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22/01/2017

Edegem und San Jerónimo schreiben Kompost-Geschichte

Entwicklungspolitik

Edegem und San Jerónimo schreiben Kompost-Geschichte

Der stolze Bürgermeister Edegems, Jeroen Van Laer, hält das Ergebnis des belgisch-peruanischen Erfolgsprojekts in den Händen – Kompost als Dünger für die Landwirtschaft

SPECIAL REPORT / Die Partnerschaft zwischen der belgischen Stadt Edegem und der peruanischen Gemeinde San Jerónimo ist eine wahre Erfolgsgeschichte. Nun sind auch viele andere Gemeinden an dem Projekt zur Kompostierung organischen Abfalls interessiert. EurActiv Brüssel berichtet.

Edegam und San Jerónimo sind kleine Städte: Die kleine Gemeinde Edegem mit etwa 22.000 Einwohnern liegt in der belgischen Provinz Antwerpen in Flandern. San Jerónimo ist eine Ortschaft mit 31.000 Einwohnern in den Anden auf ± 3.500 Metern Höhe – nur zehn Kilometer vom Touristenort Cuzco entfernt. Von den Tausenden Touristen, die die ehemalige Inkastadt Cuzco besuchen, besichtigt kaum einer San Jerónimo. Viele Peruaner aber doch: Sie vermuten, das Partnerprojekt mit Edegem sei die treibende Kraft der lokalen Wirtschaft.

Edegem ist Mitglied des Verbands Flämischer Städte und Kommunen (VVSG), Partner von PLATFORMA, dem europäischen Netzwerk lokaler und regionaler Entwicklungsbehörden.

Betty de Wachter ist Leiterin der Abteilung für internationale Angelegenheiten beim Gemeindeverband Flanderns, dem niederländischsprachigen Teil Belgiens. Ihr zufolge habe es einige Zeit gebraucht, die Projektidee zu entwickeln. San Jerónimo begann 2004, mit Edegem im Rahmen eines kleineren Kollaborationsprojektes zusammenzuarbeiten. Die flämische Stadt stellte Gelder für lokale NGOs zur Unterstützung dortiger Bibliotheken und Finanzierung von Animationsprogrammen für Kinder bereit.

Die Initiative half dabei, eine gute Beziehung zwischen den beiden Gemeinden aufzubauen. Ihre Vertreter begannen bald, die Probleme des großen Marktes Vinocanchón im Territorium San Jerónimos zu erörtern. Dort kommen täglich tausend Händler zusammen und produzieren Unmengen organischen Abfall. So begannen beide Parteien, über das kleine Bibliotheksprojekt hinaus Abfallmanagement zu diskutieren. Dieses Thema stellte ein großes Problem dar, denn peruanische Dorf- und Stadtbewohner leben mit ihren Tieren zusammen. In den Häusern entsteht demzufolge viel Biomüll, der sich mit der Zeit ansammelt. Bevor man das Projekt ins Leben rief, entsorgte man organischen Abfall auf einer Müllhalde, wo man ihn verbrannte oder vor sich hin rotten ließ. Niemand schien sich Gedanken über die ökologischen Folgen zu machen.

Eine gemeinsame Initiative

Die Initiative zum Umgang mit organischem Abfall ging von beiden Seiten aus. San Jerónimo hatte sich bereits mit dem Thema Kompostierung auseinandergesetzt und überlegt, wie man organischen Müll noch nutzen könnte. Erst in Zusammenarbeit mit Edegem kam jedoch 2005 ein Projekt zur Abfallaufbereitung zustande.
Man führte ein System zur Abfallsammlung ein. Dies beschränkte sich nicht nur auf den Markt, wo Händler es sich bald zur Angewohnheit machten, den Müll zu einem speziellen Transporter zu bringen. Auch Häuser bezog man in das System mit ein.

The municipal worker (he has both logos of Edegem and of his own municipality at the back) – Compost Â– Trabajando por el medio ambiente The municipal worker (he has both logos of Edegem and of his own municipality at the back) – Compost Â– Trabajando por el medio ambiente 

„Um fünf Uhr morgens liefen wir hinter dem Müllwagen der Stadt her, der den organischen Abfall der Haushalte einsammelte. Die Familien waren sehr motiviert. Denn die Stadt hatte sich sehr für die Aufklärungsarbeit eingesetzt und erklärt, wie sinnvoll die Trennung von organischem und normalem Müll ist“, erinnert sich De Wachter.

The collection of organic waste from households in the municipality (street by street) The collection of organic waste from households in the municipality (street by street)

Die Dorfbewohner entwickelten bald die Angewohnheit, ihren organischen Müll morgens zwischen fünf und sechs Uhr zur Abholung vor die Haustür zu stellen. Den Abfall transportierte man in die Berge (die Gemeinde liegt in einem Tal) zu einer von der Stadt verwalteten Fläche Land. Dort ist das Kompostprojekt angesiedelt. Das gesamte System erfordert sehr viel manuelle Arbeit. Es schuf also zahlreiche Arbeitsplätze. Die in der Abfallverwertung tätigen Menschen lud man nach Edegem ein, wo sie eine Einführung in das belgische Konzept der Kompostierung organischen Abfalls erhielten. Sie lernten auch, wie man das aus dem Biomüll austretende Wasser weiter verwenden kann. Sogar Hühner spielen eine große Rolle, da sie einen Teil des Biomülls, wie zum Beispiel Insekten, aufpicken. Die für die Überwachung der Kompostfläche verantwortliche Familie ist inzwischen in die Eierproduktion gegangen.

Die Gemeinde traf eine Abmachung mit den Landwirten, denen das Land eigentlich gehört. Im Gegenzug für die Nutzung der Fläche erhalten die Landwirte Kompost. Dieser eignet sich hervorragend als natürlicher Dünger, vor allem für die hoch gelegenen Kartoffelplantagen.

Die Zusammenarbeit brachte das Projekt voran. Das wichtigste Element war jedoch laut De Wachter, dass die Stadtverwaltung von San Jerónimo die Verantwortung übernahm und das Projekt in die eigene Politik überführte. „Das ist das Erfolgsrezept einer solchen Partnerschaft. Manchmal dauern sie fünf oder zehn Jahre, doch letztendlich zahlen sie sich für die Gemeinden wie jene in Peru aus. Sie integrieren die Projekte in ihre Lokalpolitik und werden so nachhaltiger“, betonte sie. Indem sich die Stadt mit dem Abfallmanagement auseinandersetzte, entschied sie, sich für die unter der Armutsgrenze lebenden Menschen einzusetzen. Viele von ihnen leben vom Verkauf anderer Abfallsorten wie Papier oder Plastik. Man unterstützte sie bei der Gründung einer Genossenschaft. Darüber hinaus stattete die Stadt sie mit Arbeitskleidung und Handschuhen aus.

Indirekt half das Projekt dem Markt, einen nachhaltigen Ruf zu erlangen. Das endgültige Ziel San Jerónimos ist die Klassifizierung des Vinocanchón-Markets als gesunder Markt. Der Standard, den das peruanische Gesundheitsministerium hierfür gesetzt hat, ist hoch. Mindestens 75 Prozent der Verkaufsstellen müssen mit einem grünen Zertifikat ausgestattet sein.

The collection of the organic waste on the market of Vinocanchón by the municipal workersThe collection of the organic waste on the market of Vinocanchón by the municipal workers

Die belgische Regierung teilfinanziert das Projekt. Doch auch die flämischen Behörden stellen Gelder bereit. Beamte der Stadtverwaltung von Edegem stellen umsonst ihre Expertise und Zeit zur Verfügung. Die einzig anfallenden Kosten entstehen durch Reise und Unterbringung.

Kaum Kosten – doch wie überzeugt man die EU?

„Die Kosten sind nicht besonders hoch, aber die Wirkung umso bedeutender. Es ist jedoch nicht ganz einfach, der EU oder unserem Außenministerium das klar zu machen. Warum sollten sich Gemeinden einer solch schwierigen, komplexen Beziehung verschreiben? Der Grund ist Solidarität – aber auch der Austausch von Expertise und Know-how, das Lösen gemeinsamer Probleme, das beidseitige Lernen“, so De Wachter. Edegem habe in Peru gelernt, dass die lokale Stadtverwaltung dort in Sachen Bürgerhaushalt viel weiter entwickelt sei als die in Flandern. Es sei ein Austausch zwischen Gleichgesinnten, zwischen Kollegen, betonte sie. De Wächter erklärte auch, dass die Stadtverwaltung Edegems durch die Finanzspritze der belgischen Regierung in der Lage sei, kleinere Ausrüstungsgegenstände für das Kompostprojekt zu kaufen. Die Expertise gibt es jedoch umsonst und die Stadt Edegem kam für die Reise- und Unterbringungskosten sowie die Einladung der Peruaner nach Belgien auf.

De Wachter zufolge endet das Programm voraussichtlich 2016. Diese Woche werde der Verbund eine Planungswoche veranstalten, um schon nächstes Jahr ein weiteres Projekt in die Wege leiten zu können. Ganz oben auf der Tagesordnung stehen dabei klimabezogene Themen. Die Organisatoren werden jedoch auch berücksichtigen, was die Gemeinde unternehmen will, in der Lage ist, zu leisten und auf welche Errungenschaften sie dabei bauen kann. „Wir müssen bescheiden, aber ehrgeizig sein“, sagte sie.

Das Projekt hat auch in anderen Gemeinden Perus viel Aufmerksamkeit erregt. Viele Menschen besuchen San Jerónimo, um sich anzusehen, wie man das Kompostprojekt aufgebaut hat oder warum es so gut funktioniert. Sogar ein US-amerikanischer Professor kam persönlich vorbei, um das Erfolgsrezept des Programms kennen zu lernen.