EU erhört GAVI-Hilferuf und verdoppelt Hilfszahlungen für Impfstoffe

Impfkampagne in Äthiopien. Foto: UNICEF Ethiopia (CC-BY-NC-ND 2.0)

Die EU will ihre jährlichen Hilfszahlungen für Impfstoffe und Impfkampagnen für den Zeitraum von 2014 bis 2020 von 10 auf 20 Millionen Euro anheben. Die Gavi-Allianz startet gleichzeitig einen Aufruf für zusätzliche Mittel. EURACTIV Brüssel berichtet.

„Es ist schrecklich und inakzeptabel, dass jedes Jahr immer noch ungefähr 1,5 Millionen Kinder an Krankheiten sterben, die durch einen einfachen Impfstoff verhindert werden könnten“, sagte Kommissionspräsident José Manuel Barroso auf einer Konferenz in Brüssel (20.Mai). „Wir verpflichten uns, langfristig alles in unserer Macht stehende dafür zu tun, dass mehr Männer, Frauen und Kinder Zugang zu lebensrettenden Impfstoffen haben, egal wo sie leben.“

Die neuen Einnahmen sollen an Gavi fließen, eine öffentlich-private Partnerschaft, die als Globale Allianz für Impfstoffe und Impfkampagne bekannt ist. Diese Kampagnen haben seit 2000 dazu beigetragen, 440 Millionen Kinder zu schützen und die Leben von sechs Millionen Kindern zu retten.

Der Gavi-Vorstandsvorsitzende, Dagfinn Høybråten, begrüßte die Zusagen der EU. Er sagte, dass die neuen Mittel es „der Gavi-Allianz ermöglichen würden, näher an ihr Ziel zu rücken, ihren Einfluss bis 2020 signifikant zu vergrößern und Millionen weitere Kinder in den ärmsten Ländern gegen tödliche Krankheiten zu impfen.“

Gavi ist der weltgrößte Akteur im Impfsektor. Bis jetzt hat die Gruppe 12 Milliarden US-Dollar Hilfe von verschiedenen Quellen bekommen. Drei Viertel der Spenden kommen von Regierungen und der Rest von Gönnern wie der Anglo-American, der Bill und Melinda Gates-Stiftung, des Opec-Fonds für Internationale Entwicklung, JP Morgan und Statoil. 

Für den Zeitraum von 2016 bis 2020 will Gavi weitere 7,5 Milliarden US-Dollar erhalten, um weitere 300 Millionen Kinder immunisieren zu können und fünf bis sechs Millionen Leben zu retten. Sollte dieses Ziel erreicht werden, würde sich die Zahl der ausreichend vor elf von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgewiesen Krankheiten geschützten Kinder verzehnfachen. So würden auch zwischen 80 und 100 Milliarden US-Dollar an wirtschaftlichem Nutzen generiert werden.

Gavi will ihren Aufruf jetzt bei verschiedenen Foren einbringen. Ein Treffen in Deutschland Anfang 2015, dem Europäischen Jahr der Entwicklung, soll der Höhepunkt sein.

Bis heute macht der EU-Anteil an der Gavi-Finanzierung nur 0,7 Prozent aus. Mehrere NGOs fordern einen Zuwachs von 50 Millionen Euro für den nächsten Finanzierungszeitraum. Das wäre mehr als das Doppelte dessen, was die Kommission nun zugesagt hat.

Jedes Jahr könnten 840.000 Kinder zusätzlich geschützt werden

Dennoch verdienten Barroso und Entwicklungskommissar Andris Piebalgs Respekt dafür, dass sie die Hilfsausgaben trotz der Stagnation des Gesamthaushalts erhöhen, sagt Eloise Todd, die Leiterin des Brüsseler Büros von Charity ONE. „Die 15 Million Euro, die jedes Jahr extra von der Kommission kommen, bedeuten, dass 840,000 Kinder zusätzlich mit drei wichtigen Impfstoffen versorgt werden könnten, die sie jedes Jahr gegen einige der größten Bedrohungen schützen könnten.“

Unter Einbeziehung zusätzlicher Finzanzierungszusagen für Gavi, könnten die heutigen Zusagen 175 Millionen Euro wert sein. Das jedenfalls sagen die Zahlenjongleure bei ONE. „Wir wollen, dass die anderen Geldgeber dem Beispiel der Kommission folgen und ihre Gavi-Beiträge heraufsetzen“, so Todd.

Gavi funktioniert so, dass die Gruppe Einigungen mit großen Pharmakonzernen erzielt. Im Gegenzug zu Blockbestellungen von neuen Impfstoffen etwa gegen Hib und Hepatitis, erhalten sie Preisnachlässe und Preisstaffelungen. In diesem Jahr sagte der Leiter der WHO-Abteilung der weltweiten Immunisierung, Jean-Marie Okwo-Bele gegenüber EURACTIV, dass weniger Ressourcen für Gavi zu „einem Zusammenbruch“ der weltweiten Impfprogramme führen könnten.

Dennoch gibt es auch Kritiker der Gruppe innerhalb der NGO-Community. Sie kritisieren, dass die verlangten Preise immer noch zu hoch für eine allgemeine Abdeckung seien. Aufstrebende Anbieter könnten so keine Generika auf den Markt bringen, die maßgeschneidert auf örtliche Krankheitsstämme sind.

Was passiert, wenn Länder zu reich werden?

Die Gruppe konzentriere sich auf die ärmsten 72 Länder mit niedrigem Einkommen. Dadurch würden viele Arme in den Schwellenländern vernachlässigt. „Beinahe 25 Prozent aller Länder, die zur Unterstützung berechtigt sind, werden in die Gruppe der Länder mit mittleren Einkommen „aufsteigen“ und deshalb die Gavi-Unterstützung verlieren. Viele dieser Länder habe ungeimpfte Kinder“, sagt Kate Elder, Beraterin für Impfstoffstrategie bei den Médecins Sans Frontières (MSF) gegenüber EURACTIV. „Wir wollen Gavi natürlich stärken, aber es sollten wichtige strategische Änderungen vorgenommen werden, um zu gewährleisten, dass die 22 Millionen Kinder abgedeckt sind, die nicht vollständig geimpft sind und deren Erfassung zurückgeht, weil ihre Länder die Gavi-Unterstützung verlieren.“

Seit 2003 hat die EU Gavi 83 Millionen Euro gegeben. Zwei Drittel davon wurden in Afrika, der Karibik und den pazifischen Ländern ausgegeben (den ACP-Ländern). Ungefähr die Hälfte aller weltweiten Sterbefälle junger Kinder und der Müttersterblichkeit ereignet sich in Subsahara-Afrika.

Die GAVI-Finanzierung fördert elf Impfstoffe, darunter solche gegen Pneumokokken und gegen Rotaviren sowie gegen das Papillomavirus, das Gebärmutterhalskrebs verursacht.

Gavi kann Pneumokokken-Impfstoffe für 3 US-Dollar pro Dosis anbieten. NGOs wie die MSF haben aber keinen Zugang zu den von Gavi verhandelten Preisen. Sie mussten die Impfstoffe, die sie für eine Immunisierungskampagne für Flüchtlinge im Südsudan brauchten, für 7 US-Dollar pro Dosis kaufen. 

Gavi bereitet momentan eine Überarbeitung ihrer Strategie vor. Sie könnte in Zukunft Hepathitis–Impfprogramme in China abdecken. In China und Indien lebt ein Drittel aller ungeimpften Kinder weltweit.

Renate Baehr ist die Leiterin der Wohltätigkeitsorganisation Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW). Sie sagt: "Die DSW begrüßt die Entscheidung der Kommission, ihre Finanzhilfen für die GAVI-Allianz zu verdoppeln. Die Deadline für die Millenniumsziele (MDG) rückt immer näher und der Fortschritt bei den wichtigsten Indikatoren für die Gesundheit von Mutter und Kind hinkt hinterher, weshalb die heutige Ankündigung der Kommission sehr wichtig ist, wenn man sich überlegt, welch große Auswirkungen die Immunisierungsprogramme auf die Kindersterblichkeit in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen haben."

Eloise Todd, Leiterin des Brüsseler Büros von Charity ONE sagt: "Dennoch verdienen Kommissionspräsident Barroso und Entwicklungskommissar Andris Piebalgs Respekt dafür, dass sie die Hilfsausgaben bei gleichzeitiger Stagnation des Gesamthaushalts erhöhen. Die 15 Million Euro extra, die jedes Jahr von der Kommission kommen, bedeuten, dass 840,000 Kinder zusätzlich mit drei wichtigen Impfstoffen versorgt werden könnten, die sie jedes Jahr gegen einige der größten Bedrohungen schützen könnten. Die Kommission hat auch für 2014 und 2015 zusätzliche Mittel beigefügt und sich langfristig bis 2020 dazu verpflichtet, sodass die heutigen Zusagen 175 Millionen Euro wert sein könnten. Wir wollen, dass die anderen Geldgeber dem Beispiel der Kommission folgen und ihre Gavi-Beiträge heraufsetzen. Außerdem hoffen wir, dass die Kommisssion die Tür für weitere Investitionen in Gavi, einen der effektivsten Mechanismen zur Lebensrettung im Entwicklungssektor, offen lässt."

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