Habeck: Ausbau der deutschen Offshore-Windenergie „wird eine große Kraftanstrengung“ sein

Der deutsche Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck steht vor großen Herausforderungen, denn er muss den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland zügig vorantreiben und stößt dabei manchmal an die Grenzen des Machbaren. [EPA-EFE/CLEMENS BILAN]

Nachdem Olaf Scholz am Mittwoch (8. Dezember) als neuer Bundeskanzler vereidigt wurde, steht sein Vize Robert Habeck vor einer gewaltigen Herausforderung: einen rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien anzustoßen, der an die Grenzen des Machbaren stößt.

Rund 80 Prozent des deutschen Stromverbrauchs sollen im Jahr 2030 aus erneuerbaren Energien stammen, heißt es im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. „Das ist die Drei- bis Vierfache Ausbaugeschwindigkeit, die wir bisher hatten“, sagte Robert Habeck, der neue Superminister für Wirtschaft und Klima, vor seiner Vereidigung am Dienstag (7. Dezember) vor Journalisten.

Um die ehrgeizigen Klimaziele des Landes zu erreichen, müsse der Ausbau der Solarenergie, der Onshore- und der Offshore-Windenergie beschleunigt werden, erklärte er.

„Und das wird eine große Kraftanstrengung sein, die gesellschaftliche Debatten notwendig erforderlich macht“, fügte er hinzu.

Neben einem massiven Ausbau der Solaranlagen und der Reservierung von 2 % der Flächen für Onshore-Windkraftanlagen will die Ampelkoalition auch die Offshore-Windenergie vorantreiben.

Die deutschen Ziele für den Ausbau der Offshore-Windenergie wurden zuletzt im Dezember letzten Jahres angehoben, wobei eine installierte Leistung von 20 Gigawatt (GW) bis 2030 und 40 GW bis 2040 angestrebt wird.

Im Jahr 2020 waren in Deutschland fast 7,8 GW Offshore-Windkapazität am Netz, die nach Angaben des Offshore-Dienstleisters Deutsche Windguard im Jahr 2021 nicht mehr steigen wird. Mit den geplanten Projekten soll die Kapazität bis 2025 auf 10,8 GW steigen.

Doch die neue Bundesregierung will die Messlatte höher legen und hat sich verpflichtet, bis 2030 eine installierte Offshore-Windkapazität von 30 GW, bis 2035 von 40 GW und bis 2045 sogar von 70 GW zu erreichen, was Habeck gleich nach seinem Amtsantritt in die Wege leiten muss.

„Ich schaue mir jetzt die kurzfristigen Maßnahmen an“, sagte Habeck vor Journalisten, ohne näher darauf einzugehen. „Die längerfristigen und die wirklich wirksamen müssen, glaube ich, im ersten Jahr gefunden, beschlossen und auch verabschiedet werden.“

Vorteilhafte Winde

Habecks Vorstoß, den Ausbau der Offshore-Windkapazitäten zu beschleunigen, fällt auf fruchtbaren Boden: Am 2. Dezember unterzeichnete sein Vorgänger Peter Altmaier eine politische Deklaration mit anderen Nordseestaaten und dem EU-Energiekommissar Kadri Simson.

Die Unterzeichner wollen „eine gemeinsame langfristige Vision für die Rolle der erneuerbaren Offshore-Energie entwickeln, um die ehrgeizigen Energie- und Klimaziele für 2050 in der Nordseeregion zu erreichen“, heißt es in der von Frankreich, Deutschland, Norwegen, Schweden und anderen Ländern unterzeichneten Vereinbarung.

Außerdem wollen sie „eine bessere und innovativere Nutzung der EU-Finanzierung diskutieren“ und „die Koordinierung der nationalen Ausschreibungsverfahren fördern“.

Das Ziel der Nordseestaaten ist es, den „Energieverbund freiwillig und schrittweise durch gemeinsame Projekte voranzutreiben“.

Abgesehen von der politischen Einigkeit der Nordseestaaten haben die EU-Gesetzgeber am 30. November eine Reihe von Empfehlungen zur Beschleunigung des Ausbaus der Offshore-Windenergie verabschiedet.

„Die Offshore-Strategie für erneuerbare Energien ist der Schlüssel für den grünen Übergang, bei dem die Zeit eine entscheidende Rolle spielt“, erklärte Morten Petersen, ein leitender dänischer Gesetzgeber von der zentristischen Fraktion Renew Europe im Europäischen Parlament.

Das derzeitige EU-Ziel für die Offshore-Windenergiekapazität von 60 GW für 2030 mit Blick auf 340 GW bis 2050 ist lediglich doppelt so hoch wie das neue deutsche Ziel.

Der Bericht, der vom Industrieausschuss des Europäischen Parlaments angenommen wurde, betont, dass die Erreichung der Klimaziele für 2030 und 2050 einen schnelleren Ausbau der Offshore-Windenergie erfordert und gleichzeitig die Koexistenz mit anderen maritimen Aktivitäten wie Fischerei und Schifffahrt gewährleistet werden muss.

Die Erhöhung der öffentlichen Zustimmung sei von entscheidender Bedeutung, heißt es in dem Bericht: Bis 2025 sollten keine stillgelegten Windturbinenblätter mehr auf Deponien entsorgt werden.

„Mit der Abstimmung des Ausschusses rücken wir die erneuerbaren Energien auf See in den Mittelpunkt des Kampfes gegen den Klimawandel“, sagte Petersen. Das Plenum des Parlaments wird am 17. Januar 2022 über den Bericht abstimmen.

Begrenzter Raum

Der Raum, in dem Deutschland Offshore-Windparks errichten kann, ist begrenzt. Die Nordsee ist zwischen den Anrainerstaaten aufgeteilt, und die sogenannte ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) Deutschlands ist etwa so groß wie Belgien.

Der Wettbewerb um den Raum ist daher sehr hart. Schifffahrtswege, Fischerei, Sandabbau, militärische und wissenschaftliche Nutzung konkurrieren mit der Offshore-Energie und „erzeugen einen ständig wachsenden Nutzungsdruck“, erklärt das deutsche Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie.

Die Nutzung des maritimen Raums wird in sogenannten Meeresraumplanungen (MSP) festgelegt, die der EU vorgelegt und zwischen den EU-Ländern abgestimmt werden. Der deutsche Plan ist am 1. September 2021 in Kraft getreten und ist unten zu sehen.

Deutschlands MSP in der Nordsee: orangefarbenen Flächen sind für Offshore-Windkraftanlagen reserviert. Bildquelle: Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie

Während Deutschland für 2045 eine Offshore-Windenergiekapazität von 75 GW anstrebt, sind die orangefarbenen Bereiche, die den für die Windenergie reservierten Raum anzeigen, etwas begrenzt.

Deutschland würde nach der Installation von mehr als 40 GW an Offshore-Windturbinen der Platz ausgehen, so eine Quelle, die eng mit den Plänen vertraut ist, gegenüber EURACTIV. Darüber hinaus würden die Windturbinen an Effizienz verlieren, wenn sie zu nahe beieinander stehen, so eine Studie der deutschen Denkfabrik Agora Energiewende aus dem Jahr 2019.

Außerdem würden die deutschen Raumordnungspläne nur maximal 54 GW an Offshore-Windkapazität zulassen, so das Forschungsinstitut Fraunhofer.

Da die Schifffahrtsrouten wahrscheinlich nicht zur Disposition stehen, würde dies bedeuten, dass Habeck möglicherweise Flächen für den Naturschutz oder die militärische Nutzung einschränken muss.

„Offshore-Anlagen sollen Priorität gegenüber anderen Nutzungsformen genießen“, heißt es im neuen Koalitionsvertrag der Regierung.

Ein Sprecher des Wirtschafts- und Energieministeriums sagte auf Anfrage von EURACTIV, dass Medienanfragen zum Offshore-Windausbau erst nach dem offiziellen Amtswechsel des Ministeriums beantwortet werden könnten.

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[Bearbeitet von Alice Taylor und Frédéric Simon]

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