Gesundheitskommissar Andriukaitis: „Ebola entlarvt Afrikas Probleme im Gesundheitswesen“

Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. Foto: EC

Die EU-Kommission ist Gastgeber der Ebola-Konferenz „From Emergency to Recovery“. Für Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis ist die Konferenz eine Gelegenheit, den langfristigen Wiederaufbau und die Widerstandsfähigkeit der unter Ebola leidenden Länder zu planen.

Vytenis Andriukaitis ist Mediziner und Politiker. Er stammt aus Litauen und ist Mitunterzeichner des Gesetzes zur Wiederherstellung des litauischen Staates von 1990.

Was sind Ihre Eindrücke nach Ihrem kürzlichen Besuch der von Ebola betroffenen Länder in Westafrika?

Andriukaitis: Ich besuchte im November Guinea, Liberia und Sierra Leone zusammen mit dem EU-Ebolakoordinator, Kommissar Styliandides. Wir sahen großes Leid und enorme Not. Diese Länder brauchten mehr medizinische Fachkräfte – mobile medizinische Teams, darunter Epidemiologen, Sanitäter, Krankenschwestern, medizinisches Personal – um Behandlungen anbieten zu können und um örtliches Personal schulen zu können und mit ihnen zu arbeiten, insbesondere in ländlichen Gebieten.

Meine erste Handlung nach meiner Rückkehr war es, mit allen Gesundheitsministern der Mitgliedsstaaten individuell und mit dem Gesundheitsrat als Ganzes zu sprechen, um meine Schlussfolgerungen zu teilen und sie in ihren Bemühungen zu bestärken, zusätzliches Personal und Ressourcen für die betroffenen Länder zur Verfügung zu stellen.

Was sind neben Ebola die größten Herausforderungen für die Bewältigung von Gesundheitsproblemen in Afrika und in den Entwicklungsländern?

Obwohl der Ebola-Ausbruch in Westafrika derzeit aufgrund seiner nie dagewesenen Größenordnung und Schwere im Scheinwerferlicht der Weltmedien steht  – mit bis jetzt 22.900 Fällen und 9.200 Toten – gibt es andere lange bestehende Gesundheitsrisiken, die diesen Teil der Welt betreffen, insbesondere Malaria, Tuberkulose (TB) und HIV/AIDS. Aufgrund der Unzulänglichkeiten bei grundlegenden Dienstleistungen (Gesundheit, Bildung, Wasser, sanitäre Anlagen) und aufgrund der wirtschaftlichen Probleme und Steuerungsprobleme, braucht Afrika die Unterstützung der Welt beim Bewältigen dieser Gesundheitsherausforderungen.

2011 starben 1,4 Millionen Menschen an TB, Afrika hatte die höchste Pro-Kopf-Sterberate. Subsahara-Afrika ist die am meisten von HIV/AIDS betroffene Region und ist die Heimat von 69 Prozent aller weltweit mit HIV lebenden Menschen und von 91 Prozent aller Kinder mit Neuinfektionen. Was Malaria angeht waren 2010 rund 91 Prozent der afrikanischen Sterbefälle auf diese Krankheit zurückzuführen. Malaria ist genauso wie TB und HIV/Aids vermeidbar und die Ergebnisse verbessern sich erheblich bei einer rechtzeitigen Behandlung. Die Europäische Kommission ist ein Gründungsmitglied und ein wichtiger Beitragszahler für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria (GFATM), der strategisch investiert um diese Krankheiten zu vermeiden und zu behandeln, besonders in Entwicklungsländern.

Die Konferenz „Ebola: From Emergency to Recovery“, die von der Europäischen Kommission organisiert wird, bietet eine wichtige Möglichkeit, nicht nur um die Noteinsätze zu verbessern, um die Krankheit auszurotten, sondern auch den langfristigen Wiederaufbau und die Widerstandsfähigkeit der betroffenen Länder zu planen, worunter die Entwicklung ihrer Gesundheitssysteme fällt. Diese Länder müssen ihre Gesundheitssysteme mit einer besseren Infektionskontrolle wiederaufbauen, im Einklang mit den Internationalen Gesundheitsverordnungen (IHR) und sie müssen grundlegende Dienstleistungen wie Wasser und sanitäre Einrichtungen verbessern. Schließlich sollten sie das Stigma in Verbindung mit Ebola und anderen Krankheiten wie AIDS angehen – damit die Menschen sich für eine rechtzeitige Behandlung melden.

Was macht die EU derzeitz – außer Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu finanzieren, die vor Ort arbeiten?

Die Europäische Union war von Anfang an sehr aktiv im Kampf gegen Ebola. Sie mobilisierte alle zur Verfügung stehenden politischen, finanziellen und wissenschaftlichen Mittel, um dabei zu helfen, Ebola einzugrenzen, zu kontrollieren, zu behandeln und letztendlich zu besiegen. Von Krisenbeginn an war die EU in Kontakt mit den Vereinten Nationen, den Hilfsorganisationen vor Ort, den Regierungen in der Region sowie mit den regionalen Organisationen wie der Afrikanischen Union und ECOWAS. Die Ernennung meines Kollegen Stylianides zum EU-Ebolakoordinator durch den Europäischen Rat sowie die Schaffung einer EU-Taskforce soll gewährleisten, dass die EU-Institutionen und die Mitgliedsstaaten auf koordinierte Art miteinander und mit anderen internationalen Partnern handeln.

Der gesamte finanzielle EU-Beitrag (von den Mitgliedsstaaten und der Kommission) zur Bekämpfung der Epidemie liegt bei 1,2 Milliarden Euro. Davon gab die Kommission über 414 Millionen Euro zur Bekämpfung der Krankheit, um Notfallmaßnahmen abzudecken sowie für langfristige Unterstützung aus. Das deckt humanitäre Mittel ab (mehr als 65 Millionen Euro zugeteilt), das über die humanitären Partnerorganisationen wie Ätzte ohne Grenzen, Save the Children, UNICEF und viele andere gelenkt wird. Diese EU-Hilfe trägt zur epidemologischen Überwachung, Diagnose, Behandlung und zur medizinischen Versorgung, dem Einsatz von Ärzten und Krankenschwestern, der Ausbildung von Mitarbeitern im Gesundheitswesen und der Bewusstseinsschärfung, zum Beispiel für sichere Beerdigungen, bei. 

Die Kommission stellt auch 210 Millionen Euro für die Entwicklungshilfe und den raschen Wiederaufbau bereit. Der Großteil des Geldes ist für die Stabilisierung der Länder vorgesehen – dafür, ihnen bei der Erholung von der Krise zu helfen und wichtige Bereiche zu stärken, wie die Gesundheitsversorgung, die Seuchenbekämpfung, Wasser und sanitäre Anlagen.

Die Kommission unterstützt zudem die Ebola-Forschung zu potenziellen Behandlungen, Impfstoffen und Diagnosetests, stellt dafür beinahe 140 Millionen Euro aus dem EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 bereit.

Zusätzlich zur Finanzierung und Koordinierung erleichtert die Kommission die Lieferung materieller Unterstützung durch die EU-Länder und stellt Expertise für alle Facetten des Notstandes zur Verfügung. Ein gutes Beispiel dafür ist der Einsatz von fünf Epidemiologen-Teams durch das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention (ECDC), um eng mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den Gebieten der von Ebola betroffenen Länder zusammenzuarbeiten.

Die Kommission organisiert auch logistische Unterstützung, worunter mehrere Lufttransporte fallen. Das EU-System zur medizinischen Evakuierung gewährleistet die Evakuierung zu einem angemessen ausgestatteten Krankenhaus in Europa für internationale Arbeiter im Gesundheitswesen jeglicher Nationalität, die dem Virus ausgesetzt waren oder bei denen er festgestellt wurde. Meine Dienste sind aktiv daran beteiligt, verfügbare medizinische Einrichtungen zu ermitteln, wenn eine Evakuierungsanfrage von der WHO gemacht wird. Bis jetzt wurden 27 Menschen, die an Ebola leiden, oder dem Virus ausgesetzt waren, medizinisch nach Europa evakuiert.

Im Hinblick auf die Vorbereitung auf einen sich auf die EU ausweitenden Ausbruch, arbeiten die Kommission und die Mitgliedsstaaten in engem Schulterschluss mit dem ECDC und der WHO an der Bereitschaft und Koordinierung beim Risikomanagement zusammen, obwohl das Risiko gering ist. In der EU haben wir Listen mit verfügbaren Ebola-Kapazitäten, die geteilt werden könnten, erstellt, darunter sind Hochsicherheitslabore, Krankenhauskapazitäten sowie die Ausrüstung für medizinische Evakuierungen und wir haben Informationen für Reisende in allen EU-Sprachen bereitgestellt und haben die Verfahren für die Flughafen- und Gesundheitsbehörden im Umgang mit potenziellen Ebola-Fällen überprüft. Wir haben auch die „Ebola-Kommunikationsplattform für Mediziner“ gestartet – eine Online-Plattform, die den schnellen Informationsaustausch zur Behandlung und Prävention der Ebola-Erkrankung ermöglicht. Die Plattform bringt EU-Krankenhäuser und Mediziner zusammen, die als Referenzzentren für die Ebola-Behandlung anerkannt sind.

Was könnte in den nächsten Jahren besser gemacht werden? Gibt es Pläne, Hilfe für die Reform der Gesundheitssysteme der Entwicklungsländer anzubieten?

Die hochrangige Ebola-Konferenz bietet ein Forum, um genau das zu diskutieren. Wir erwarten, dass die Regierungen von Guinea, Liberia und Sierra Leone bei der Veranstaltung ihre Bewertungen und Pläne für den nationalen Wiederaufbau präsentieren, die in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, der Weltbank, der Afrikanischen Entwicklungsbank und der EU vorbereitet werden. Die wichtigsten Bereiche für den Wiederaufbau werden die Wiederaufnahme grundlegender Dienstleistungen umfassen – Gesundheit, Bildung, Wasser, sanitäre Einrichtungen – und die Notwendigkeit, zur wirtschaftlichen Entwicklung zurückzukehren.

Das wichtigste Ergebnis der Konferenz wird voraussichtlich eine Erklärung sein, die konkrete Elemente zukünftiger Aktionen einschließt, wie die Notwendigkeit versprochene Mittel zur Verfügung zu stellen und das internationale Hilfsniveau beizubehalten, darunter fallen medizinische Teams, Labors, Epidemiologen und andere Ressourcen – bis es keine Ebola-Fälle mehr gibt.

Die Erfahrung sollten wir alle nutzen, ein Bewusstsein zu schaffen und das Stigma in Verbindung mit Ebola und anderen Krankheiten in Afrika zu verringern. Stigmatisierung ist eine Barriere für angemessene und rechtzeitige Versorgung und dafür, ein Ausbreiten des Virus in der Gemeinschaft zu vermeiden.

Was könnte bei der Ausbildung medizinischen Fachpersonals getan werden? Wie könnte man gut ausgebildetes Personal dazu bewegen, in ihren Heimatländern zu bleiben, statt sich für die Auswanderung zu entscheiden?

Gesundheitsmigration ist auch ein großes Problem innerhalb der EU, Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die ihre Heimatländer für höhere Gehälter in anderen Ländern verlassen. Dieses Phänomen wird manchmal als „brain drain“ bezeichnet. Das ist in er ganzen Welt eine Sorge, auch in Afrika. Aber die Einwanderungsregeln in vielen Ländern zielen darauf ab, einen Massenexodus zu vermeiden.

Auf EU-Ebene gibt es einen Aktionsplan für das EU-Gesundheitspersonal, der die Verpflichtung der EU zur Umsetzung des WHO Global Code über die internationale Rekrutierung von Gesundheitspersonal umfasst. Die Kommission unterstützt auch ein europäisches Netzwerk, um die Personalplanung und die Prognose zu verbessern, da Zielländer in der EU in Zukunft ihren Bedarf an Gesundheitspersonal durch die medizinische Ausbildung und die Ausbildung von Krankenschwestern abdecken sollen – und die Anwerbung aus fragilen Volkswirtschaften vermeiden sollten.

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