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20/01/2017

Afrika führt beim Mobile-Banking

Entwicklungspolitik

Afrika führt beim Mobile-Banking

Afrika ist im Bereich Mobile-Banking führend

[World Bank Photo Collection/Flickr]

Dienstleistungen zur Durchführung von Bank- und Zahlungsoperationen vom Handy aus boomen in Subsahara-Afrika. Damit leistet der Kontinent Pionierarbeit – der langsamere Rest der Welt könnte folgen. EurActiv Brüssel berichtet.

Der Mobile-Banking-Sektor wächst rasant in Afrika, denn nur wenige Afrikaner haben traditionelle Bankkonten. Die meisten besitzen allerdings ein Mobiltelefon. Also ist es wenig überraschend, dass die Region bei der Nutzung von Geräten zur Bezahlung von Rechnungen, Einkäufen, der Verwaltung ihres Ersparten und für den schnellen Zugang zu Bargeld weltweit führend ist.

Die Zahl der Mobilfunk-Abos in Subsahara-Afrika soll einem Bericht des schwedischen Mobilfunkanbieters Ericsson Ende 2014 die 635-Millionen-Grenze erreicht haben. Diese Zahl soll bis „Ende 2019 auf rund 930 Millionen steigen“.

Weltbankdaten von 2014 zufolge haben weniger als 29 Prozent der Menschen ab 15 ein traditionelles Bankkonto. Aber zehn Prozent besaßen demnach aber einen alternativen Zugang über ihr Mobiltelefon. In Ländern wie Gabun, Kenia und Sudan lag die Zahl bei über 50 Prozent.

Demnach nutzen 16 Prozent aller Handynutzer in Subsahara-Afrika ihre Telefone für Bankzwecke. Diese Zahl ist höher als in jeder anderen Region, könnte aber noch viel weiter ausgebaut werden.

Afrikanische Auswanderer überwiesen alleine 2014 67 Milliarden US-Dollar an die Menschen in ihrer Heimat. Die Gebühren der mobilen Bankunternehmen für Transaktionen liegen im Allgemeinen niedriger als die der traditionellen Vermittler wie Western Union. Das Wachstumspotenzial für Finanz-Apps ist allem Anschein nach enorm.

Doch momentan begrenzen die Telekommunikationsanbieter in Afrika ihre mobilen Dienstleistungen größtenteils auf das Kaufen von Guthaben, die Bezahlung der Wasser- und Stromrechnungen oder das Überweisen und Abheben von Geld. Das sind relativ grundlegende, aber auch sehr praktische Dienstleistungen für die örtlichen Kunden.

‚Eine wirklich soziale Dienstleistung‘

„Es dauert einen halben Tag, eine Stromrechnung in Afrika zu bezahlen, weil es nur wenige Büros gibt, in denen das möglich ist. Also ist es eine wahre Sozialdienstleistung, imstande zu sein, Rechnungen aus der Distanz zu begleichen“, sagt Alban Luherne, Leiter von Orange Money, der Einheit mobile Banking der französischen Anbieters Orange.

Die weitere Entwicklung von Anwendungen für die mobile Bezahlung könnte schon 2019 1,5 Milliarden US-Dollar in Verkäufen generieren, so die Schätzung der Boston Consulting Group (BCG). Die Zahl der Afrikaner mit Mobiltelefon wird nach ihrer Einschätzung um weitere 25 Prozent steigen.

„Dieses Segment ist sehr neu, die zahlreichen darin aktiven Unternehmen sind vor allem Start-Ups, die sich positionieren“, so der BCG-Consultant Othman Omary. Es gebe noch keinen Bezugsakteur.

Die Ausnahme zu dieser Regel sei der kenianische Dienstleister M-Pesa der Tochterfirma Safaricom des britischen Telekomriesen Vodafone, sagt Omary. Er sei zu einer treibenden Kraft im Sektor geworden.

Der Erfolg sei auf das günstige technologische und regulative Umfeld zurückzuführen, welches es in anderen Märkten nicht gebe.

„Es hat trotz M-Pesa viele Schwierigkeiten im Sektor gegeben, sogar Scheitern“, sagt Georges Ferre von der Beratungsagentur Roland Berger. „Damit die Dinge funktionieren, braucht man ein Land mit unterstützender Regulierung und einen Wandel der kulturellen Einstellung, die Geld oft mit Bargeld gleichsetzt.“

Bei der Entwicklung von Mobile-Banking-Modellen in Afrika müssten die sehr geringen Einkommensströme der Hauptkunden berücksichtigt werden, meint Omary.

Um eine verbreitete Nutzung zu erreichen, müssten die für Dienstleistungen veranschlagten Preise deshalb auf einem erschwinglichen Niveau gehalten werden.

„Wenn die Bearbeitungskosten denen einer traditionellen Bank ähneln, wird es schwierig sein, Gewinne zu machen“, so Omary.

Deshalb muss eine Kapitalrendite Luhern zufolge erst einmal hinten anstehen, da die Verbraucher die Verwaltung und das Ausgeben ihres Geldes in digitalem Format schrittweise annehmen würden.

„Wir führten diese Dienstleistung zunächst ein, um die Verbraucherloyalität zu erhöhen und das hat sich als extrem wirksam herausgestellt“, sagt Luherne. Man habe aber im Verlauf der Jahre festgestellt, dass Mobile Banking selbst eine Einnahmequelle und ein guter Wachstumsmotor für die Gruppe ist. Orange Money ist inzwischen für fünf Prozent der Unternehmenseinkünfte verantwortlich.

Zusammen mit der panafrikanischen Ecobank bereitet Orange Money mittlerweile Kreditangebote über Mobiltelefone vor. Derzeit erwägt das Unternehmen, dasselbe auch für Spar- und Versicherungspläne anzubieten.

Omary zufolge könnte eine große Abwanderung zu neuen Möglichkeiten im Bereich Mobile-Banking schneller geschehen als manche das erwarten. Viele Menschen in Afrika seien bereits an alternative Leihmöglichkeiten wie Darlehen von Verwandten für dringend benötigtes Bargeld gewöhnt. „Mobiltelefone könnten eine interessante Alternative dazu sein, was Kosten und Sicherheit betrifft.“

Hintergrund

Ein Boom bei der Herstellung von Smartphones mit Mobile-Banking und der Markteinstieg wichtiger Akteure der Finanz- und Mobilfunkbranche machten 2014 zu einem Wendepunktjahr- auch was die zukünftige Nutzung von Bargeld angeht.

Auch der Einstieg des US-Technikgiganten Apple in den Markt für mobile Brieftaschen im vergangenen September trug dazu bei.

Viele rechnen damit, dass diese "digitalen Brieftaschen" der Smartphones Banknoten und Münzen irgendwann als wichtigste Zahlungsmethode ablösen.

Das System ist in Japan bereits sehr beliebt. Dort werden digitale Brieftaschen, sogenannte Osaifu-Keitai, mehr genutzt als irgendwo anders.

In Afrika wird die weitverbreitete Aufnahme der Mobiltechnologie auch dazu genutzt, humanitäre Warnungen auszugeben und die Hilfe schneller in die am meisten betroffenen Gebiete zu lenken.