Deutschland bereitet EU-Weißhelmtruppe gegen Seuchen vor

Die jüngste Ebola-Epidemie forderte mehr als 11.000 Opfer – vor allem in Entwicklungsländern. [© DFID (CC BY 2.0)]

Die EU soll im Kampf gegen globale Epidemien vereinte Wege gehen: Außenminister Frank-Walter Steinmeier plant eine hochspezialisierte Eingreiftruppe gegen Seuchen wie Ebola. Für die „Weißhelme“ hat er auch den Evakuierungsflieger „Robert Koch“ abgestellt.

Unentschlossen, chaotisch, träge – die europäische Antwort auf den Ausbruch der Ebola-Epidmie in Westafrika kam zu spät, der Hilfsmotor stotterte. Diese Kritik teilen NGOs, Europapolitiker – und auch die Bundesregierung.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat deshalb bereits vor drei Monaten eine schlagfertige Sofort-Einheit gegen künftige Seuchenausbrüche ins Gespräch gebracht. Aus dieser groben Idee ist nun ein konkreter Plan geworden: „Vor dem Hintergrund der mit der Ebola-Epidemie gemachten Erfahrungen arbeiten auf Initiative von Außenminister Steinmeier EU und EU-Mitgliedsstaaten daran, einen Pool krisenerfahrener medizinischer und logistischer Experten – sogenannte Weißhelme – aufzubauen“, erklärt das Auswärtige Amt auf Nachfrage von EURACTIV.de.

„Der Pool soll es ermöglichen, dass die EU-Mitgliedsstaaten zukünftig durch gemeinsames, koordiniertes und schnelles Handeln auf internationale Epidemien effektiv reagieren können und insbesondere die Zeitspanne zwischen dem Ausbruch einer Krankheit und dem Einsatz von Experten so kurz wie möglich halten.“

Als Zeichen des guten Willens wirft die Bundesregierung das Evakuierungsflugzeug „Robert Koch“ in den Ring. Der umgerüstete Lufthansa-Airbus ist eine weltweit einzigartige fliegende Sonder-Isolierstation: Sie kann erkrankte Patienten in jedem Krankheitsstadium versorgen und transportieren. Die EU-Partner sollen bei künftigen Weißhelm-Einsätzen auf die „Robert Koch“ zugreifen können. „Wir leisten damit einen wichtigen Beitrag, unsere Initiative voranzubringen“, heißt es aus dem Auswärtigen Amt.

Die Umsetzung der Weißhelm-Initiative soll im Rahmen des EU-Katastrophenschutzverfahrens erfolgen. Die Koordination der Einsätze würde dann das Informations- und Beobachtungszentrum (MIC), angesiedelt in der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission, übernehmen. An dem Verfahren nehmen insgesamt 31 Staaten teil – die Mitgliedstaaten der EU, Island, Liechtenstein und Norwegen. Sie stellen die Experten, die Ausrüstung, Transportmittel oder Einsatzmodule, erklärt das Ministerium.

Außenminister anderer EU-Staaten stehen hinter Steinmeiers Plan. In den Schlussfolgerungen des Rates vom 17. November 2014 beabsichtigen die Außenminister, die konkreten Arbeiten gemeinsam mit der EU-Kommissionen zu starten, sobald „die akute Phase der Krise“ überwunden ist.

Merkel will UN-Eingreiftruppe

Parallel zu Steinmeiers EU-Einheit arbeitet Bundeskanzlerin Angela Merkel an dem Aufbau einer internationalen Weißhelmtruppe. Eine entsprechende Initiative will sie gemeinsam mit dem derzeitigen Vorsitzenden der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS, dem ghanaischen Staatspräsidenten John Dramani Mahama, und der Ministerpräsidentin Norwegens, Erna Solberg, in die Vereinten Nationen einbringen. ECOWAS umfasst auch die von der Ebola-Epidemie betroffenen Staaten Liberia, Sierra Leone und Guinea.

Den Begriff einer Weißhelmtruppe hält Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland, für „denkbar unpassend“. Aus seiner Sicht gibt es bereits ausreichend viele staatliche und nicht-staatliche Akteure, die für eine effektive Seuchenbekämpfung in Frage kommen. „Dass eine neue supranationale Einheit besser, schneller und effektiver humanitäre Hilfe verrichten kann, darf bezweifelt werden“, so Stöbe.

Ärzte ohne Grenzen: Ausbildung für Helfer verbessern

Die Ebola-Krise habe gezeigt, dass es sowohl auf internationaler Ebene als auch in Deutschland nicht genug Einsatzkräfte gibt, die bei hochinfektiösen und damit hochriskanten Epidemien und in Ländern mit schlecht entwickelten Gesundheitssystemen arbeiten können, erklärt Stöbe. In Zukunft müssten auf zwischenstaatlicher Ebene Hilfskonzepte geschaffen werden. Nationale Regierungen sollten sich solidarisch zeigen und Verantwortung übernehmen.

Der Public-Health-Professor Olaf Müller begrüßt den Vorstoß der Bundesregierung. Doch müssten die Entwicklungsländer selbst in die Lage versetzt werden, sich gegen Seuchenausbrüchen zu wehren. „Diese Länder brauchen ein elektronisches, web-basiertes Frühwarnsystem. Alle Informationen zu Epidemie-Fällen, sogar aus den entferntesten Gegenden, müssen über direktem Weg in einer zentralen Stelle einlaufen“, fordert Müller gegenüber EURACTIV.de. Die EU müsse die Leute vor Ort entsprechend ausbilden, denn diese Systeme seien kompliziert. In Ghana funktioniere ein solches „Surveillance-System“ bereits gut.

Gesundheitsexperte: Weißhelme brauchen Anthropoligie-Training

Die Weißhelm-Trupps müssen laut dem Müller zudem in Anthropologie geschult werden. „Es ist wichtig, sich mit der Kultur der Länder auseinanderzusetzen, in denen man helfen möchte“, so Müller. Die biomedizinische Sichtweise des Westens sei in den afrikanischen Ländern – besonders in den ländlichen Regionen – nicht verbreitet. In der Bevölkerung würden oft Dinge wie Fehlverhalten oder Magie für die Entstehung von Krankheiten verantwortlich gemacht, sagt der Gesundheitsexperte der Universität Heidelberg

„Nehmen wir das Beispiel Malaria in Burkina Faso. Bei leichteren Formen der Erkrankung suchen die Erkrankten oft Heiler auf, gleichzeitig aber auch westlich geprägte Mediziner. Bei der schweren Form der zerebralen Malaria, bei der es zu Krämpfen kommen kann, ändert sich das Bild jedoch: Dann vermuten viele Menschen einen Vogel als Ursache, der nachts über das Dorf fliegt und ihnen die Krämpfe beschert. In einem solchen Fall wenden sie sich fast nur an traditionelle Heiler“, so Müller. „Westliche Helfer müssen auf die traditionellen Heiler und religiösen Führer zugehen.“

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.