GAVI-Geschäftsführer: „Die EU muss mehr Geld für Impfstoffe bereitstellen“

Seth Berkley ist der Geschäftsführer der Impfallianz GAVI. Foto: [World Economic Forum/Flickr]

Die EU-Kommission und insbesondere die neuen Mitgliedsstaaten haben die Kapazitäten, mehr Impfstoffe für Entwicklungsländer zu finanzieren. Es ist an der Zeit, zu handeln, fordert GAVI-Geschäftsführer Seth Berkley.

Seth Berkley ist der Geschäftsführer der Impfallianz GAVI – eine öffentlich-private Partnerschaft mit dem Ziel, den Zugang zur Immunisierung in armen Ländern zu verbessern.

EURACTIV: Zunächst einmal, was ist GAVI?

BERKLEY: GAVI wurde 2000 mit der Idee gegründet, dass es leistungsstarke neue Impfstoffe gibt, die das Leben von Kindern verändern könnten, und dass die Menschen, die sie am meisten brauchen, keinen Zugang dazu hatten. GAVI hat für die meisten Länder ein sehr spezielles Programm, was bedeutet, dass die Länder nur anteilige Kosten für ihre Impfstoffe tragen. Wenn die Länder wohlhabender werden, bezahlen sie mehr, bis sie letztendlich keine Unterstützung mehr von GAVI erhalten, wenn sie ein bestimmtes Bruttoinlandsprodukt (BIP) erreichen.

Das GAVI-Programm ist wichtig: Es bedeutet, dass wir die Mittel auf die ärmsten Länder konzentrieren. Indonesien zum Beispiel wird wegen des hohen BIPs aus dem Programm ausscheiden. Bis dahin wollen wir dort die größtmögliche Abdeckung durch Impfstoffe erreichen.

Wir haben eine Reihe von Impfstoffen und jedes Land kann die Stoffe auswählen, die ihm dabei helfen, voranzukommen. Wir zwingen sie nicht. Wir stellen die Impfstoffe im Grunde nur zur Verfügung, basierend auf den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

GAVI ist bis jetzt sehr erfolgreich. Wir haben mehr als 440 Millionen Kinder immunisiert und verhinderten mehr als sechs Millionen Todesfälle. Im Zeitraum von 2015-2019 planen wir die Immunisierung von noch einmal 300 Millionen Kindern und verhindern damit fünf bis sechs Millionen Tote, wenn wir 7,5 Milliarden US-Dollar (6,1 Milliarden Euro) auftreiben. Das passiert gerade.

Wir schauen ständig nach anderen Anforderungen. In einigen Ländern führten wir kürzlich Polio-Impfstoffe ein und wir wollen sie bis 2015 allen GAVI-Ländern geben. Auch Ebola-Impfstoffe sind im Gespräch, damit wir die Möglichkeit haben, sie einzuführen, wenn sie die klinischen Tests bestehen, die gerade stattfinden.

GAVI behauptet, die EU investiere zu wenig in die Versorgung durch Impfstoffe. Worauf fußt Ihre These?

Die EU ist ein wichtiger Partner, aber zu Beginn von GAVI unterstützten sie uns nicht so sehr. Einige der Länder waren sogar komplett gegen GAVI. Denn sie hatten ihre eigenen Institutionen, die sie finanzierten. Teilweise ist es darauf zurückzuführen, dass wir uns nicht allzu sehr darum bemüht haben. Als sie die erste Investment Case-Konferenz ausrichteten, erhöhten sie dann die Finanzierung. Sie steigerten ihre Zusagen von neun Millionen Euro auf 25 Millionen Euro pro Jahr.

Wir glauben, dass die EU-Kommission die Möglichkeit hat, mehr zu tun und wir werden weiterhin Lobbyarbeit dafür betreiben. Wir versuchen unter anderem klarzustellen, dass diese Periode den Finanzierungshöhepunkt darstellen wird, weil in fünf Jahren 22 Länder aus dem Programm ausscheiden werden. Deshalb werden wir über diesen Zeitraum 2,7 Milliarden Impfdosen an die Länder vermitteln, im Zeitraum danach aber wird diese Zahl wegen ihres Ausscheidens auf geschätzte 2,1 Milliarden zurückgehen. Deshalb bitten wir alle Geber, mehr zu tun und hätten gerne, dass die Kommission mehr tut.

Wie wollen Sie in Brüssel mehr Einfluss ausüben?

Wie Sie wissen, gab es vor kurzem einen Wechsel in der Kommission. Ich werde nächste Woche nach Brüssel reisen, um mich zum ersten Mal mit dem neuen Kommissar zu treffen und wir hoffen, dass sie sich weiterhin daran beteiligen.  

Glauben Sie, die EU spricht mit einer Stimme oder haben die Mitgliedsstaaten unterschiedliche Impfstoff-Interessen und könnten deshalb zusätzliche Mittel blockieren?

Ich weiß von keinen Mitgliedsstaaten, die das blockieren. Einige Mitgliedsstaaten sind eher begeistert. Das Vereinigte Königreich stellt 33 Prozent unserer Unterstützung und ist damit unser größter Unterstützer. Die Unterstützung wird pro Land weniger werden, weil es Länder mit wachsender Wirtschaft gibt, aber das Vereinigte Königreich will seine Unterstützung von 840 Millionen Pfund (1,1 Milliarden Euro) auf eine Milliarde Pfund erhöhen.   

Aus Großbritannien kommt also große Unterstützung, aber es gibt viele Mitgliedsstaaten, insbesondere einige der neuen Mitgliedsstaaten, die keine Hilfe angeboten haben. Das Engagement und Interesse unterscheidet sich von Land zu Land. Hier soll das zusätzliche Engagement der Gemeinschaft einige Mittel aufbringen – von allen Ländern und nicht nur vom Vereinigten Königreich, (und) den Franzosen, den Deutschen und den Italienern, die unsere größten Unterstützer sind.   

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