Deutschland könnte bis 2035 auf fossile Brennstoffe verzichten

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Deutschland könnte seinen gesamten derzeitigen Strombedarf innerhalb der nächsten 10 Jahre komplett auf Sonne, Wind und Batterien umstellen – bei Gesamtkosten von lediglich 35,2 Milliarden Euro pro Jahr, und bis 2035 vollständig energieunabhängig werden, und das zu einem Preis, der unter den derzeitigen Ausgaben für fossile Brennstoffe liegt, schreibt Nafeez Ahmed. [SHUTTERSTOCK | BLUE PLANET STUDIO]

Deutschland könnte seinen gesamten derzeitigen Strombedarf innerhalb der nächsten 10 Jahre komplett auf Sonne, Wind und Batterien umstellen – bei Gesamtkosten von lediglich 35,2 Milliarden Euro pro Jahr, und bis 2035 vollständig energieunabhängig werden, und das zu einem Preis, der unter den derzeitigen Ausgaben für fossile Brennstoffe liegt, schreibt Nafeez Ahmed.

Dr. Nafeez Ahmed ist Global Research Communications Director bei RethinkX, einer Denkfabrik für Technologieprognosen in San Francisco und London. Er gehört zusammen mit Tony Seba, James Arbib und Adam Dorr zu den Verfassern des neuen Grundsatzpapiers von RethinkX, Germany’s Path to ‚Freedom Energy‘ by 2030.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat die absurde Abhängigkeit Europas von den unberechenbaren russischen Öl- und Gasimporten verdeutlicht. Während die politischen Führungskräfte fieberhaft nach Wegen suchen, um diese Abhängigkeit zu verringern, sollten sie diese beispiellose Krise gleichzeitig als beispiellose Chance verstehen.

Unsere aktuelle Analyse zeigt, dass Europa diese Krise nutzen könnte, um mutig ein neues Zeitalter der Energiesicherheit und des wirtschaftlichen Wohlstands einzuleiten, anders als alles, was wir bisher gesehen haben.

Für Europas größte Volkswirtschaft erfordert der billigste, schnellste und effektivste Weg zu Eigenversorgung, Sicherheit und Resilienz die Beschleunigung der „Clean Disruptions“ („Sauberen Revolutionen“) im Energie- und Verkehrssektor.

Durch den raschen Ausbau von Solarenergie, Windkraft, Batterien und Elektrofahrzeugen – in optimaler Kombination – kann Deutschland vollständig energieunabhängig werden, und das zu einem Preis, der unter den derzeitigen Ausgaben für fossile Brennstoffe liegt.

Damit könnte innerhalb von etwa einem Jahrzehnt der Weg bereitet werden, um in den darauffolgenden Jahrzehnten hunderte Billionen Dollar einzusparen.

Das neue Grundsatzpapier, welches ich gemeinsam mit Tony Seba, James Arbib und Adam Dorr verfasst habe, erläutert, wie eine Überdimensionierung der Stromerzeugungskapazitäten den Bedarf an Batteriespeichern gegenüber der bestehenden Nachfrage um ein Vielfaches reduziert und gleichzeitig mehr als genug Energie liefert, um auch die dunkelsten Wintertage problemlos zu überstehen.

Mit dieser Strategie werden die meiste Zeit des Jahres riesige Stromüberschüsse zu Null-Grenzkosten erzeugt. Anstatt diesen „Superstrom“ zu drosseln, kann er für umfangreiche neue Anwendungen genutzt werden, mit denen die Stromnetze umgestaltet und ausgebaut werden können.

Und da dieses Konzept weit weniger Batteriespeicher erfordert, sind die Gesamtkosten viel niedriger als gemeinhin angenommen wird.

Das RethinkX-Forschungsteam kam bei der Anwendung dieses Konzepts auf Deutschland zu einem erstaunlichen Ergebnis: Deutschland kann seinen gesamten derzeitigen Strombedarf innerhalb der nächsten 10 Jahre komplett auf Sonne, Wind und Batterien umstellen – bei Gesamtkosten von lediglich 35,2 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist weniger als 1% des deutschen BIP und weniger als die heutigen deutschen Subventionen für fossile Brennstoffe pro Jahr.

Aber das ist erst der Anfang. Denn Deutschland kann nicht nur seine Stromversorgung, sondern sein gesamtes Energiesystem dementsprechend schnell umstellen – und zwar bis zum Jahr 2035.

Wir haben festgestellt, dass Deutschland bei jährlichen Ausgaben von nur 108 Milliarden Euro in den nächsten 15 Jahren die Nutzung fossiler Brennstoffe für die Stromerzeugung, den Wärmebedarf für Wohngebäude und Unternehmen sowie den Straßenverkehr vollständig beenden kann. Diese jährlichen Ausgaben sind weniger als Deutschland im Jahr 2021 insgesamt für den Import und die Subventionierung fossiler Brennstoffe aufgewendet hat (ca. 116 Milliarden Euro).

Dieses Szenario ist zudem pragmatisch. Während Deutschland das neue System aufbaut, sollte es vorübergehend seine vorhandenen Erzeugungskapazitäten in Kernkraft-, Wasserkraft- und Gas-Spitzenlast-Kraftwerken für die Grundlast beibehalten und gleichzeitig verstärkt auf Wärmepumpen, Wärmedämmung und intelligente Verbrauchsmessung setzen.

Dies würde es Deutschland ermöglichen, die derzeitige Stromnachfrage von etwa 500 Terawattstunden (TWh) zu ersetzen, weitere 510 TWh zusätzlichen Strom für Wärme und Verkehr zu erzeugen und bis zum Jahr 2035 einen massiven Überschuss an „Superstrom“ in Höhe von 1.636 TWh zu generieren.

Dabei wird das alte System nicht eins zu eins ersetzt, sondern es handelt sich um eine

„Phasentransformation“ mit enormen Kaskadeneffekten für die gesamte deutsche Gesellschaft.

Das neue saubere Energiesystem wird sich durch eine völlig neue Dynamik und völlig neue Eigenschaften auszeichnen. Die so erzeugte Energie wird um eine ganze Größenordnung billiger sein als heute, mit Null-Grenzkosten für einen Großteil des Jahres.

Ein solcher Überfluss an sauberer Energie wird zu einer drastischen Senkung der Lebenshaltungs- und Industriekosten führen und neue Möglichkeiten für Geschäftsmodell-Innovationen und Wertschöpfung eröffnen, ähnlich wie es mit Null-Kosten-Informationen beim Internet der Fall war.

Deutschland wird zum Beispiel in der Lage sein, Leistungen wie Wasserentsalzung und -aufbereitung, Abfallverarbeitung und -recycling, Metallverhüttung und -veredelung, Verarbeitung und Herstellung chemischer Produkte, Krypto-Mining, verteilte Datenverarbeitung und Kommunikation, Dekarbonisierung – und mehr – zu elektrifizieren.

Es gibt also keinen Grund, auf „Wundertechnologien“ oder „technologische Durchbrüche“ im Energiebereich zu warten. Deutschland muss lediglich die Skalierung bestehender Technologien beschleunigen, indem es die Hebelwirkung der Marktkräfte nutzt.

Das erfordert die Schaffung offener und wettbewerbsfähiger Strommärkte durch die Streichung aller Subventionen für Neu-Investitionen in fossile und konventionelle Energien, bei denen es sich nicht um Notfallmaßnahmen handelt; staatliche Unterstützung für die Elektrifizierung von Heizung und Kochen in Privathaushalten, sowie ein „Grundrecht auf Energie“, das einzelnen Menschen, Kommunen und Unternehmen die Erzeugung, Speicherung und den Handel von Strom ermöglicht.

Deutschland sollte zudem seine Bevölkerung in der Übergangsphase von etablierten, wirtschaftlich veralteten Branchen hin zu neuen, boomenden „Elektrifizierungsbranchen“ unterstützen.

Nicht nur muss Deutschland keine neuen Fossil-, Atom-, Wasserstoff-, Wasser- oder Geothermiekraftwerke mehr bauen, sondern wird darüber hinaus ab 2035 auch nie wieder fossile Brennstoffe importieren müssen.

Das bedeutet jedes Jahr Einsparungen von Hunderten Milliarden Euro, die sich Jahrzehnt für Jahrzehnt zu Billionen Euro aufsummieren. Und mit diesen massiven wirtschaftlichen Einsparungen wird Deutschland in der Lage sein, seine saubere Energiewende weiter zu beschleunigen und die verbleibenden konventionellen Energieanlagen vollständig zu ersetzen.

Dies hat enorme Auswirkungen. Denn wenn die größte europäische Volkswirtschaft eine schnelle und kostengünstige Wende von der fatalen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu einem Überfluss an sauberer Energie schaffen kann, dann schafft der Rest Europas das auch.

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