Der Ausbau des Stromverbundnetzes: das europäische Friedensprojekt für dieses Jahrzehnt

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Die Energiewende, einst ein Klimazwang, ist heute eine wirtschaftliche und sicherheitspolitische Notwendigkeit, schreibt eine parteiübergreifende Gruppe von vier EU-Abgeordneten. [pan demin / Shutterstock]

Die grenzüberschreitende Nutzung von Elektrizität und die damit verbundene Solidarität werden eine widerstandsfähige und nachhaltige Zukunft für Europa ermöglichen, schreibt eine Gruppe von parteiübergreifenden EU-Abgeordneten im Gastbeitrag.

Die folgende Stellungnahme wurde von den Europaabgeordneten Bas Eickhout (Grüne, Niederlande), Martin Hojsík (S&D, Slowakei), Ville Niinistö (Grüne, Finnland) und Sirpa Pietikäinen (EVP, Finnland) unterzeichnet.

Europa befindet sich an einem Wendepunkt. Dieser Sommer brachte rekordverdächtige Gaspreise sowie beispiellose Waldbrände und Hitzewellen. Und doch ist dies nur ein Vorgeschmack auf die Herausforderungen, die uns in diesem und in den kommenden Wintern erwarten werden, da es an vielen Fronten Krisen gibt.

Während Europa mit der Energieunsicherheit zu kämpfen hat, beginnen die Mitgliedstaaten, sich mit Sonnenkollektoren und Windturbinen zu wappnen. Die meisten EU-Länder haben den Ausbau von Wind- und Solarenergie bereits beschleunigt, sodass die EU fast im Zeitplan ist, um das von den EU-Abgeordneten in diesem Monat unterstützte Ziel eines Anteils von 45 Prozent erneuerbarer Energien bis 2030 zu erreichen.

Acht Ostseeanrainerstaaten erklärten sich selbst zur „Frontlinie der europäischen Energiesicherheit“, als sie sich verpflichteten, die Offshore-Windkraft bis 2030 um das Siebenfache zu steigern. In diesem Rekordsommer konnte Europa Gasimporte im Wert von 29 Milliarden Euro vermeiden.

Die Energiewende, einst ein durch den Klimawandel bedingtes Muss, ist heute eine wirtschaftliche und sicherheitspolitische Notwendigkeit. Und wie bei anderen komplexen Herausforderungen, wie der Pandemie, werden koordinierte Maßnahmen und eine intensive grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Schlüssel zum Erfolg für Europa sein.

Wir sprechen hier von Zusammenarbeit nicht nur auf politischer Ebene, sondern auch ganz konkret durch eine gemeinsame, grenzüberschreitende Strominfrastruktur.

Der Wert eines vernetzten Europas

Stromverbundnetze sind die ultimativen Möglichmacher der Energiewende. Die Bereitschaft zur gemeinsamen Nutzung von Strom wird Europa in die Lage versetzen, das volle Potenzial seines reichhaltigen Angebots an sauberem und billigem Strom aus erneuerbaren Energiequellen auszuschöpfen.

Da in ganz Europa verschiedene Wettersysteme im Spiel sind, können Länder mit einem Überangebot an Wind- und Sonnenenergie Strom exportieren, um die Nachfrage in anderen Ländern zu decken, in denen das Angebot knapp ist, und so zur Versorgungssicherheit und Widerstandsfähigkeit beitragen.

Außerdem können Wind- und Sonnenenergie in Gebieten mit optimalen Bedingungen eingesetzt werden, was sowohl die Herausforderung als auch die Kosten des erforderlichen Ausbaus der erneuerbaren Energien verringert.

Die europäischen Verbundnetze gehen auch über grenzüberschreitende Leitungen hinaus. Die Länder nutzen jetzt die Vorteile gemeinsamer Offshore-Ressourcen, indem sie grenzüberschreitende Energieknotenpunkte entwickeln, die über Unterseekabel mit dem Festland verbunden sind.

Die Finanzierung solcher Projekte durch die EU wurde im Rahmen des überarbeiteten Programms der Fazilität „Connecting Europe“ (CEF) eingeführt, wobei in letzter Zeit drei Projekte, an denen insgesamt sieben EU-Länder beteiligt sind, unterstützt wurden.

Der gesellschaftliche Nutzen liegt auf der Hand: Investitionen in die Vernetzung führen zu erheblichen Kosteneinsparungen für die Verbraucher:innen in Höhe von fünf bis neun Milliarden Euro pro Jahr. Außerdem sinken die Strompreise, da billiger Strom aus erneuerbaren Energiequellen optimal genutzt und auf dem gesamten Kontinent verteilt wird.

Darüber hinaus wird die rasche Dekarbonisierung des Stromsystems durch die Elektrifizierung von Heizung, Verkehr und Industrie Emissionssenkungen in der gesamten Wirtschaft ermöglichen.

Europa hat bereits das größte zusammenhängende Netz der Welt, mit mehr als 400 Verbindungsleitungen, die fast 600 Millionen Bürger:innen miteinander verbinden. Es ist eine Supermacht, die Europa für die bevorstehenden Herausforderungen noch verstärken kann. Die Arbeit ist jedoch noch lange nicht getan.

Acht Jahre bis zur Verdoppelung der europäischen Verbundnetze

Nach Schätzungen des Europäischen Netzes der Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) muss sich die heutige Verbundkapazität bis 2030 verdoppeln, was eine enorme Herausforderung darstellt, die in nur acht kurzen Jahren bewältigt werden muss. Und selbst dies kann als das Minimum der erforderlichen Anstrengungen angesehen werden.

Diese zugegebenermaßen einschüchternde Zahl wird durch die jüngste Studie des Think-Tanks Ember gestützt, die zu dem Ergebnis kommt, dass die Verdopplung des Stromverbunds der kostengünstigste Weg ist, um die Widerstandsfähigkeit eines künftigen, von Wind- und Sonnenenergie dominierten Stromsystems zu gewährleisten.

Die Notwendigkeit eines erweiterten Stromverbunds wird auch durch das Energieszenario „Paris Agreement Compatible“ (PAC) untermauert, das vom Europäischen Umweltbüro und CAN Europe in Zusammenarbeit mit Netzbetreibern, Industrievertretern, Wirtschaftswissenschaftlern und Forschern entwickelt wurde.

REPowerEU plant, zusätzliche 29 Milliarden Euro in die Stromnetze zu investieren, doch die derzeitigen Pläne decken nur drei Viertel des zwischen 2025 und 2030 benötigten Wachstums ab. Angesichts der typischerweise langen Genehmigungszeiten für Verbundprojekte müssen neue Vorschläge schnell umgesetzt werden.

Die politische Bereitschaft, sich für eine Vertiefung der gegenseitigen Abhängigkeit im Energiebereich einzusetzen, ist hierfür ausschlaggebend. Derzeitige Diskussionen über die europäischen Energiemärkte bieten die Gelegenheit, politische Bedenken hinsichtlich der Verknüpfung der Strommärkte auszuräumen.

Es war eine wertvolle Erfahrung zu sehen, dass es für Europa im Moment der Krise sehr viel schwieriger ist, Gas zu verteilen und seine Nachbarn zu unterstützen, da das System auf einen Fluss von Ost nach West ausgelegt war. Wir wollen nicht denselben Fehler bei der Elektrizität wiederholen, die bis 2050 die Grundlage der gesamten europäischen Energieversorgung sein wird.

Fatih Birol, Leiter der Internationalen Energieagentur, gehört zu denjenigen, die in diesem Krisenmoment zu Einigkeit und Solidarität aufrufen.

Ein europäisches Friedensprojekt für dieses Jahrzehnt

Der Ausbau des Stromverbundnetzes ist ein rein europäisches Projekt, das die regionale Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsstaaten stärken wird.

Dieses große Infrastrukturprojekt erfordert eine weitaus aktivere Rolle der EU-Kommission bei der Planung und Koordinierung der Infrastrukturentwicklung sowie eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten und ihren Nachbarn, eine offene Ressourcennutzung und eine stärkere Vernetzung.

Sie kann ein friedenspolitisches Vorzeigeprojekt für dieses kritische Jahrzehnt sein, ein Symbol für die Einheit, Solidarität und Widerstandsfähigkeit Europas angesichts von Bedrohungen und Unsicherheiten.

Vor fast 30 Jahren wurde die EU mit ihrer Vision eines stärker vernetzten und friedlichen Europas gegründet. In weniger als 30 Jahren wird Europa seine Wirtschaft umgestalten müssen, um Netto-Null zu erreichen.

Eine neue Vision für ein vernetztes, nachhaltiges und sicheres Europa wird immer noch formuliert. Der Stromverbund wird dabei im Mittelpunkt stehen.

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