Das europäische Stromnetz steht unter Druck. Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen steigt stetig, Investitionen in neue Infrastrukturen bleiben aber aus. Drohen Blackouts in der EU?
Klaus Müller, der Präsident der Bundesnetzagentur, ist besorgt.
„Wenn weiter sehr viele neue Wärmepumpen und Ladestationen installiert werden, dann sind Überlastungsprobleme und lokale Stromausfälle im Verteilnetz zu befürchten, falls wir nicht handeln“, sagte Müller am Sonntag (15. Januar) der FAS.
Am selben Tag hatte der süddeutsche Netzbetreiber TransnetBW die Bürger:innen aufgerufen, ihren Stromverbrauch in den Abendstunden zu reduzieren, um einen Blackout zu vermeiden.
„Helfen Sie mit!“, hieß es in einer in den sozialen Medien veröffentlichten Nachricht.
Während Russlands Gaslieferungen an Europa gegen null gehen, beschleunigt Deutschland den Einsatz sauberer Energiealternativen – neue Windparks, Solarzellen auf Dächern und Wärmepumpen -, die in den letzten Monaten einen Nachfrageboom erlebt haben.
Die Verkäufe von Elektroautos in Europa sind im November 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 27 Prozent gestiegen. Dasselbe gilt für Wärmepumpen, die nach einem starken Jahr 2021 mit einem Wachstum von 34 Prozent um mehr als 20 Prozent zulegten, so Thomas Nowak, Generalsekretär des Europäischen Wärmepumpenverbandes (EHPA).
Aber der Hochlauf der mit Strom betriebenen Geräte erhöht auch den Druck auf das Stromnetz.
„Das Stromnetz steht vor drei großen Herausforderungen: die Integration von Wärmepumpen, das Aufladen von Elektrofahrzeugen und die zunehmend dezentralisierte Stromerzeugung“, sagt Bram Claeys, Senior Associate beim Regulatory Assistance Project (RAP), einem Think-Tank für saubere Energie.
Deutschland ist dabei nicht der einzige Staat, der Probleme mit seinem Stromnetz hat.
Im Jahr 2022 hatte das Stromnetz im Süden der Niederlande einige Schwierigkeiten mit dem Ausgleich der Nachfrage und der Integration neuer Energiequellen, die beide die Verwaltungskapazität des Netzes überstiegen, sagt Jaap Burger, ebenfalls Experte bei RAP, aus den Niederlanden.
Strominfrastrukturen sind komplexe Systeme. Da Strom nicht in großem Umfang gespeichert werden kann, müssen Angebot und Nachfrage jederzeit im Gleichgewicht gehalten werden, sonst bricht das Netz zusammen.
Da die Stromerzeugung aufgrund des Einsatzes erneuerbarer Energieträger jedoch zunehmend dezentralisiert und wechselhaft ist, wird es immer schwieriger, genügend Kapazitäten zur Deckung der Nachfrage bereitzustellen.
Vor dem Wintereinbruch im vergangenen Jahr einigten sich die EU-Länder daher auf neue Sofortmaßnahmen zur Bewältigung der Energiekrise, darunter das verbindliche Ziel, den Stromverbrauch in Spitzenzeiten um 5 Prozent zu senken.
In ganz Europa wurden derweil die Menschen aufgefordert, ihren Verbrauch einzuschränken, um einen Zusammenbruch des Stromnetzes zu verhindern. In Finnland wurden Autofahrer aufgefordert, ihre Fahrzeuge morgens nicht zu heizen. Das Vorheizen der Autos ist dort Volkssport. Britische Verbraucher wurden aufgefordert, ihren Stromverbrauch zwischen 16.00 und 19.00 Uhr zu senken.
Unter Druck
Können Europas Stromnetze mithalten, wenn die europäischen Verbraucher immer mehr Wärmepumpen und Elektroautos kaufen und fleißig benutzen?
In den Niederlanden wurden die Netzbetreiber im vergangenen Jahr von der Situation überrascht. Aufgrund der viel schneller als prognostizierten Elektrifizierung in Industrie und Verkehr war der Netzbetreiber im Süden des Landes bald mit der Nachfrage überfordert, so RAPs Burger.
Der administrative Engpass führte zu erheblichen Verzögerungen bei größeren Neuinstallationen. Dies wiederum löste „eine Art Goldrausch“ aus, da die Entwickler begannen, den Verteilernetzbetreiber mit Anfragen zu überschwemmen, was die Situation noch verschlimmerte.
Infolgedessen mussten Unternehmen, die große industrielle Wärmepumpen oder Schnellladeinfrastrukturen für Autos installieren wollten, monatelang warten, um das Netz nicht übermäßig zu belasten.
In Deutschland sind vor allem die lokalen Niederspannungsleitungen gefährdet, so heißt es aus der Bundesnetzagentur.
Es wird erwartet, dass deren Chef Müller ab dem 1. Januar 2024 eine Stromrationierung einführen wird. Die Regelung wird speziell auf Ladestationen für Elektroautos und Wärmepumpen abzielen, wobei eine Mindestversorgung garantiert wird.
„Wir befinden uns immer noch in einer Situation, in der wir die Investitionen in die Modernisierung und die Erhöhung der Widerstandsfähigkeit der Verteilungsnetze erheblich steigern müssen“, erklärt Kristian Ruby, Generalsekretär von Eurelectric, dem europäischen Verband der Stromwirtschaft.
Allerdings hinken die Investitionen in neue Infrastrukturen hinterher.
„Wir haben zwischen 2020 und 2021 einen 10-prozentigen Anstieg der Investitionen in Verteilernetze gesehen“, so Ruby gegenüber EURACTIV. „Was wir hätten sehen sollen, wäre ein Anstieg von 40 Prozent gewesen“, betonte er.
Anfang 2021 schätzte Eurelectric, dass die Anpassung des Netzes an das neue Zeitalter der Elektrifizierung Investitionen in Höhe von 375 bis 425 Milliarden Euro erfordern würde.
Diese Schätzung muss jedoch wahrscheinlich revidiert werden. Die Bauteile des Stromnetzes „sind teurer geworden“, während sich die Herausforderungen ob der Klimakrise „als unmittelbarer erwiesen haben und einen höheren Bedarf an Investitionen in die Widerstandsfähigkeit auslösen“, so Ruby.
Während Russlands Krieg in der Ukraine eine „deutliche Steigerung des Ehrgeizes“ beim Einsatz erneuerbarer Energien und bei der Elektrifizierung erforderte, ist der „Anstieg der Netzinvestitionen hier das fehlende Element“, so Ruby weiter.
Während die Ziele für erneuerbare Energien in Europa immer weiter erhöht werden, werden die damit verbundenen Investitionen in die Stromnetze „tendenziell übersehen“, obwohl für jeden in erneuerbare Energien investierten Euro 50 Cent in die Netzverstärkung fließen sollten, warnte Ruby.
Kein Risiko“ eines drohenden Zusammenbruchs
Steht ein Einsturz unmittelbar bevor? „Nein, ein solches Risiko besteht nicht“, sagt Andreas Jahn, ebenfalls Experte bei RAP.
Allerdings seien „bestimmte Regionen stärker belastet als andere“, räumte er ein, was mittelfristig zu regionalen Engpässen und Netzüberlastungen führen könne, wenn die Netzinvestitionen weiter hinterherhinken.
Nowak, der Vertreter der Wärmepumpenindustrie, räumte ein, dass es durch den sehr starken Zuwachs an Wärmepumpen und die Versorgungsengpässe in der Netzinfrastruktur zu „Schluckauf“ kommen könnte.
Für einige Wärmepumpenhersteller ist das Gerede von Stromrationierungen besorgniserregend.
„Die Verbraucher müssen Vertrauen haben, wenn sie sich für eine Wärmepumpe entscheiden“, sagte Alix Chambris, Vizepräsidentin für „global public affairs“ bei Viessmann, dem deutschen Hersteller von Heiz- und Kühlgeräten. „Wenn wir Millionen von Haushalten zu Investitionen auffordern, müssen wir berechenbare Rahmenbedingungen schaffen“, sagte sie.
Für das europäische Stromnetz ist jedoch noch lange nicht Schicht im Schacht.
In den Niederlanden hat die Überlastung des Netzes im Jahr 2022 eine „breite Koalition von Interessengruppen“ dazu veranlasst, eine forschere Beteiligung des Staates am Netzausbau zu fordern, so Burger von RAP.
Dies führte im Dezember zu einem Aktionsplan der Regierung, der einen „schnelleren Ausbau des Netzes, eine intelligentere Nutzung der vorhandenen Kapazitäten und mehr Anreize für einen flexiblen Verbrauch vorsieht“, erklärt er.
Beim individuellen Heizen können hybride Wärmepumpen, die mit Gas betrieben werden können, wenn der Strom knapp ist, auch dazu beitragen, saisonale Nachfragespitzen auszugleichen, sagt Chambris von Viessmann.
Flexible Stromtarife, die auf einem „netzdienlichen Ansatz“ beruhen, können ebenfalls genutzt werden, um zu vermeiden, dass „jeder sein Elektrofahrzeug auflädt und gleichzeitig die Wärmepumpe einschaltet“, stellt Jahn für Deutschland fest.
Die Arbeit an dieser Front hat bereits begonnen. Deutschland, ein Land, das schon lange auf intelligente Netze setzt, hat erst kürzlich ein neues Gesetz verabschiedet, um die Installation intelligenter Zähler zu fördern und flexible Stromtarife für die Verbraucher einzuführen.
Im Jahr 2021 versprachen die EU-Versorgungsunternehmen in einem gemeinsam unterzeichneten Schreiben, dass das europäische Netz 50 Millionen Wärmepumpen verkraften könne.
Der Brief sei „immer noch absolut wahr und aktuell, auch im aktuellen Kontext“, betonte ein Sprecher des französischen Energieriesen EDF, einem der Unterzeichner. Andere Unterzeichner teilten EURACTIV eine ähnliche Position mit.
[Bearbeitet von Frédéric Simon]



