„Wir sind nicht die Akquise-Abteilung der deutschen Wirtschaft“

"In Afrika entwickelt sich die Wirtschaft seit einigen Jahren sehr dynamisch. Viele Länder stehen jedoch weiterhin vor großen Herausforderungen, die Lebenssituationen ihrer Bevölkerungen zu verbessern", sagt Tanja Gönner. Foto: dpa

Interview mit Tanja Gönner (GIZ)Die Märkte in Schwellen- und Entwicklungsländern bergen großes Potenzial für deutsche Firmen, sagt Tanja Gönner, Vorstandssprecherin der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die Akquise-Abteilung der deutschen Wirtschaft sei die GIZ indessen nicht. „Aber von einer guten Zusammenarbeit profitieren alle.“

EURACTIV.de: Am 25. Mai 2013 fand bundesweit erstmals der Deutsche Entwicklungstag statt. Was haben Sie sich von dieser Veranstaltung erhofft?

GÖNNER: Das Ziel der Veranstalter war es, den Menschen über ein abwechslungsreiches Programm bürgerschaftliches und kommunales Engagement im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zu präsentieren und näher zu bringen. Ich denke das ist gelungen. Ich finde es insbesondere wichtig und richtig, den Tag all jenen zu widmen, die sich in Deutschland und in anderen Ländern engagieren.

EURACTIV.de: Thematischer Schwerpunkt des Entwicklungstages war in diesem Jahr Afrika. Wie ist die GIZ in Afrika tätig?

GÖNNER: In Afrika entwickelt sich die Wirtschaft seit einigen Jahren sehr dynamisch. Viele Länder stehen jedoch weiterhin vor großen Herausforderungen, die Lebenssituationen ihrer Bevölkerungen zu verbessern. Deshalb ist die GIZ in Afrika sehr stark im Auftrag der Bundesregierung in der Förderung einer arbeitsintensiven und breitenwirksamen Entwicklung tätig. Dies bezieht sich besonders auf die Sicherung der Ernährung und die Förderung der Landwirtschaft, die vor allem vor großen Herausforderungen steht, sich dem Klimawandel anzupassen. Darüber hinaus steht die Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen Dienstleistungen, wie Gesundheit, Bildung und Wasser im Mittelpunkt.

Weit entfernte und wenig bekannte Märkte

EURACTIV.de: Die GIZ hat im Auftrag des BMZ 30 sogenannte Scouts eingestellt. Diese sollen vor allem Mittelständlern die Geschäftschancen in Entwicklungsländern verdeutlichen. Mit welchen Argumenten arbeiten diese Experten?

GÖNNER: Die Märkte in Schwellen- und Entwicklungsländern bergen großes Potenzial für deutsche Firmen. Doch gerade für kleine und mittelständische Unternehmen ist es nicht einfach in diesen weit entfernten und wenig bekannten Märkten Fuß zu fassen – ihnen fehlen die Mittel und die erforderlichen Kontakte. Um den Unternehmen den Zugang so leicht wie möglich zu machen, hat das BMZ die EZ-Scouts an deutsche Kammern und Verbände entsandt. Als Ansprechpartner für Themen der Entwicklungszusammenarbeit beraten die EZ-Scouts interessierte Unternehmen zu den Angeboten des BMZ.

EURACTIV.de: Die GIZ schreibt ihre Angebote für Leistungen beispielsweise in afrikanischen Ländern international aus. Sie sagen, da können und sollten sich auch deutsche Unternehmen bemühen. Das Kinderhilfswerk „Terre des Hommes“ bezeichnet die Orientierung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit an Wirtschaftsinteressen als „bedauerlich“. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

GÖNNER: Für die Ausschreibung von unseren Aufträgen gelten klare Regelungen. Ab einer bestimmten Höhe können sich internationale Firmen bewerben, aber natürlich auch deutsche. Wir sind nicht die Akquise-Abteilung der deutschen Wirtschaft. Aber von einer guten Zusammenarbeit profitieren alle. Die Menschen vor Ort genauso wie die Menschen in Deutschland.

„Internationale Zusammenarbeit im Sinne der Bundesregierung“

EURACTIV.de: Ein Teil ihres Umsatzes erwirtschaftet die GIZ mit Aufträgen von Privatunternehmen, Stiftungen, der EU und Regierungen. Sie sagten im April: „In diesem Jahr dürfte der Bereich International Services, wie wir das Tätigkeitsfeld nennen, wachsen. Es sind noch keine Riesensprünge, aber das Potenzial ist hoch“. Wie ist dieser Bereich genau tätig?

GÖNNER: Mehr als 20 Prozent des Umsatzes von mehr als zwei Milliarden Euro 2012 erwirtschafte die GIZ mit Aufträgen von Privatunternehmen, Stiftungen, der EU und Regierungen. Das sind Aufträge, mit denen wir internationale Zusammenarbeit im Sinne der Bundesregierung gestalten, ohne dafür deutsche Steuermittel zu verwenden.

EURACTIV.de: Die GIZ organisiert auch im Auftrag der EU-Kommission Veranstaltungen. Worum geht es beim Stichwort TAIEX genau?

GÖNNER: Die GIZ hat im Auftrag der Europäischen Kommission an der Umsetzung des Programms „Informationsaustausch und technische Unterstützung“ (TAIEX) gearbeitet. Das Programm hilft Beitrittsländern der EU dabei, das nationale Recht an die EU-Gesetzgebung anzugleichen. Ein aktuelles Beispiel unserer Arbeit ist, dass der Verbraucherschutz im Binnenmarkt der Europäischen Union Schritt für Schritt vereinheitlicht wird. Vor allem Mitarbeiter von Stellen, die die Einhaltung etwa im Lebensmittelbereich amtlich überprüfen, brauchen umfassende Kenntnisse über die geltenden Normen. Die GIZ konzipiert und organisiert im Auftrag der Europäischen Union jährlich eine Vielzahl solcher Schulungen in mehreren europäischen Städten.

Die großen Herausforderungen der Zeit

EURACTIV.de: Welche Themenbereiche sind für die Zukunft der internationalen Zusammenarbeit wichtig?

GÖNNER: Die großen Herausforderungen der Zeit sind uns allen bekannt: Frieden und Sicherheit, Armut und wirtschaftliche Entwicklung, Übernutzung der natürlichen Ressourcen und Klimawandel. In der internationalen Zusammenarbeit geht es um nachhaltige Veränderungen, die auf die Zukunft der Menschen einzahlen und sich auch durchaus für Deutschland positiv auswirken. Das ist unsere Dienstleistung.   Zum Beispiel in Brasilien: Das Land hat einen ungeheuren Energiehunger und ein großes Potenzial für Sonnenenergie. Das beispielhaft zu heben ist gelungen: Heute gibt es in dem sonnenreichen Land das erste Fußballstadion mit Solarbetrieb und die brasilianische Regierung hat ein landesweites Energie-Einspeisegesetz als Grundlage für die Nutzung des Solarstroms verabschiedet.   Beides ist ein Ergebnis der Beratung unserer Experten, die im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) tätig sind. Finanziert wurde das Ganze übrigens im Wesentlichen durch die brasilianischen Partner. Mit rund 60.000 Euro für die Beratung durch die GIZ wurde eine Investition von 2,3 Millionen Euro ausgelöst. Mit jedem Euro deutscher Steuergelder wurden somit knapp 40 Euro brasilianische Privatmittel zur Investition in Erneuerbare Energien mobilisiert. Gebaut wurden die Solarpanels auf dem Stadion übrigens von einem deutsch-brasilianisches Joint-Venture mit der bayerischen Firma Gehrlicher Solar, das die Ausschreibung gewonnen hatte.

Interview: Daniel Tost

Links

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