Guinea: Weibliche Genitalverstümmelung an der Tagesordnung

EU Europa Nachrichten

Ein Mädchen in Guinea. Dort sind Kinderehen häufig, fast alle Mädchen werden zudem noch immer beschnitten. [Pierre Holtz UNICEF/Flickr]

Trotz internationaler Bemühungen im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung steigt die Zahl an Beschneidungen in Guinea immer weiter an, warnt der Anthropologe Alpha Amado Bano Barry im Interview mit EURACTIV Frankreich.

Alpha Amado Bano Barry ist Anthropologe in Guinea. In seinem Studium beschäftigte er sich mit den Folgen von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) auf die guineische Gesellschaft und verfasste ein sozio-anthropologisches Buch über die Verbreitung der Praxis. Am 6. Februar wird er an der ID4D-Konferenz gegen weibliche Genitalverstümmelung teilnehmen.

EURACTIV: In Guinea ist die Beschneidung von Frauen noch immer sehr weit verbreitet. Haben die Bemühungen der letzten Jahre gegen FGM die Lage verbessert?

Alpha Amado Bano Barry: Guinea ist eines der wenigen Länder, in dem die Beschneidungsrate mit 97 Prozent noch immer extrem hoch ist. In Ägypten liegt sie bei 91 Prozent, in Dschibuti bei 93 Prozent und in Somalia bei 98 Prozent. Unter Berücksichtigung der statistischen Fehlerspanne ist der Anteil in all diesen Ländern jedoch wahrscheinlich etwa gleich groß.

Dabei hat Guinea wie die meisten afrikanischen Länder zugesagt, sich an den Großteil der internationalen Verpflichtungen zu halten, die FGM verbieten – elf an der Zahl. Die Beschneidung von Frauen steht in Guinea seit 1969 unter Strafe. 2000 wurde das Verbot in die nationale Gesetzgebung aufgenommen, auch wenn die Praxis kaum strafrechtlich verfolgt wird.

Zwischen 2010 und 2015 gab es einige wenige Verfahren. Die Gerichte waren jedoch nachlässig und haben den Beschneidern oder Familienmitgliedern nicht das volle Strafmaß auferhängt. In einigen Gegenden lässt sich das Risiko beobachten, dass die Bevölkerung gegen solche Gerichtsurteile auf die Straße geht.

Die Internationale Gemeinschaft hat mindestens acht oder neun Strategien entwickelt, um gegen FGM zu kämpfen. Letzten Endes ist die Beschneidungsrate trotz allem jedoch weiter angestiegen. Die einzigen Länder, in denen die FGM-Zahlen zurückgegangen sind, sind Burkina Faso und Ruanda. Hier lag die FGM-Rate jedoch schon von Anfang an unter 50 Prozent.

Welche religiösen oder gesellschaftlichen Faktoren begünstigen die Verbreitung dieser Praxis in Guinea?

Es gibt vor allem zwei Erklärungen für das Phänomen. Erstens: Guineer halten sich meist ohne Diskussion und ohne sich tiefere Gedanken zu machen an den vorherrschenden gesellschaftlichen Standard. Zweitens gehen viele davon aus, dass die Beschneidung dabei hilft, abstinent zu leben und bis zur Hochzeit Jungfrau zu bleiben.

Das hat nichts mit religiösem Glauben zu tun. Es bringt der Mutter hohes Ansehen ein, weil sie ihre Tochter angeblich gut großgezogen hat. Beschneidung behindert die Sexualität. Diese Logik setzt voraus, dass das sexuelle Verlangen einer Frau größer ist, als das eines Mannes und die Frau daher für ihre Promiskuität verantwortlich ist.

In religiöser Hinsicht ist die Botschaft aus den Moscheen sehr uneinheitlich: Einige Imams sind der Meinung, Frauen sollten beschnitten werden, andere wiederum nicht. Das hängt ganz davon ab, wer sie finanziert.

Warum scheinen weder das Verbot noch Aufklärungskampagnen in Guinea eine Wirkung zu zeigen?

Wir haben alle Strategien im Kampf gegen FGM ausprobiert – Informationskampagnen organisiert, Beschneidern eine anderweitige Ausbildung angeboten und medizinisches Personal über die gesundheitlichen Folgen der FGM aufgeklärt, insbesondere bei Geburten.

Wir dürfen in unseren Bemühungen gegen FGM jedoch nicht die Hauptakteure aus den Augen verlieren. Die Botschaften dieser Kampagnen müssen an die gesellschaftlichen Faktoren eines Landes angepasst werden. Viele NGOs richten sich mit ihrer Arbeit an Mütter. Das ist jedoch der falsche Ansatz. Mütter sind nicht in der Lage, mit dieser Tradition zu brechen. Nur dem Vater obliegt die Entscheidungsgewalt. Und er steht wegen seiner Schwestern unter Druck, denn in Guineas patriarchischem System gehören Mädchen zur Familie des Vaters.

Wenn wir uns an die Väter wenden, müssen wir ihnen Mittel an die Hand geben, ihren Schwestern die Stirn zu bieten, deren gesellschaftliche Rolle vorsieht, die Beschneidung zu verteidigen. Väter sollten dazu angehalten werden, ein Schuldgefühl für das zu entwickeln, was mit ihren Töchtern geschieht.

Letzten Endes gibt es natürlich auch Familien die keine FGM praktizieren. Ihre Stimmen sind jedoch zu leise. Es gibt keine Strukturen, die es ihnen ermöglichen, aus der Anonymität herauszukommen und die Federführung in dieser Angelegenheit zu übernehmen.

Es hat sich also nichts geändert?

Die Art der Verstümmelung hat sich verändert. Früher wurde in Guinea sehr viel weggeschnitten und auch sehr nah entlang der Vagina. Das ist heute nur noch selten der Fall und stirbt langsam aus, weil die meisten Beschneider nicht mehr wissen, wie.

In Conakry [der Hauptstadt von Guinea] und den großen Städten kommt es immer häufiger zu „vorgetäuschten“ Beschneidungen. Es wird also nur ein kleiner Schnitt gemacht, der die Gemeinschaft glauben lässt, man habe eine wirkliche Beschneidung vorgenommen.

Die Familien, die es sich leisten können gehen zur Beschneidung immer seltener in entlegene Gegenden. Sie bevorzugen die städtischen Gesundheitszentren. Das bedeutet leider, dass FGM von der öffentlichen Sphäre immer mehr in die familiäre abgleitet. Das macht es komplizierter, gegen FGM zu kämpfen. Wenn solche Praktiken nicht öffentlich aufgedeckt werden, können die Familien den Behörden leichter entwischen.

Welche Möglichkeiten gibt es, um sicherzustellen, dass der Kampf gegen FGM tatsächlich Wirkung zeigt?

In Guinea besteht das Problem darin, dass FGM nicht durchgängig bekämpft wird. Erstens müssen international führende Politiker dem guineischen Staat dabei helfen, solide Strukturen zu entwickeln, damit er Aktionen mit inländischen und internationalen NGOs koordinieren kann. Sie alle bringen ihre eigenen Ansätze mit und stellen sich dabei oft gegenseitig ein Bein. Die Koordination muss also unbedingt verbessert werden.

Zweitens können wir nur wirkliche Fortschritte in Sachen FGM machen, wenn wir uns mit unseren Maßnahmen an die richtigen Leute wenden. Unsere Botschaft muss auf die sozialen Strukturen des jeweiligen Landes abgestimmt werden. Wir müssen uns vor allem an die Väter wenden und jene Familien unterstützen, die keine FGM praktizieren. Sie können als gutes Beispiel dienen.

Außerdem richtet sich unsere Arbeit zurzeit noch vorrangig an Erwachsene, kaum jedoch an Kinder und junge Menschen in Schulen oder Universitäten.

Unicef: Immer mehr Frauen sind Opfer von Genitalverstümmelung

Millionen Mädchen werden weltweit jedes Jahr an ihren Genitalien verstümmelt, in einigen Ländern steigen die Zahlen sogar, zeigt ein Bericht von Unicef. Auch in Europa wächst die Praxis weiblicher Genitalverstümmelung, warnt die EU-Komission.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.