ActionAid-Chefin: Kinderheirat ist die „rechtliche Zustimmung zur Vergewaltigung“

ActionAid-Chefin Nyaradzayi Gumbonzvanda. [MattTempest/Flickr]

In Vorfeld der EU-Entwicklungstage widmet sich die NGO ActionAid mit ihrem Bericht „The Price of Privilege“ (Der Preis des Privilegs) dem Thema Ungleichheit. EURACTIV.com sprach mit ActionAid-Chefin Nzaradzayi Gumbonzvanda.

Nzaradzayi Gumbonzvanda leitet ActionAid International und ist Botschafterin der Afrikanischen Union (AU) im Kampf gegen Kinderehen auf dem Kontinent.

ActionAid beschäftigt sich im Rahmen der Europäischen Entwicklungstage vor allem mit dem Thema Ungleichheiten. Warum?

Für uns ist es glasklar, dass das Armutsproblem direkt mit Ungleichheiten und Menschenrechten in Verbindung steht. Wir haben in den vergangenen fünf Jahren an den Verhandlungen über die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) mitgewirkt. Bei den [vorangehenden] Milleniumsentwicklungszielen (MDGs) hat man alles in Zahlen gemessen. Es ging darum, die Kindersterblichkeit zu senken und mehr Mädchen einzuschulen.

Was wir dabei allerdings nicht analysiert haben, ist die Anzahl derer, die ihre grundlegenden Menschenrechte nicht wahrnehmen können. Dabei liegen genau dort die kritischen Themen: Gender-Benachteiligungen, soziale Ungleichheit, die Wirtschaft, Behinderte, Ureinwohner. Die Beteiligung an den Gesprächen erlaubt es uns, von blanken Durchschnittswerten wegzukommen. Denn wenn man nur mit Durchschnittswerten arbeitet, kann man sich hinter den Zahlen verstecken. Man kommt jedoch nicht zum wirklichen Kern, zu den Wurzeln der Armut durch.

Das Thema Ungleichheit ist außerdem sehr wichtig, weil uns die Auseinandersetzung damit hilft, Regierungsprioritäten zu setzen. Über Ungleichheiten zu sprechen, bedeutet ein Umdenken bei der gesetzlichen Prioritätensetzung und bei der Ressourcenverteilung. Man muss darüber diskutieren, wie Ressourcen, Einkünfte und Wachstum erzeugt werden. Die EU beschäftigt sich vor allem mit Wirtschaftswachstum – dabei kommt es aber zu Ungleichheiten. Wer bleibt dabei auf der Strecke? – könnte man fragen. Solche Gespräche helfen uns, Alternativen zu finden.

ActionAid hat sich im Kampf gegen Ungleichheiten vor allem mit Landrechten auseinandergesetzt. Uns ist bewusst, dass das ein sehr heikles Thema ist, vor allem mit Blick auf den privaten Sektor. In Bagamoyo [in Tansania] wurden große Landflächen privatisiert. Was bedeutet das für die Lebensgrundlage der dort lebenden Bevölkerung und für die Umwelt? Wir setzen uns sehr für ein Umdenken in der Politik ein und beschäftigen uns viel mit den bestehenden Verträgen.

Was ist mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau?

Die bleibt eines der Kernziele der SDGs.

Wo liegen Ihre Prioritäten in Ihrer anderen Tätigkeit als AU-Botschafterin im Kampf gegen Kinderheirat?

In meinem Heimatland Simbabwe werden 30 Prozent aller Mädchen unter 18 verheiratet.

Die Afrikanische Union hat lange Zeit an der „Agenda 2063“ gearbeitet und dabei 50 Jahre in die Zukunft gedacht. Letztendlich haben wir uns einem Afrika verschrieben, das in Wohlstand und Frieden mit sich selbst leben soll. Für mich ist klar, dass diese Ziele eine gute Regierungsführung erfordern. Dafür müssen wir Frauen miteinbinden und ihre Rechte schützen. Denn wenn es zum Beispiel im Sudan, in der Demokratischen Republik Kongo (DRK), in Mali oder in der Zentralafrikanischen Republik keinen Frieden gibt, können wir unsere Entwicklungsagenda nicht erfüllen.

Nun zur Entscheidungsfindung. Es geht nicht nur darum, Frauen in den politischen Prozess zu involvieren. Wir hatten bisher nur zwei weibliche Staats- und Regierungschefinnen in Afrika: Ellen Johnson Sirleaf in Liberia und Catherine Samba-Panza in der Zentralafrikanischen Republik. Wir brauchen mehr Frauen in der Entscheidungsfindung, im Parlament. Aber sie müssen mehr als nur politische Ämter belegen. Sie müssen in lokalen Behörden vertreten sein, in den Führungsetagen von Unternehmen, in den Wassergremien, den Schulausschüssen – kurzum: in den öffentlichen Diensten.

Das dritte Thema ist Gewalt an Frauen. Die Raten sind absolut inakzeptabel. Wir setzen uns zum Beispiel im Rahmen einer afrikaweiten Kampagne dafür ein, Kinderehen abzuschaffen. Meiner Ansicht nach sollte man in diesem Kontext überhaupt nicht von einer „Ehe“ sprechen, denn eigentlich gibt man die rechtliche Zustimmung zur Vergewaltigung. Wir machen den widerwärtigen Missbrauch junger Frauen salonfähig. Das ist eine moderne Form von Sklaverei. Die Statistiken zeigen ganz deutlich, dass jungendliche Mädchen am stärksten HIV-gefährdet sind. 14- bis 20-Jährige machen den höchsten Anteil der vermeidbaren Todesfälle aus. Unsere Töchter sterben. In diesem Alter gibt es auch die meisten Schulabbrecher. Wir setzen also ganz gezielt an – und bisher mit Erfolg. So könnte man den Teufelskreis der Armut durchbrechen.

Letztendlich spielt aber auch die Wirtschaft eine entscheidende Rolle. Ich sage immer: Afrika ist stinkreich, verdammt stinkreich. Ich weiß, das ist nicht sehr diplomatisch ausgedrückt, aber wir haben Öl, Diamanten, Mineralien, eine weit zurückreichende Kultur und eine enorme Schöpfungskraft. Trotzdem muss die afrikanische Frau jeden Cent zweimal umdrehen. Sie kann kaum überleben. Sie stellt sich für Nahrungsmittelhilfe an. Ihre Söhne überqueren in klapprigen Booten das Mittelmeer. Sie muss im Flüchtlingslager leben. Das ist einfach falsch.

Wir können die Folgen von Naturkatastrophen in Afrika abmildern. Bei den vom Menschen erschaffenen Katastrophen ist es eine Frage der Rechenschaftspflicht.

Sorgt die Besteuerung ebenfalls für Ungleichheiten?

Aid for Africa ist auf Steuergerechtigkeit angewiesen – in der EU und auf der ganzen Welt. Das Problem ist eher, dass Frauen in den treibenden Schlüsselsektoren der afrikanischen Wirtschaft nicht ausreichend vertreten sind. Es gibt zum Beispiel kaum Frauen im Bergbau, die das Beschaffungswesen, die Ausschreibungen oder die Verträge in Frage stellen. Auch in der Energiebranche sind Frauen unterrepräsentiert, dabei ist dieser Sektor so bedeutsam. Genauso wenige Frauen arbeiten in der Techindustrie und das, obwohl Afrika zum Wachstumsmarkt für den Mobilfunk wird.

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