Bodenerosion: „100% Bio ist keine Lösung für Afrika“

Der massive Einsatz von Mineraldüngern gefährdet die Qualität der Böden und die Ernährungssicherheit ganzer Regionen. Dennoch fordern Agrarexperten mehr chemischen Dünger in Afrika. Foto: dpa

Jedes Jahr verliert die Welt mehr als 24 Milliarden Tonnen fruchtbare Erde. Verantwortlich sind mitunter synthetische Düngemittel. Agrarexperten plädieren trotzdem für dessen verstärkten Einsatz.

Fruchtbarer Boden garantiert das Überleben der Menschheit. Er ist Nahrungsgrundlage und fungiert als wichtigster Nährstofflieferant. Dennoch gehen dem Planeten jährlich weltweit mehr als 24 Milliarden Tonnen verloren. Erosion, Überweidung, Schadstoffe und Naturkatastrophen sind nur einige Gründe. Auf der Global Soil Week in Berlin forderten Wissenschaftler ein Umdenken in der Agrarpolitik. Besonders in Afrika müsse sich die Produktivität der Landwirtschaft erhöhen, ohne dabei die Natur zu belasten. „In Subsahara-Afrika ist Bodenerosion und der Verlust von Bodenfruchtbarkeit durch nicht nachhaltige Landnutzung das größte Problem“, erklärt Agrarforscher Rolf Sommer, der am Internationalen Zentrum für Tropische Landwirtschaft (CIAT) in der kenianischen Hauptstadt Nairobi arbeitet. Um den Nährstoffgehalt im Boden zu erhalten, hat sich in Europa der Bio-Landbau durchgesetzt. Um ihre Produkte mit dem Bio-Siegel zu schmücken, düngen Landwirte ausschließlich mit Kuhmist, Gülle und Jauche sowie Mulch und Stroh. Für Sommer ist eine solche Ausrichtung für Afrika derzeit nicht praktikabel. „Organischer Dünger muss irgendwie hergestellt werden, bevor er eingesetzt werden kann.“ Ein großer Teil der Böden in Subsahara-Afrika seien aufgrund ihres Alters aber recht unfruchtbar und arm an Nährstoffen, so Sommer. Dort müssten Bauern durch chemischen Dünger Nährstoffe zuführen, um überhaupt produzieren zu können. „Der moderate Einsatz von Mineraldünger ist momentan die einzige Möglichkeit“, so der Boden-Experte.

WWF: Chemischer Dünger beschleunigt Klimawandel

Der World Wide Fund For Nature (WWF) kritisiert den Einsatz von chemischem Dünger: „Mineraldünger in der Landwirtschaft verkörpert die Endlichkeit natürlicher Ressourcen. Er gefährdet die Ernährungssicherung von morgen“, heißt es in einer Studie in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung. Durch chemisch-synthetische Düngung ginge den Böden verstärkt Humus abhanden. Fehlt der Humus, dann würden die Nährstoffe mit jedem Regen ausgewaschen. Weitere Folgen sind der Verlust von Biodiversität, Bodenversauerung sowie Lachgas-Emissionen zu Lasten der Umwelt und zu Gunsten des Klimawandels. Birgit Wilhelm vom WWF kritisiert, dass etliche Kleinbauern keinen direkten Zugriff auf die Rohstoffvorkommen hätten, die sich für die Eigenproduktion von Düngemitteln eignen. „Bauern begeben sich in eine bedrohliche Abhängigkeit von großen Düngemittelherstellern.“ Wilhelm fordert deshalb den Bio-Landbau in Afrika zu fördern und das Geld – statt in chemische Düngemittel – in entsprechende Ausbildungsmaßnahmen zu stecken. „Wir können unsere Landwirtschaft komplett auf Bio umstellen. Das ist nicht nur umweltfreundlich, sondern wirtschaftlich nachhaltig“, erklärt Mwatima Juma von der Landwirtschaftsorganisation TOAM in Tanzania gegenüber EURACTIV.de. „Forschungsergebnisse zeigen, dass mit organischem Düngemittel langfristig mehr produziert werden kann.“

Afrikas Regierungen investieren in Düngemittelmarkt

Dennoch sind die afrikanischen Regierungen seit einigen Jahren bestrebt, den Mineraldüngeeinsatz massiv zu steigern. 2007 rief die Afrikanische Entwicklungsbank den African Fertilizer Financing Mechanism ins Leben. Dadurch fließen jährlich Millionenbeträge in die Produktion und Verbreitung von Dünger. Das Motiv ist klar: Mineraldünger verspricht den Bauern kurzfristig Mehrerträge und verschafft der Wirtschaft Wachstumsraten. Juma kritisiert, dass die Regierungen gezielt die Erforschung von Pflanzensorten unterstützten, die nur durch Mineraldünger am Leben gehalten werden. „Damit wird der Eindruck erweckt, dass chemischer Dünger die einzige Lösung sei“, sagt Juma. Zudem berge der Düngemittelmarkt das Potenzial für Korruption. Mit ihrer Position pro Bio war Juma bei der Global Soil Week in der Minderheit. Um die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln zu befriedigen, müssten die Bauern in den nächsten Jahren erheblich mehr produzieren, bilanzierten die meisten Experten. Und dies ginge vorerst nicht ohne den verstärkten Einsatz von Mineraldünger. Nachhaltigkeit sollte dabei aber an erster Stelle stehen und langfristig müsse es eine ausgewogene Mischung aus einer organischen und chemischen Landbewirtschaftung geben. „Es gibt bereits jede Menge nachhaltiger Konzepte zur Intensivierung der Landwirtschaft in Afrika. Darin sollten afrikanische Staaten und internationale Geldgeber investieren. Das geschieht bereits, aber mehr ist nötig“, sagt Rolf Sommer.

„Nichts tun würde uns teuer zu stehen kommen“

Laut Sommer wissen viele Kleinbauern in Afrika zu wenig über die Nährstoffgehalte in ihren Böden und können deshalb keine fundierten Entscheidungen treffen, welchen Dünger sie einsetzen sollen. Deshalb müssten Forscher, etwa mit Hilfe der Infrarotspektroskopie, regional angepasste Düngerempfehlungen geben, meint Sommer. „Im günstigsten Fall hat in der Zukunft der landwirtschaftliche Berater auf dem Land einen kleinen Apparat dabei, mit dem er Böden scannt, und dann dem Bauern direkt sagen kann, was dem Boden fehlt und wie er kostengünstig und naturschonend seine Erträge erhöhen kann.“ Das funktioniere aber nicht ohne den politischen Willen auf allen Ebenen, so der Bodenforscher. „Um Bodenerosion zu stoppen, sind andere Konzepte gefragt, etwa finanzielle Anreize um in Bodenschutzmaßnahmen, wie die Terassierung von steilen Hängen oder die Wiederaufforstung von diesen Flächen, zu investieren“, fordert Sommer. „Das würde die Gesellschaft insgesamt weniger kosten. Denn nichts tun würde uns teuer zu stehen kommen.“ Dario Sarmadi

Links

WWF / Heinrich Böll Stiftung: Bodenlos – Negative Auswirkungen von Mineraldüngern in der tropischen Landwirtschaft (1. Juni 2013) Global Soil Forum / IASS Potsdam: Global Soil Week 2013 Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ): Ländliche Entwicklung

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