Welthunger-Index: „800 Millionen Menschen gehen jede Nacht hungrig zu Bett“

Viele Mütter schämen sich für ihre unterernährten Kinder, so die Autoren des Welthunger-Indexes. [Concern Worldwide]

Jeden Tag sterben Zehntausende Menschen an Hunger oder dessen Folgen, so das Ergebnis des aktuellen Welthunger-Index. Doch es gibt Grund zur Hoffnung, meinen Olive Towley und Dominic MacSorley im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Olive Towley und Dominic MacSorley arbeiten für Concern Worldwide, eine internationale Wohlfahrtsorganisation, die sich dem Kampf gegen den Hunger verschrieben hat. Sie ist eine der drei NGOs hinter dem Welthunger-Index (WHI).

EURACTIV: Bevor wir uns an die Zahlen und die frustrierenden Aspekte des Berichts machen – können Sie vielleicht den Begriff „Hunger“ erklären? Jeder glaubt, zu wissen, was es damit auf sich hat, aber haben Sie eine funktionierende technische Definition?

O. T.: Die Definition des Berichts geht von vier unterschiedlichen Komponenten des Hungers aus: Unterernährung, Auszehrung bei Kindern, Wachstumsverzögerung bei Kindern und Kindersterblichkeit. All diese Daten werden gebündelt, damit wir uns dem Problem Hunger von verschiedenen Perspektiven her nähern können. Für diese vier Indikatoren werden Durchschnittswerte errechnet, sodass man einen Eindruck der Arten des Hungerns bekommt. So können Kinder ihrem Alter entsprechend im Wachstum zurückliegen oder aber zu leicht für ihre Körpergröße sein. Hunger hat also verschiedene Dimensionen und diese versucht der WHI (der Welthunger-Index) zu messen.

Es scheint jedoch nicht nur darum zu gehen, dass Kinder heute keine Nahrung haben. Wenn sie körperlich verkümmert oder unterernährt sind, müssen sie später vielleicht mit Behinderungen rechnen und haben weniger Chancen im Leben. Das Problem ist also langfristiger Natur.

O. T.: Das „Zeitfenster der Möglichkeiten“ beträgt von der Geburt an 1000 Tage – geht also bis zum zweiten Geburtstag eines Kindes. In dieser Phase müssen Kinder ausreichend ernährt werden. Ist das nicht der Fall, werden sie ihr Leben lang darunter leiden. Körperliche oder geistige Behinderungen sind die Folge.

D. M: Ein anderer Aspekt geht über unsere bloßen Daten hinaus. Es geht um die Aushöhlung der Würde, des Selbstwertgefühls. Es gibt zum Beispiel Frauen, die sich nicht helfen lassen, weil sie sich schämen, ihr dürres Baby zu zeigen, und Angst haben, als „schlechte Mutter“ abgestempelt zu werden. Diese Entmachtungserscheinungen sind wirklich enorm.

Andersherum gilt: Gesunde Mütter, gesunde Kinder. Das gibt ihnen das Selbstvertrauen zurück.

Es ist wahrscheinlich ein Teufelskreis: Wenn die Mutter den ganzen Tag nach Möglichkeiten sucht, ihre Kinder zu ernähren, dann bleibt ihr kaum mehr die Zeit, zu arbeiten etc.

D. M.: Genau das ist der Knackpunkt. Es ist einerseits ein deprimierender Bericht, aber die zu ergreifenden Maßnahmen sind relativ eindeutig. Zum Beispiel eine nachhaltige Landwirtschaft – neue Techniken, vor allem für weibliche Landwirte. Wir haben in Malawi eine Studie durchgeführt, bei der manche Anbautechniken den Frauen im Jahr 34 Arbeitstage eingespart haben. Diese Frauen arbeiten sonst 365 Tage im Jahr, um ihre Familie über die Runden zu bringen. 34 Tage Einsparpotenzial – das ist einfach großartig! Nur weil die neuen Techniken weniger arbeitsintensiv sind, die Produktivität steigern oder weil besseres Saatgut bereitgestellt wird. So können die Frauen die zusätzliche Zeit anderweitig verbringen. Wenn wir das auf ganz Afrika ausweiten können, ist das ein großer Schritt nach vorn.

Natürlich darf man sich nicht entmutigen lassen, aber die mahnende Hauptaussage des Berichts für 2016 ist doch, dass 21.000 Menschen jeden Tag an Hunger oder dessen Folgen sterben.

O. W.: Ja, aber auf der anderen Seite sind die Hungerraten seit 2000 insgesamt um etwa 30 Prozent gesunken. Man muss also beide Seiten der Medaille im Blick behalten. Wir haben tatsächlich riesige Fortschritte gemacht, die zu oft nicht anerkannt oder bemerkt werden. Nun stellt sich jedoch die Frage, welche Gebiete wir bisher vernachlässigt haben.

Laut Bericht sind das die Zentralafrikanische Republik, der Tschad, Sambia…

D. M.: Und Haiti. Denn Klimawandel und Konflikte treiben zurzeit den Hunger voran. Diese beiden riesigen Hindernisse müssen wir meistern, wenn wir den Hunger in der Welt komplett abschaffen wollen.

Ich war im Juli in Tigray in Nordäthiopien. Dort hörte ich die beeindruckende Geschichte eines Landwirts, der mit seiner Schwester aufgrund der Dürre das Land verlassen hat, um nach Europa zu gehen. Sie kam auf dem Weg ums Leben. Er wurde in Saudi Arabien ins Gefängnis gesteckt und schließlich zurück geschickt. Wir haben ihm dabei geholfen, seinen Agrarbetrieb wieder aufzubauen.

Die Flüchtlingskrise in Europa geht also auf solche Zusammenhänge zurück. Und der Bericht dient als Alarmglocke. Diese Länder sind wie offene Wunden. Wenn man sich nicht darum kümmert, wird es nur noch schlimmer. Und die Konsequenzen werden wir am eigenen Leib zu spüren bekommen.

In gewisser Weise ist das auch eine Botschaft an die Kommission, die ja bereits viele Mittel für den Nothilfetreuhandfonds für Afrika bereitstellt, um die Sicherheitslage zu verbessern und illegale Einwanderung zu unterbinden. Sie sagen also, wenn wir die Landwirtschaft und die Selbstversorgung richtig hinbekommen, dann besiegen wir auch den Hunger und die Menschen haben einen Grund, in ihrem Heimatland zu bleiben?

O. T.: Nicht zu vergessen die Stärkung der Widerstandskraft. Die Kommission leistet in großen Teilen Afrikas und auf der ganzen Welt außerordentliche Arbeit, indem sie auf Ernährung und stabilere Strukturen setzt. Das diese Investitionen sich auszahlen, hat sich bereits vielerorts gezeigt. Die Förderung der EU muss sich immer an den jeweiligen Erfordernissen orientieren. Entwicklungsförderung sollte dort stattfinden, wo sie gebraucht wird. Das heißt, man muss die Probleme bei den Wurzeln packen.

Eher „frustrierend“ ist, dass es noch immer an Statistiken mangelt. Im Bericht werden 13 Länder aufgezählt, die gar keine Daten erheben – darunter Somalia, der Südsudan und Syrien. Ist die Situation dort also mindestens genauso schlimm wie in den Worst-Case-Beispielen in Ihrem Bericht?

O. T.: Für zehn Länder gibt es keine Daten. Wir haben noch ein bisschen intensiver recherchiert. Die Länder, für die wir noch Daten finden konnten, befinden sich definitiv am unteren, extrem ernsthaften Ende unserer Auswertung. Aber ja, diejenigen, die gar nicht im Bericht aufgeführt werden, bereiten uns besonders große Sorgen.

Lassen Sie uns auf einer positiven Note enden. Bis 2030 sollen die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) umgesetzt werden – ein Grund, optimistisch zu sein?

D. M.: Vor einem Jahr hat sich die Welt den SDGs verschrieben. Die Themen Sicherheit, ISIS, Migration sind alle universell mit eingebunden. Jetzt findet die Konversation auf einer viel höheren Ebene statt und es ist nicht länger ein Problem, mit dem wir uns nur aus reiner Nächstenliebe beschäftigen.

Wenn wir unsere Erde auch noch in Zukunft bevölkern wollen, dann können wir nicht ignorieren, dass fast 800 Millionen Menschen jede Nacht hungrig zu Bett gehen. Die Zivilgesellschaft treibt einen Wandel voran, den selbst der UN-Sicherheitsrat nicht hätte bewerkstelligen können.

Webseite: Welthunger-Index 2016

EU-Hilfe am Horn von Afrika

Die hochrangigsten EU-Vertreter für auswärtige Angelegenheiten, Entwicklung und Notfallhilfe reisten letzte Woche nach Addis Abeba, wo sie weitere 122 Millionen Euro an europäischen Hilfsgeldern zusagten. So soll verhindert werden, dass sich die humanitäre Krise in Äthiopien in eine weitverbreitete Hungersnot verwandelt. EURACTIV Brüssel berichtet.

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