Die Grüne Revolution der Kleinbäuerinnen

Frauen spielen eine entscheidende Rolle bei der Ernährungssicherung in Schwellen- und Entwicklungsländern. Daran erinnert nun auch die internationale Gemeinschaft. Foto: Schütz / pixelio.de

Knapp eine Milliarde Menschen leiden weltweit chronisch Hunger. Um die wachsende Bevölkerung nachhaltig zu ernähren, fordern die Vereinten Nationen, Bauernverbände und zahlreiche NGOs eine zweite Grüne Revolution. Kleinbauern in Entwicklungsländern sollen wieder mehr Macht gewinnen – besonders Frauen.

Die Grüne Revolution ist ein Reizbegriff in der Debatte um die Hungerbekämpfung. In den 1960er Jahren bewirkte die internationale Gemeinschaft eine Verdoppelung der Nahrungsmittelproduktion – mit verheerenden Folgen für Umwelt und Gesundheit in den Entwicklungsländern. Kritiker bemängeln, dass sich die Ressourcen von verfügbarem Land und Wasser rapide verknappten und besonders Kleinbauern vom Kuchen der Revolution zu wenig abbekamen. „Trotz der Milliardenhilfen leben noch heute Bauern in Afrika unter unmenschlichen Bedingungen. Der Trickle-Down-Effekt, den sich die Geberländer gewünscht hatten, trat nicht ein. Statt top-down zu investieren, hätten sie die Stärken der Menschen nachhaltig fördern müssen“, sagt Jervis Zimba, Vizepräsident der Weltbauernorganisation (WFO), gegenüber EURACTIV.de. Die Vereinten Nationen fordern jetzt einen neuen Anlauf: eine zweite Grünen Revolution mit massiven Investitionen in Kleinbauern. „Eine Politik, die darauf abzielt, die agrarwirtschaftliche Produktivität und den Zugang zu Nahrung zu erhöhen, speziell wenn sie auf Kleinbauern abzielt, kann den weltweiten Hunger senken. Sogar dort, wo Armut weit verbreitet ist“, heißt in dem diesjährigen Bericht zur „State of Food Insecurity in the World“ der UN-Ernährungsorganisation FAO. „Kleinbauern können Vorreiter einer nachhaltigen Revolution sein“, bekräftigt zudem eine jüngst veröffentlichte Studie des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP). Vor diesem Hintergrund hat sich kürzlich der UN-Welternährungsausschuss (CFS) in Rom getroffen und ein klares Zeichen gesetzt: Kleinbauern müssten an den nationalen Agrarmärkten und transnationalen Wertschöpfungsketten stärker beteiligt werden, um die Ernährungssicherheit in Entwicklungs- und Schwellenländern zu steigern, so der Abschlussbericht. Durch höhere Investitionen von nationalen Regierungen, Geberländern und Entwicklungshilfeorganisationen sollen Transport und Infrastruktur verbessert sowie Böden und Wälder durch nachhaltige Bewirtschaftung erhalten werden. Kleinbauern müssten eigenständiger und ertragreicher arbeiten können. Teilnehmer des CFS-Treffens waren unter anderem elf UN-Organisationen, 95 NGOs und 47 Vertreter aus dem Privatsektor.

Kleinbauern müssen wettbewerbsfähiger werden

Für George Rapsomanikis, Ernährungsexperte der FAO, sind Kleinbauern treibende Kräfte für Wachstum und Ernährungssicherung. Sie äßen was sie produzieren und stärken zugleich die ländliche Wirtschaft. In Afrika seien 80 Prozent der Bauern mit weniger als zwei Hektar Landbesitz Kleinbauern. Absurderweise sind es die Bauern selbst, die am häufigsten Hunger leiden. „Sie sind mit immer komplexeren Lieferketten konfrontiert. Im Wettlauf gegen große Bauernbetriebe sind sie meist die Unterlegenen. Und Banken zögern, ihnen Kredite zu geben“, sagt Rapsomanikis gegenüber EURACTIV.de. Öffentliche und private Investitionen sollten deshalb Ausbildungsmaßnahmen für Kleinbauern im Bereich Managementwissen, Produktionstechnik und nachhaltige Landwirtschaft fördern. „Erfahrungen in vielen Ländern zeigen, dass solche Ausgaben mehr bringen als Geld für Düngemitteln oder andere landwirtschaftliche Betriebsstoffe. Während letztere politisch populär ist, ist es weniger nachhaltig und wirkungsvoll.“ Es bringe den Bauern nichts, wenn sie einfach nur mehr produzieren, meint die EU-Kommission. „Sie müssen fester Bestandteil der Wertschöpfungsketten werden, damit sie ihre Produkte zu einem angemessenen Preis verkaufen können“, erklärt ein hochranginger Experte für Ernährungssicherung bei der Generaldirektion Entwicklungszusammenarbeit (DG DEVCO), gegenüber EURACTIV.de. Ein Beispiel sind Kakao- und Bananenbauern in Südamerika: Sie sollen sich behaupten können im Wettkampf gegen Großbauern und transnationale Konzerne. „Wir kooperieren eng mit Bauernorganisationen, denn nur im Verbund können sie sich organisieren gegen das Agrobusiness und können besser verhandeln, wenn es um Landenteignungen geht“, so der Experte.

Gewalt an Frauen gefährdet Ernährungssicherheit

Die nächste Grüne Revolution soll aber vor allen Dingen weiblich sein. In Wertschöpfungsketten spielen Frauen eine dezidierte Rolle: in der Bewirtschaftung des familiären Landbesitzes, beim Verkauf auf Marktplätzen, bei der Zubereitung von Nahrung und bei der Ernährung der Familie. Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen hätte jedoch dazu geführt, dass der Kampf gegen den Hunger gebremst wurde, sagen NGOs. In einem gemeinsamen Bericht, dem „Right to Food and Nutrition Watch 2013„, argumentieren 21 Entwicklungshilfeorganisationen, dass Frauen einen beschränkten Zugang zu natürlichen Ressourcen haben, ungleich bezahlt werden, kaum politisches Mitspracherecht haben und häufig Opfer von sexuellen Missbrauch am Arbeitsplatz sind. Der Bericht fordert, die Menschenrechtsbildung in den Entwicklungsländern zu verbessern und Kontroll- und Sanktionsmechanismen bei Menschenrechtsverletzungen an Frauen zu stärken. „Das Problem bisher ist, dass Frauen zwar auf dem Land arbeiten, aber selten Land besitzen“, sagt Carina Hirsch von der WFO gegenüber EURACTIV.de. Unter anderem müssten Frauen künftig in der Lage sein, Land erben zu können. Zudem sollen sie sich miteinander vernetzen und Informationen austauschen mit dem langfristigen Ziel eine Führungsrolle in der Landwirtschaft zu übernehmen. Die EU habe schon seit mehreren Jahren Frauen in den Fokus ihrer Entwicklungszusammenarbeit gerückt, meint der Kommissionsexperte für Ernährungssicherheit. Beispiele seien Nothilfeprogramme mit genderspezifischer Ausrichtung, wie etwa das Vulnerable Group Feeding Program in Bangladesch, das besonders Frauen und Kinder nach Nahrungsmittelpreissteigerungen und Naturkatastrophen hilft. Zudem wolle sie mit ihrer Mitteilung zur Verbesserung der Ernährung von Mutter und Kind im Kontext der Außenhilfe der chronischen Mangelernährung von Kindern entgegentreten. „Mangelernährung ist nicht nur verantwortlich für die hohe Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern“, so der Beamte. „Wenn Nahrung zu teuer und qualitativ unzureichend ist, dann können Kinder später niemals ihr volles Potenzial entfalten.“ Dario Sarmadi

Links

EURACTIV Brüssel: Women to spearhead next ‚Green Revolution‘ (18. November 2013) FAO: The State of Food Insecurity in the World 2013 (1. Oktober 2013) UNEP/IFAD: Smallholders, Food Security and the Environment (Oktober 2013) CFS: Final Report of the Committee on World Security’s 40th Meeting (Oktober 2013) World Famers‘ Organization (WFO): Recommendations for eliminating rural poverty and achieving food security (21. Mai 2012) Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): Zehn Punkte gegen den Hunger (2013) EU-Kommission: Mitteilung zur Verbesserung der Ernährung von Mutter und Kind im Kontext der Außenhilfe (12. März 2013)

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