Ebola: „Der Virus ist noch immer da“

Paul Richards argumentiert in seinem Buch, dass bessere medizinische Ergebniss erzielt werden können, wenn man sich an die Gepflogenheiten vor Ort anpasst, anstatt westliche Verfahren rigoros durchzusetzen. [Zed Books]

Ebola forderte in Westafrika 11.000 Menschenleben, löste weltweit Panik aus und veranlasste die EU und ihre Staaten zu Milliarden-Hilfen. Manche Lehren seien in der Hysterie untergegangen, warnt der Autor Paul Richards im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Paul Richards ist emeritierter Professor für Technologie und Agrarentwicklung an der Wageningen Universität in den Niederlanden. Sein Buch „Ebola – How A People’s Science Helped End an Epidemic “ wurde von Zed Brooks als Teil der “African Arguments”-Serie veröffentlicht. Während der Ebola-Epidemie unterrichtete Richardsan der Njala University in Sierra Leone.

EURACTIV: Der Westen hat häufig zu verstehen gegeben, dass die „rückständigen“ Beerdigungspraktiken in Afrika die westliche medizinische Hilfe während der Ebola-Epidemie ausgehöhlt hätten. In Ihrem Buch argumentieren Sie jedoch, dass das nicht der Fall gewesen ist.

Richards: Sie [die betroffenen westafrikanischen Staaten] haben ihre Praktiken durchaus angepasst. Was wir während der Ebola-Epidemie zu verstehen geben wollten, war, dass Begräbnisse dort nicht verhandelbar sind. Sie sind den Afrikanern sehr wichtig. Sie wollen sich traditionsgemäß von ihren Lieben verabschieden. Natürlich lässt sich darüber diskutieren, dass afrikanische Beerdigungspraktiken Risiken für die biologische Sicherheit darstellen, aber man muss diese Gefahren eben im Rahmen afrikanischer Begräbnisrituale beseitigen.

Also muss man die goldene Mitte zwischen westlichen medizinischen Praktiken und afrikanischen Traditionen finden?

Was ich im Buch versuche klarzustellen – und dabei stütze ich mich auf empirische Daten – ist, dass die Menschen überall anerkannt haben, dass das Begräbnis von Ebola-Erkrankten eine biologische Gefahr darstellt.

Anfangs, in den ersten sechs bis acht Wochen, in denen sie mit der Krankheit in Berührung kamen, leugneten sie die Existenz der Epidemie. Sie wollten keine besonderen Vorkehrungen treffen, weil sie nicht daran glaubten, dass Ebola ein reales Problem ist.

Sie beschreiben in ihrem Buch, dass die Anfangssymptome von Ebola, denen der Malaria ähneln und dass die Krankheit noch nie zuvor in diesem Teil von Westafrika vorgekommen ist.

Ja, aber in den von uns untersuchten Infektionsketten war diese Verleugnungs-Phase nur sehr kurz. In manchen Teilen des Landes war die Ebola-Epidemie nie besonders stark. Möglicherweise spielen auch andere Faktoren bei der Verleugnung der Krankheit eine Rolle.

Bevor es jedoch eine internationale Reaktion auf den Ebola-Ausbruch gegeben hat, haben die Lokalgemeinden in den ersten infizierten Gegenden bereits festgestellt, dass sich Ebola vor allem durch die Teilnahme an Begräbnisritualen verbreitet. Sie haben sich um die Infizierten gekümmert.

Das Muster haben sie durchaus erkannt, denn sie wussten ja, wer was getan hatte. Sich um Kranke zu kümmern, ist Aufgabe der Familie. Jeder, der sich aus dieser Verantwortung stehlen will, wird von der Gesellschaft kritisiert und ausgegrenzt. Ähnlich ist es auch bei der Beerdigung. Dabei muss jedoch hervorgehoben werden, dass nicht das Begräbnis an sich eine Gefahr darstellt, sondern die Vorbereitung des Leichnams. Den Leuten fiel auf, dass sich genau die Menschen mit Ebola ansteckten, denen diese Aufgabe zuteil geworden war.

Wir in der westlichen Welt erledigen Beerdigungen nicht mehr selbst. Es ist keine Familienangelegenheit mehr, sondern Aufgabe des Bestatters. Der gesamte Prozess ist hygienisch und professionalisiert. Afrikaner im ländlichen Raum übernehmen all diese Schritte noch selbst. Und genau da hat man mit den Veränderungen ansetzen müssen, um die Protokolle zur biologischen Sicherheit ins Spiel zu bringen.

Die Menschen waren sich der Bedrohung natürlich bewusst. Dennoch mussten sie zusehen, wie ausgebildete Ebola-Beerdigungseinheiten aus den Städten in ihren Ebola-Krankenwagen angereist kamen, die Verstorbenen anfangs einfach so auf den Boden warfen, in schwarzen – nicht einmal weißen – Leichensäcken. [Weiß ist die traditionelle Beerdigungsfarbe.] Dadurch gab es ein großes Maß an Verbitterung. Die Menschen fragten sich: Warum zeigt uns niemand, wie das Ganze funktioniert? Warum nicht die Lokalbevölkerung ausbilden? Alle Einwohner, die wir in den Dörfern interviewt haben, waren derselben Ansicht: Es ist nicht schwer. Wir verstehen, dass das Ebola ist. Gebt uns die Ausrüstung und zeigt uns, wie es geht.

Ist die Botschaft Ihres Buches also, dass man sich an die lokalen Traditionen anpassen sollte? Was ist daran so umstritten?

Das Buch wurde Anfang Oktober an der London School of Hygiene veröffentlicht. Viele der Anwesenden waren Teil des Ebola-Einsatzes. Aber selbst dort konnte man sehen, dass viele nicht wissen, wie wichtig es ist, sich mit den lokalen Gemeinschaften auseinanderzusetzen. Manche der internationalen Helfer haben sogar gesagt, dass sie Angst davor hatten, sich in ländlichen Gegenden selbst mit Ebola anzustecken und daher lieber die kontrollierte Umgebung eines der beaufsichtigten Zentren bevorzugten. Auch das ist Realität.

Ebola ist eine albtraumhafte, Hollywood-reife Krankheit. Dennoch sind nur die Patienten ansteckend, die sich in den letzten Stadien befinden und sich viel übergeben müssen. Ärzte Ohne Grenzen spricht in diesem Zusammenhang von der „Wet phase“. Hier reicht schon der kleinste Tropfen an infizierter Körperflüssigkeit aus, um den Virus zu übertragen. Das ist eine schreckliche Situation. Man kann sich nur schützen, indem man die richtige Kleidung trägt, das nötige Fachwissen mitbringt und alle anderen wichtigen Schutzmaßnahmen ergreift.

Vieles davon haben die Menschen allerdings auch von allein herausgefunden. Also haben sie mit großen Plastiktüten, Regenmänteln und Gummistiefeln improvisiert. Hier gibt es ganz außerordentliche Geschichten. Zum Beispiel als einige ländlichen Gemeinden keine Lieferungen von Außerhalb bekamen und dennoch irgendwie versuchten, ihre Toten zu beerdigen. Manchmal konnte es drei, vier oder sogar fünf Tage dauern, bis der Ebola-Krankenwagen inklusive Team ankam.

Die EU ist weltweit größter Geber von Hilfsgeldern. Zusammen mit den Mitgliedsstaaten hat sie in der Ebola-Krise zwei Milliarden Euro zur Bekämpfung der Epidemie bereitgestellt. Hätte man etwas besser machen können?

Darauf gehe ich in meinem Buch ganz klar und deutlich ein. Ich sage nicht, dass Hilfe oder Mobilisierung von außen unnötig gewesen wären. Das Gegenteil war der Fall.

Wenn man das Ganze aber noch einmal durchspielen müsste, sollte man verstehen, dass zuerst nur medizinische Unterstützung vonnöten ist. Man braucht Schutzmaßnahmen und die Logistik. So geht man gegen Ebola vor.

Danach muss man die lokalen Gemeinden als erste Verteidigungslinie mobilisieren. Das ist jedoch erst viel zu spät passiert – in manchen Fällen auch gar nicht. Manchmal haben auch internationale Vertreter übernommen und ihre eigenen Routinen und Systeme vorgeschrieben.

Das nächste Mal sollten wir also genau darüber nachdenken, wie wir beim nächsten Mal „passgerecht“ vorgehen könnten. Denn wenn ich von lokalen Maßnahmen spreche, meine ich nicht nur intuitive Aktionen von Familienangehörigen, anderen Dorfbewohnern und so weiter. Es geht auch um die lokalen medizinischen Fachkräfte, die Polizei, das Militär. Hier muss die Zusammenarbeit laufen – noch bevor die internationalen Vertreter ankommen. Man braucht einen gemeinsamen Ansatz anstelle von internationaler Hilfe „aus dem Blauen heraus“, die den Menschen einfach übergeholfen wird, ohne dass auf die Gegebenheiten vor Ort geachtet wird. Das ist die große Lehre fürs nächste Mal.

Immer wieder sprechen Sie vom „nächsten Mal“. Wird es denn dazu kommen? Wenn ja, wo?

Hoffentlich gibt es kein nächstes Mal. Aber der Virus ist noch immer da. Seit der Entdeckung des ursprünglichen Erregers hat es schon etwa zwanzig Ausbrüche gegeben. Meistens kleineren Ausmaßes – nicht so schwerwiegend wie in Westafrika, wo die Epidemie in ganzen drei Ländern wütete und Tausende Menschen erkrankten. Der Virus kann über einen langen Zeitraum hinweg in menschlichen Körperflüssigkeiten überleben – zum Beispiel im Samen oder in der Muttermilch.

Wie lange genau?

Das wissen wir nicht genau. Es gibt immer wieder Nacherkrankte – mehrere seit die Epidemie als offiziell beendet gilt. Meistens kriegt man sie sehr schnell in den Griff, weil die Leute jetzt wissen, was sie tun müssen. Die Sorge ist nur, dass Menschen in anderen Ländern von Überlebenden angesteckt werden könnten.

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