Unterstützung für mehr Gas aus Gröningen wächst

epa07720068 Beim Grübeln: Hans Vijlbrief, damals Vorsitzende der Euro-Arbeitsgruppe, während der Economist-Konferenz mit dem Titel "Europe: leaving indecisiveness behind?" in Lagonissi, nahe Athen, Griechenland, am 16. Juli 2019. EPA-EFE/YANNIS KOLESIDIS [EPA-EFE/YANNIS KOLESIDIS]

Immer mehr Menschen und Branchenexperten in den Niederlanden sprechen sich angesichts der wachsenden Sorge vor einer europaweiten Versorgungskrise dafür aus, mehr Gas aus dem zur Neige gehenden Groningen-Gasfeld zu fördern.

Die niederländische Regierung ist jedoch nach wie vor entschlossen, das Groningen-Feld, das größte Festland-Gasfeld in Europa, dauerhaft zu schließen. Die Gasförderung löst dort Erdbeben aus, die der Bevölkerung das Leben schwer machen.

Da jedoch der Einmarsch Russlands in der Ukraine die Wahrscheinlichkeit einer Gasversorgungskrise erhöht hat, werden Forderungen laut, dass die Regierung ihre Entscheidung überdenken sollte.

„Die rasanten geopolitischen Entwicklungen erfordern eine sofortige Anpassung der Politik mit wirksamen Maßnahmen“, sagte Hans Grünfeld. Dazu gehöre laut dem Geschäftsführer von VEMW, der niederländischen Lobbygruppe der industriellen Energieverbraucher, „ein Überdenken der Gasförderung in Groningen“. Unter „Berücksichtigung eines als sicher erachteten Förderniveaus und einer angemessenen Entschädigung“ könne eine höhere Förderquote in Betracht gezogen werden.

Die Förderung von mehr Gas in Groningen ist in den Niederlanden aufgrund der Auswirkungen auf die örtlichen Gemeinden ein politisches No-Go.

Hans Vijlbrief, der niederländische Staatssekretär für Bergbau, bezeichnete dies letzte Woche (14. März) als „ultimum remedium“ in der aktuellen Energiepreiskrise. Trotz der geopolitischen Spannungen erwägt er sogar, die diesjährige Förderquote auf 4,6 Milliarden Kubikmeter (bcm) zu senken, weniger als zuvor angekündigt.

EU-Rundblick: Der Weg aus der russischen Energieabhängigkeit Europas

„Morgen werde ich mit Präsident Biden diskutieren, wie die LNG-Lieferungen aus den Vereinigten Staaten an die Europäische Union in den kommenden Monaten priorisiert werden können“, sagte von der Leyen am Mittwoch (23. März).

Vor zwei Wochen stellte die Europäische Kommission Pläne vor, die Abhängigkeit von russischem Gas bis Ende des Jahres um zwei Drittel zu verringern. Die vollständige Unabhängigkeit von Gasimporten aus Russland solle dann „weit vor 2030“ folgen.

Unter niederländischen Energieexperten hat die wachsende Abhängigkeit von Importen Besorgnis ausgelöst. Seit das Land 2018 aufgrund der rapide sinkenden Produktion in Groningen zu einem Nettoimporteur von Gas wurde, bezieht die Niederlande rund 20 % ihres Gases aus Russland.

Immer mehr Experten plädieren nun dafür, mehr von dem Gas in Groningen zu fördern. Um die Gefahr von Erdbeben zu minimieren, sei es dabei entscheidend, den Druck innerhalb des Feldes aufrechtzuerhalten.

Nach Ansicht von Energieexperten ist die Erschließung heimischer Ressourcen zudem eine billigere und sauberere Alternative zur Beschaffung von zusätzlichem Flüssigerdgas (LNG). Der staatliche Gasnetzbetreiber Gasunie hat erklärt, es sei machbar, die LNG-Importkapazität des Landes zu verdoppeln, um so russisches Pipeline-Gas zu ersetzen.

Zusätzliche LNG-Lieferungen nach Europa „könnten aus Katar kommen, das keine gute Menschenrechtsbilanz hat, oder aus den USA, wo es mehr Methanemissionen und Erdbeben gibt als in den Niederlanden“, sagte Margriet Kuijper. Als Beraterin für Kohlenstoffmanagement und ehemalige Shell-Managerin war sie bereits in der Stellungnahme des Konzerns zu den Erdbeben in Groningen involviert.

„Es erscheint inkonsequent, dass wir bestimmte Standards für unsere eigene Gasproduktion haben, aber ohne Bedenken LNG aus anderen Ländern mit niedrigeren Standards zum dreifachen Preis importieren“, sagte sie gegenüber EURACTIV.

Aus technischer Sicht ist eine Erhöhung der Gasförderung aus dem Feld möglich, da die Infrastruktur noch vorhanden ist. Die staatliche Aufsichtsbehörde für Bergbau (Staatstoezicht op de Mijnen, SodM) hatte zuvor eine Fördermenge von 12 Mrd. Kubikmetern (bcm) pro Jahr als sicher für die Anwohner eingestuft, sofern die Gebäude ausreichend verstärkt werden.

Die Aufsichtsbehörde warnte am 8. März, dass die Notwendigkeit, weitere 13.000 Wohnungen zu verstärken, bedeutet, dass die Durchführung weiterer Explorationsarbeiten auf dem Gasfeld das Leben der Menschen gefährden würde.

Trotz der Risiken wächst die Unterstützung für eine Erhöhung der Produktion – selbst in der Provinz Groningen. Anfang März veröffentlichte eine Lokalzeitung folgende Umfrage: 61 % der Befragten in der Region befürworten eine Erhöhung der Fördermenge auf 12 Mrd. Kubikmeter pro Jahr, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern.

„Wir müssen überdenken, ob wir das Groningen-Gasfeld noch länger offen lassen“, sagte David Smeulders, Professor für Energietechnologie an der Universität Eindhoven.

Druck zur Erhöhung der Gasproduktion ging auch von den Nachbarländern aus. Bereits vor dem Krieg in der Ukraine forderte Deutschland mehr Gas aus Groningen an, da einige industrielle Nutzer nur schleppend Maßnahmen zur Energieeffizienz ergriffen

Aufgrund eines langfristigen Liefervertrags sahen sich die Niederlande im Januar gezwungen, eine Erhöhung der diesjährigen Groningen-Produktion anzukündigen. Nur so kann der deutsche Bedarf an zusätzlichen 1,1 Mrd. m3 gedeckt werden.

„Man kann die Niederlande nicht als Energieinsel betrachten, denn wir sind Teil eines größeren Energiesystems, vor allem auf dem Gasmarkt“, sagte Lucia van Geuns, strategische Energieberaterin am Zentrum für strategische Studien in Den Haag.

„Vielleicht kommt in dieser konkreten Krise die Groninger Produktion wieder zum Tragen, aber wahrscheinlich nur als letztes Mittel“, sagte sie.

[Bearbeitet von Frédéric Simon/Zoran Radosavljevic]

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