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19/01/2017

Brandherd und Friedensmacht: Die Rolle von Religion in der Entwicklung

Entwicklungspolitik

Brandherd und Friedensmacht: Die Rolle von Religion in der Entwicklung

Überlegt, wie Religion als "positive Gestaltungskraft" besser für Entwicklungsprozesse genutzt werden könnte: Entwicklungsminister Gerd Müller.

[Michael Gottschalk/photothek]

Das Entwicklungsministerium will die Rolle von Religion neu werten. Seit dem 11. September 2001 wurde Religion eher als Brandbeschleuniger in Konflikten verstanden. Minister Müller will das Positive sehen.

„Religion kann Brücken bauen und Menschen motivieren, sich für andere und die Umwelt einzusetzen. Dieses Potenzial haben wir viel zu lange vernachlässigt“, sagt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Einerseits. Andererseits hat das Hamburger Giga-Institut in einem Forschungsprojekt von 2008 bis 2015 ermittelt, dass gerade in Afrika in 22 von 48 Konflikten die Religion eine eher destruktive Rolle spielte. Allerdings, schreibt der Leiter des Projekts, Matthias Basedau, sei die Rolle von Religionen bei der Konfliktbewältigung nahezu nicht erforscht. Basedau findet auch, dass die Rolle von Religion nicht nur als Konfliktbeschleuniger, sondern als positive Kraft stärker in den Blick genommen werden sollte. In einem neuen Forschungsvorhaben will Basedau nun herausfinden, unter welchen Bedingungen Religion nachhaltige Entwicklung verstärkt oder sie eher hemmt.

Bis zum Jahresende will das Entwicklungsministerium (BMZ) ein Konzept erarbeiten, wie Religion als „positive Gestaltungskraft“ besser für Entwicklungsprozesse genutzt werden könnte. Seit 50 Jahren finanziert das Ministerium kirchliche Entwicklungsarbeit in aller Welt, 2014 standen dafür 218 Millionen Euro zur Verfügung. Doch erst jetzt hat man Interesse daran, herauszufinden, was diese Finanzierung denn eigentlich vor Ort bewirkt.

In der vergangenen Woche wurde das Thema gleich zwei Mal halb öffentlich diskutiert, bei der KfW-Bank und bei Misereor, dem katholischen Hilfswerk. Martin Mauthe-Käter vom BMZ berichtete, dass die Weltbank, das britische Entwicklungsministerium und andere globale Geber sich seit einigen Jahren verstärkt Gedanken darüber machen, welche Rolle Religion bei der Entwicklung spielt. Die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit soll nun Beispiele finden, die zeigen, in welchen Fällen glaubensgetriebene Entwicklungsorganisationen besonders erfolgreich arbeiten.

Klar ist, dass kirchliche oder von anderen Glaubensgemeinschaften getragene Hilfsorganisationen in autoritären und repressiven Staaten oft einen Sonderstatus genießen, der es ihnen ermöglicht, auch dann noch konkrete Sozial- oder Entwicklungsarbeit zu leisten, wenn säkulare Nichtregierungsorganisationen das nicht mehr können. Oder wenn die staatliche Entwicklungshilfe aus politischen Gründen nicht tätig werden kann oder will. Allerdings ist der Bundestagsabgeordneten Claudia Lücking-Michel (CDU) klar, dass die Rolle der Religion fast immer ambivalent ist. An vielen Ort wirkt die Religion vor allem als Brandbeschleuniger in Konflikten um Ressourcen – Wasser, Weidegrund, Land, Öl, Mineralien – oder in politischen Auseinandersetzungen, die oft entlang von ethnischen Grenzen geführt werden. Häufig stehen sich dann Christen und Muslime bewaffnet gegenüber. Oder werden Opfer der jeweils anderen Glaubensgemeinschaft.

Bisher hat das BMZ nicht erkennen lassen, wie es sich zu islamischen Hilfsorganisationen stellt. Die Briten dagegen wittern in jeder dieser Gruppen zunächst einmal Terrorhelfer. Wenn das BMZ die Rolle von Religion in der Entwicklung neu bewerten will, wird es um eine Positionierung nicht herumkommen.