Wie wir den ‚gordischen Knoten‘ bei der Energieversorgung lösen

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Der Krieg in der Ukraine ist ein Weckruf, unsere Energiepolitik fundamental neu zu ordnen. Wenn wir jetzt die richtigen Lehren ziehen, bietet sich die Chance, den „gordischen Knoten“ zu lösen und unsere CO2-Ziele einzuhalten, schreibt Jorgo Chatzimarkakis.

Der Krieg in der Ukraine ist ein Weckruf, unsere Energiepolitik fundamental neu zu ordnen. Wenn wir jetzt die richtigen Lehren ziehen, bietet sich die Chance, den „gordischen Knoten“ zu lösen und unsere CO2-Ziele einzuhalten, schreibt Jorgo Chatzimarkakis.

Jorgo Chatzimarkakis ist Vorsitzender von Hydrogen Europe, dem führenden Verband der europäischen Wasserstofftechnologiebranche.

Die deutsche und europäische Energiepolitik gleicht einem untrennbar verwickelten „gordischen Knoten“: Europa muss seinen „Energiehunger“ befriedigen, will zeitnah seine (noch-fossilen) Energiequellen diversifizieren und steht vor der Herausforderung, den ambitionierten Transformationszeitplan für die CO2-freie Zukunft einzuhalten.

Gleichzeitig geht es aber auch darum, unsere Industrie zu dekarbonisieren, ohne uns zu deindustrialisieren.

Die Herausforderungen in der Energiepolitik scheinen aktuell also unauflösbar. Doch drei Dinge gibt es, die wir jetzt tun können.

Schritt 1: Durch weltweite Partnerschaften mehr diversifizierte Energiequellen erschließen

Von Norwegen bis hin in die Arabischen Emirate, sucht Deutschland das Gespräch, um mit neuen Partnern auf Augenhöhe zu verhandeln. Häufig geht es hier um Wasserstoff, ein CO2-freier Energieträger, der erneuerbar und nachhaltig produziert werden kann.

Die Strategie, die die Bundesregierung jetzt wie in den Arabischen Emiraten fährt, nämlich zweistufig vorzugehen, ist genau richtig. Denn einerseits muss es jetzt darum gehen, die Versorgung mit nicht-russischem Gas sicherzustellen, anderseits aber auch das post-fossile Zeitalter gemeinsam mit unseren Partnern zu gestalten. In den Arabischen Emiraten soll beispielsweise insbesondere der Wasserstoffsektor ausgebaut werden.

Richtig angegangen können gerade Wasserstoff-Partnerschaften ganz neue Wertschöpfungsketten entstehen lassen, von denen vor allem Länder des globalen Südens profitieren. Endlich geht es um echte Entwicklung, nicht mehr um Entwicklungshilfe. Und durch den massiven Einsatz von Erneuerbaren zur Produktion von grünem Wasserstoff geht es gleichzeitig auch um die globale Energiewende.

Wir reden oft davon, dass wir künftig sehr viel mehr Wasserstoff brauchen in Sektoren wie Flug- und Schiffsverkehr sowie in der Schwerindustrie und, dass wir mehr Wasserstoff nach Europa importieren müssen.

Doch mitunter kann es sinnvoller sein, den Wasserstoff nicht nur lokal zu produzieren, sondern auch in der Region für die Verarbeitung von Rohstoffen zu nutzen.

Beispiel Mauretanien: Bisher wird Eisenerz in dem Wüstenland gefördert und nach Europa exportiert. Würde man aber den in Mauretanien selbst produzierten grünen Wasserstoff nutzen, kann das Erz vor Ort zu sogenannten direktreduzierten Pallets verarbeitet und nach Deutschland exportiert werden, wo sie dann zu Stahl verarbeitet werden. So entstehen ganz im Sinne der nachhaltigen Entwicklung grüne Jobs vor Ort.

Schritt 2: Europäische Strukturen für den gemeinsamen Wasserstoff-Import schaffen

Die EU hat die Bedeutung von grünem Wasserstoff für die erfolgreiche Energiewende erkannt. Wir brauchen auf EU-Ebene aber bessere und effizientere Strukturen, damit mehr Wasserstoff aus Nicht-EU-Staaten den Weg in die EU findet. Damit Investoren in Wasserstoffstrukturen investieren, brauchen wir eine stabile und berechenbare Nachfrage.

Mit einem „European Global Hydrogen Facility“ – angelehnt an H2 Global, das von Vizekanzler Habeck bereits vor Weihnachten letzten Jahres, also lange vor der Invasion in die Ukraine bewilligt wurde – könnte dies viel reibungsloser ausgestaltet werden.

Die im Rahmen des EU-Programms „Wasserstoff-Beschleuniger“ noch zu schaffende Hydrogen Facility würde die erneuerbare Produktion, den sicheren Transport und die Speicherung von Wasserstoff sicherstellen. Auch der EU-Binnenmarkt könnte zur Ankurbelung der Produktion von grünem Wasserstoff in dieses Programm integriert werden.

Dabei soll kein weiterer bürokratischer Mechanismus geschaffen werden, sondern ein bis ca. 2030 begrenztes Werkzeug zum Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Danach braucht es diesen Mechanismus nicht mehr, weil der Handel von grünem Wasserstoff dann kommerziell über einen Handelsplatz laufen könnte.

Schritt 3: Transport- und Speichermöglichkeiten, die Nachfrage und Angebote entflechten

Der Aufbau von Importstrukturen auch mittels geeigneter Pipelines ist das Eine, doch ohne die entsprechenden Lagerstätten wird es nicht gelingen, auch in Krisenzeiten über eine schwankungsunabhängige Wasserstoffquelle zu verfügen.

Für Erdgas gibt es schon heute große Speicher. Warum sollten wir das nicht auch für grünen Wasserstoff aufbauen? Die Rede ist von Kavernenspeichern. Diese Möglichkeit würde EU-Mitgliedstaaten ermöglichen, Wasserstoff zu kaufen, der in den Reserven gespeichert werden kann.

Das gibt den Markterwartungen eine klare Stabilität, insbesondere für die unmittelbare Ankurbelung der Produktion von Elektrolyseuren, die für die Spaltung von Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff mittels erneuerbarer Energie dringend nötig sind.

Energie-Partnerschaften, um einseitige Abhängigkeiten zu verringern, mehr Europa beim gemeinsamen Erwerb und der Verteilung von Wasserstoff sowie mehr Speichermöglichkeiten: Mit diesen drei „Strängen“ kann man den „gordischen Knoten“ zerschlagen.

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