UNITAID: „Jeder in Gesundheit investierte Euro hat sich fünffach ausgezahlt“

Philippe Duneton, Vize-Exekutivdirektor von UNITAID. [UNITAID]

Fallende Preise und das Auslaufen medizinischer Patente verbessern den Zugang zur Behandlung von weitverbreiteten Krankheiten in Afrika, meint Philippe Duneton in einem Interview mit EURACTIV Frankreich.

Philippe Duneton ist Stellvertretender Exekutivdirektor von UNITAID, einer internationalen Organisation, die den Zugang zur medizinischen Behandlung von AIDS, Malaria und Tuberkulose in Ländern mit geringem Einkommen zu verbessern versucht.

Der Kampf gegen große Pandemien wie HIV, Tuberkulose und Malaria in Entwicklungsländern war Anfang dieses Jahrhunderts eine der großen Erfolgsgeschichten in der Entwicklungsarbeit. Wird es noch lange dauern, bis wir diese Epidemien vollständig ausgerottet haben?

Um die AIDS-Epidemie zu stoppen, müssen wir in den Entwicklungsländern doppelt so viele Menschen in Behandlung nehmen. Heute sind es etwa 15 Millionen Menschen. Diese Zahl muss auf 30 Millionen gesteigert werden. Das Screening-Programm muss 90 Prozent der [HIV-]Infizierten erreichen, von denen wiederum 90 Prozent ärztlich behandelt werden müssen. Unser langfristiges Ziel ist es, bis 2035 die Übertragung der angesprochenen drei Krankheiten zu unterbinden. Vor gerade mal 20 Jahren hat man noch gesagt, man könne nichts für die Behandlung der AIDS-Erkrankten in Afrika tun…

Wie vereinfacht UNITAID den Zugang zur ärztlichen Behandlung von HIV, Tuberkulose und Malaria in den Entwicklungsländern?

Wir setzen uns für niedrigere Behandlungspreise bei den großen Pandemien ein. Darüber hinaus versuchen wir, den Zugang zu wirksamen und geeigneten Medikamenten in Entwicklungsländern zu fördern – vor allem für Kinder. So etwas hat es vor zehn Jahren, als UNITAID gegründet wurde, noch gar nicht gegeben.

Wir engagieren uns sehr im Bereich Innovation, zum Beispiel wenn es um die Entwicklung von anwendungsfreundlicheren AIDS-Screening-Methoden wie Speicheltests geht – oder auch bei der Verbesserung von Diagnoseinstrumenten. Denn die meisten Menschen wissen nicht einmal, ob sie den Virus in sich tragen.

Auch in Sachen Vorbeugung sind wir aktiv. So haben wir für bestimmte Gesellschaftsgruppen mit hohem Ansteckungsrisiko einen präventiven Arzneimittelplan aufgestellt, mit dem sie sich von einer Infektion schützen können. In manchen urbanisierten Gegenden Südafrikas, sind 20 Prozent der jungen Menschen HIV-positiv. Dort konnte die Ansteckungsrate durch die Präventivbehandlung um 80 Prozent gesenkt werden.

Letzten Endes versuchen wir aber auch, die medizinischen Behandlungsmethoden zu vereinfachen. Wie einfach eine Behandlung ist, entscheidet darüber, ob der Patient mit ihr fortfährt oder nicht. Manche geben die Behandlung auf, wenn zu viele Medikamente eingenommen werden müssen oder diese vermehrt Nebenwirkungen mitsichbringen.

Im Rahmen unserer Partnerschaft mit Partners in Health und Ärzte Ohne Grenzen konnten wir die Tuberkulosebahandlung drastisch verkürzen: von 24 Monate Spritzen auf neun Monate Tabletten. Das ist für alle Patienten sehr wichtig, vor allem aber für arme Menschen, die es sich nicht leisten können, ihre Arbeit zu verlieren.

Die exorbitanten Preise der Pharmaunternehmen gelten als Haupthindernis für den Zugang zur medizinischen Behandlung. Wie lassen sich die Preise weit genug senken, damit auch die Länder des globalen Südens und die ärmsten Bevölkerungen sie nutzen können?

Vor zehn Jahren ist es uns gelungen, die Behandlungskosten zu reduzieren, indem wir offene Ausschreibungen für Generikahersteller gestartet haben. Im Gegenzug für die Preisgarantie haben wir ihnen angeboten, eine feste Menge an Medikamenten zu kaufen. So haben wir weitaus niedrigere Preise aushandeln können, als wir sie sonst von den pharmazeutischen Laboren bekommen hätten.

Heutzutage versprechen die an AIDS-Medikamenten arbeitenden Labore, ihr Patent aufzugeben, bevor das Arzneimittel überhaupt auf den Markt kommt. Zu diesem Zweck gibt es das Medicines Patent Pool (Sammelstelle für Medizinpatente). Das ist eine ganz grundlegende Neuerung, die es Generikaherstellern ermöglicht, schneller denn je Medikamente zu entwickeln. Inzwischen dauert es nur noch zwei oder drei Jahre bis ein im Norden entwickeltes Medikament auch in den Entwicklungsländern – insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent – zu niedrigeren Preisen erhältlich ist. Als UNITAID gegründet wurde, hat dieser Prozess noch ganze zwölf Jahre gedauert.

Die neuen HIV-Behandlungen, die in den Entwicklungsländern angewendet werden, sind mittlerweile viel wirksamer und führen in immer weniger Fällen zu Resistenzen. Sie kosten jedoch pro Patient etwa 15.000 Euro im Jahr. Wir hoffen, diesen Betrag in den Entwicklungsländern auf 100 bis 300 Euro senken zu können.

Wie sichern Sie sich die Finanzierung im Kampf gegen AIDS und andere große Pandemien?

Natürlich sind auch wir auf finanzielle Mittel angewiesen. Internationale Hilfsgelder spielen hierbei eine große Rolle. Die Entwicklungsländer finanzieren den Kampf gegen diese Krankheiten jedoch zum Großteil selbst. Sie decken 50 Prozent der AIDS-Behandlungskosten, 70 Prozent bei Tuberkulose und 60 Prozent bei Malaria.

Gesundheitsinvestitionen sind überaus rentabel, weil sie sich ganz grundlegend auf die Entwicklung eines Landes auswirken. UNITAID hatte früher ein Budget von etwa 2,5 Milliarden Euro. Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich unseren Schätzungen nach jeder investierte Euro fünffach ausgezahlt.

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