ONE-Direktor: „Große Visionen der G7 brauchen ein Fundament“

"Elmau darf kein Luftschloss sein", meint ONE-Deutschland-Chef Tobias Kahler. Foto: ONE

Auf ihrem Gipfel auf Schloss Elmau haben die G7-Länder ein ehrgeiziges Entwicklungsziel formuliert: Bis spätestens 2030 sollen extreme Armut und Hunger ausradiert sein. Das ist möglich – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen, meint Tobias Kahler, Direktor der Kampagnenorganisation ONE.

Tobias Kahler leitet das Deutschland-Büro der Kampagnenorganisation ONE. ONE ist eine Kampagnenorganisation und setzt sich für die Bekämpfung extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten ein. Mitbegründer von ONE ist U2-Frontsänger Bono.

EURACTIV.de: Herr Kahler, Ihre Organisation hat im Vorfeld des G7-Gipfels auf Schloss Elmau „mehr als heiße Luft“ bei der Armutsbekämpfung gefordert. Was hat das Treffen in Bayern gebracht?

KAHLER: Die G7-Länder haben sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, extreme Armut und Hunger bis 2030 zu beenden. Wird dieses Ziel solide finanziert, können wir Teil der Generation sein, die Armut beendet. Aber das starke Ergebnis von Elmau darf kein Luftschloss sein. Wir brauchen ein starkes, belastbares Fundament, das dieses Jahr gelegt werden muss – und zwar in Addis Abeba bei der Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung.

Finanzierung hin oder her: Ist denn das Ziel, Hunger und extreme Armut bis 2030 beenden wirklich umsetzbar?

Das ist eine große Vision. Ich freue mich, dass dies jetzt das erklärte Ziel der Staatengruppe ist. Unserer Erfahrung nach sind große G7-Zusagen allerdings immer nur so viel wert wie die Finanzierung und die Rechenschaftspflicht dahinter. Experten haben berechnet, dass die G7 jedes Jahr 15 Milliarden US-Dollar aufbringen müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Das ist eine Menge Geld und es muss jetzt schnell ein Finanzierungsplan her. Wenn dieser vorliegt und die G7 ihr Versprechen halten können, 500 Millionen Menschen zu befähigen, sich aus Hunger und Mangelernährung zu befreien – dann werden sie einen großen Beitrag geleistet haben, um den Hunger bis 2030 zu beenden.

Hat sich die Kanzlerin alles in allem genug ins Zeug gelegt? Wo besteht Nachholbedarf?

Zum Auftakt der G7 Präsidentschaft hat die Kanzlerin dafür gesorgt, dass die globale Impfallianz Gavi ausreichend finanziert wurde, um damit in den nächsten fünf Jahren bis zu sechs Millionen Leben zu retten. Zudem gibt es einen historischen Anstieg der deutschen Entwicklungshilfe. Aber auch dieser reicht noch nicht aus, damit Deutschland die zugesagten 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) für Entwicklungszusammenarbeit aufbringt.

Die verbleibenden Wochen bis zur Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung in Addis Abeba sollte die Bundesregierung nutzen, um eine konkrete Strategie dafür zu entwerfen, wie dieses erreicht werden soll. Die G7 erkennen an, dass die ärmsten Länder mehr Unterstützung brauchen. Das ist gut so. Dabei gilt jedoch: In die ärmsten Länder sollte mindestens die Hälfte der Entwicklungshilfe fließen. Das muss am Ende der Konferenz in Äthiopien stehen. Wir fordern, dass Angela Merkel diese Angelegenheit zur Chefsache macht und selbst vor Ort sein wird wie François Hollande.

Was erwarten konkret Sie von der Konferenz in Addis Abeba?

Auf dem Treffen muss die Finanzierung der SDGs sichergestellt werden, das heißt die Weltgemeinschaft muss ihre Entwicklungspartnerschaft erneuern. Geberländer sollten ihre Zusagen erhöhen und wie gesagt vor allem beschließen, dass 50 Prozent der Mittel in die am wenigsten entwickelten Länder fließt. Dort ist der Anteil der extrem Armen mit durchschnittlich 43 Prozent besonders hoch.

Die Entwicklungsländer wiederum müssen ihre Eigenmittel erhöhen. Dann kann ein Pakt mit gegenseitiger Rechenschaftspflicht beschlossen werden, der sicherstellt, dass alle Menschen auf der Welt Zugang zu einem Basispaket an Gesundheits-, Bildungs- und Sozialleistungen im Wert von 500 US-Dollar Person und Jahr haben. Aktuell geben die am wenigsten entwickelten Länder viel weniger für diese elementare Versorgung aus, Liberia beispielsweise nur sechs US-Dollar pro Jahr und Person.

Ein Wort zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs), die im September von der UN beschlossen werden und den Milenniums-Entwicklungszielen folgen sollen: Sind diese insgesamt 169 vorgeschlagenen Ziele überhaupt realistisch oder eine lange Wunschliste ohne Substanz?

Dass sich die G7 zu den SDGs bekannt haben, ist zunächst mal sehr begrüßenswert und sendet ein gutes Signal an die Weltgemeinschaft. Je konkreter und messbarer die Ziele und die Strategien, diese zu erreichen, desto besser. Bei zu vielen Prioritäten besteht die Gefahr, dass nichts eine Priorität ist. Zudem ist die Kommunikation bei den Zielen wichtig: Ihre Umsetzung wird stark davon abhängen, ob die Bevölkerung ihre Regierungen dazu ermahnt. Hier ist auch wichtig, dass der Zielkatalog gut vermittelt werden kann.

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