabei berufen sie sich wieder auf religiöse Schriften, um diese Missachtung gleicher Rechte zu rechtfertigen“, so Abiola. „Diese Dinge müssen sich ändern.“ EURACTIV.com/kagl
Links
EURACTIV Brüssel: UN ‚failing‘ women with poverty eradication targets (17. September 2013)

