Die Europäische Kommission will mit 50 Millionen Euro die Ernährungssicherheit in Äthiopien erhöhen. Das Land am Horn von Afrika soll Herr über den Klimawandel werden.
Die Liste der Hungerkatastrophen in der Geschichte am Horn von Afrika ist lang. Die letzte – ausgelöst von einer schweren Dürre – ist erst zwei Jahre her. Die EU will die betroffenen Staaten dabei helfen, für künftige Notsituationen gerüstet zu sein. Im Rahmen der Initiative zur Unterstützung der Resilienz am Horn von Afrika (SHARE) stellt die Kommission den südlichen und östlichen Regionen Äthiopiens zusätzlich 50 Millionen Euro zur Verfügung. Das verkündeten Entwicklungskommissar Andris Piebalgs und die Kommissarin für Humanitäre Hilfe, Kristalina Georgieva. Die EU will die Widerstandsfähigkeit – die sogenannte Resilienz – des Landes gegen verschiedene Schocks stärken. Besonders notleidende Personen sollen während Hungerkatastrophen schneller finanzielle Hilfe und Nahrung erhalten. Zudem soll sich die langfristige Ernährungssicherheit im Land erhöhen – durch Förderung einer bewussten Ernährung und durch die Unterstützung der lokalen Landwirtschaft für den Anbau von Gemüse, Milch und Futtermitteln. „Mit diesem neuen Programm werden wir der äthiopischen Bevölkerung langfristig dabei helfen, ihr Leben wieder aufzubauen, einen Unterhalt zu verdienen und gewappnet zu sein gegen Dürren, die in der Zukunft zwangsläufig auftreten werden“, erklärt Andris Piebalgs.
Millionenausgaben in äthiopisches Sicherheitssystem
Umgesetzt werden die von der EU finanzierten Maßnahmen vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO), der Weltbank und mehreren NGOs. Konkrete Details zu den Projekten sind noch nicht bekannt, sagt ein Äthiopien-Experte von der EU-Kommission (DG DEVCO), gegenüber EURACTIV.de. Ein beträchtlicher Teil soll jedoch in das staatliche Sicherheitsnetz (PSNP) fließen. Besonders betroffene Familien erhalten daraus während Hungerkrisen schneller finanzielle Zuschüsse. Im Gegenzug arbeiten sie im Rahmen öffentlicher Programme; bauen Dämme oder halten Kliniken instand. Zudem soll das EU-Geld in die Festigung kommunale Struktur fließen, Bewässerungssysteme verbessern und Viehbestände nachhaltig stärken.
Entlastungen für Europas Steuerzahler
„Wir wollen Äthiopien von Grund auf stark machen“, sagt der Experte aus der Kommission. „Doch nicht nur das: Am Ende sollen auch Europas Steuerzahler profitieren: Es ist viel günstiger in einem funktionierenden System zu arbeiten, als nach jeder Krise mit einem massiven humanitären Einsatz zu reagieren.“ Die Resilienz-Projekte tragen erst nach vielen Jahren Früchte. Dennoch arbeiten die afrikanischen Regierungen konstruktiv zusammen mit der EU, berichtet der Kommissionsbeamte. Die Staatschefs hätten bereits nach der Dürrekatastrophe von 2011 Strategien diskutiert, künftige Krisen einzudämmen. „Vor zwei Jahren haben sie Verantwortung übernommen und wir erinnern sie an ihr Versprechen“, sagt der Äthiopien-Experte.
Humanitäre Hilfe und Entwicklungsarbeit Hand in Hand
Die Resilienz-Projekte am Horn von Afrika sind Teil einer jüngsten Neuausrichtung der europäischen Entwicklungshilfe. Zu Grunde liegt das Ziel, die negativen Folgen von Naturkatastrophen so gering wie möglich zu halten. Der Klimawandel hat einen Kurswechsel unausweichlich gemacht. „Resilienz ist kein neues Konzept. Aber wir wollen dem Ansatz mehr Kraft verleihen. Wir betrachten die strukturellen Gründe für Krisenanfälligkeiten und Fragilität bestimmter Entwicklungsländer”, erklärt eine Beamte aus der Generaldirektion für Entwicklungszusammenarbeit der Kommission (DG DEVCO). „Wir verzahnen Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe, um gefährdete Bevölkerungsgruppen langfristig krisensicher zu machen.“ Die Kommission erstellte 2012 einen Zehn-Punkte Plan und einen dazugehörigen Aktionsplan, um der Resilienz in der Entwicklungshilfe einen höheren Stellenwert einzuräumen. Der Rat hat sich bereits positiv geäußert. Auch vom Parlament erwartet die Kommission in Kürze Zustimmung. In ihrer Initiative erwähnt die Kommission explizit die bisherigen Resilienz-Projekte am Horn von Afrika (SHARE) und in der Sahel-Zone (AGIR). Jedoch weist sie darauf hin, dass sie auch in anderen Regionen aktiv werden will.
„Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe“
Auch Entwicklungshilfeorganisationen drängen die Geberländer dazu, ihre Entwicklungszusammenarbeit aus der „Resilienz-Perspektive“ zu betrachten und danach auszurichten. In ihrem diesjährigen Welthunger-Index hat die Welthungerhilfe gemeinsam mit der NGO Concern und das Forschungsinstitut IFPRI Thema zum Schwerpunkt gemacht. „Gerade die Ärmsten der Armen stürzen durch eine Katastrophe in die Abwärtsspirale. Wer weniger als 2 Dollar am Tag hat, kann sich keinen Krankheitsfall in der Familie und keinen Ernteausfall leisten. So werden mühsam errungene Erfolge wieder zunichte gemacht, denn die Menschen haben keine Ressourcen, um auf neue Herausforderungen zu reagieren“, sagt Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe. „Für viele Familien ist nach der Katastrophe vor der Katastrophe.“ Dario Sarmadi
Links
EURACTIV Brüssel: Europe tries new recipe to combat hunger in Ethiopia (20. November 2013) Europäische Kommission: The approach to resilience: learning from food security crises (3. Oktober 2012) Europäische Kommission: Action Plan for resilience in crisis prone countries 2013-2020 (19. Juni 2013) Rat der Europäischen Union: Council conclusions on EU approach to resilience (28. Mai 2013) Welthungerhilfe: Welthunger-Index 2013 (Oktober 2013) Weitere Beiträge unseres Special Reports zu „Ernährungssicherheit“ Die Grüne Revolution der Kleinbäuerinnen (18. November 2013)

