Klimaneutral innerhalb von sieben Jahren: Lektionen aus Sønderborg

Sønderborg, eine verschlafene dänische Kleinstadt, bietet viele der wichtigsten Lösungen für die Dekarbonisierung der Städte in Europa. [Shutterstock/uslatar]

Sønderborg, eine dänische Kleinstadt nahe der deutschen Grenze, gilt als Musterbeispiel für eine mögliche Zukunft von dekarbonisierten Städten – und als Vorbild für politische Entscheidungsträger:innen auf der ganzen Welt.

Im April 2022 haben sich 100 europäische Städte dazu verpflichtet, bis 2030 klimaneutral zu werden – weit über den von der EU angestrebten Dekarbonisierungszielen. Die dänische Gemeinde Sønderborg – eine verschlafene Stadt mit 70.000 Einwohner:innen – ist eine von ihnen.

Faith Birol, Leiterin der Internationalen Energieagentur (IEA), bezeichnete Sønderborg während der globalen Energieeffizienzkonferenz, die Anfang Juni dort stattfand, als „Hauptstadt der Energieeffizienz. “

Frühere Ausgaben der Konferenz fanden in Paris und Dublin statt. Warum also wurde ausgerechnet Sønderborg, selbst für dänische Verhältnisse eine Kleinstadt, für die Ausrichtung einer solch wichtigen internationalen Konferenz mit Regierungsdelegationen aus aller Welt ausgewählt?

Zum einen ist hier das multinationale dänische Unternehmen Danfoss zu Hause, ein Familienunternehmen, das sich mit Kühlung, Heizung und anderen effizienten technischen Lösungen beschäftigt und sich als lokaler Hegemon platzieren konnte. Darüber hinaus bietet die Stadt mit ihrer öffentlich-privaten Partnerschaft „ProjectZero“ ein Musterbeispiel für klimaneutrale Städte, das Besucher:innen kennenlernen und erleben können.

Politiker:innen aus ganz Europa sind angereist. „Wir empfangen viele verschiedene Gruppen, die hierherkommen, um das ProjectZero anzuschauen“, sagte Kim Fausing, CEO von Danfoss, gegenüber EURACTIV.

Und diese politischen Entscheidungsträger:innen nehmen einen bleibenden Eindruck mit: zufriedene Wähler:innen, günstigere Rechnungen und einen klaren Fahrplan zur Klimaneutralität ihrer Städte.

„Wenn man sich anschaut, was sie für ihre Stadtteile getan haben, kann man sehen, was möglich ist“, erklärte Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, am 3. Juni. Obwohl er selbst schon einmal in Sønderborg war, bezeichnete der Minister die Stadt als „Modellkommune.“

„Sie ist im Grunde klimaneutral und kombiniert Solarthermie, Abwasser, Klärschlamm, Wärme und Abwärme“, fügte er hinzu, während er vor Kommunalpolitikern sprach.

Habeck ist nur einer von vielen Politiker:innen, die die Wunderwerke der Stadt bestaunen. Das gilt für einen der energieeffizientesten Supermärkte der Welt, der Wärme aus der Kühlung zurückgewinnt und als realer Ausstellungsraum für Energieeffizienztechnologien von Danfoss dient, ebenso wie für das zentrale Fernwärmenetz der Region.

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Fernwärme als Schlüssel zum Erfolg

Der Plan der Stadt, bis 2029 klimaneutral zu werden – ein Jahr vor dem Ziel der 100 europäischen Städte, die die Verpflichtung unterzeichnet haben – wird durch viele Maßnahmen erreicht, aber das wichtigste Instrument ist vielleicht das umfangreiche Fernwärmenetz von Sønderborg.

„Es ist wichtig, dieses Fernwärmenetz zu haben, das ist meiner Meinung nach eines der Geheimnisse der ganzen Sache hier“, erklärt Jürgen Fischer, Präsident von Danfoss Climate Solutions.

Bei der Fernwärme wird Wärme (und manchmal auch Kälte) zentral erzeugt und über Rohrleitungen an die Haushalte verteilt – das ist effizienter als dezentrale Heiz- oder Kühlsysteme.

Während Städte wie Berlin das Wasser durch die Verbrennung von Kohle auf mehr als 90 °C erhitzen, arbeitet das Netz der dänischen Stadt mit etwa 55 °C.

„Je höher die Temperatur ist, desto mehr Verluste gibt es“, sagt Fischer. „Als Faustregel kann man sagen, dass man pro zehn Grad, die man absenkt, 30 Prozent Energie einspart.“

Die Verknüpfung „aller Energiequellen und des gesamten Energieverbrauchs über dieses [effiziente] Fernwärmenetz“ sei daher der Schlüssel zu den Klimaneutralitätszielen der Stadt, erklärte er.

Da die Temperaturen so niedrig sind, ist es einfacher, die Abwärme aus dem Supermarkt oder der Fabrik von Danfoss zu nutzen, so Fischer gegenüber EURACTIV.

Zuvor hatte Fischer an dem Tag Vorgespräche mit einer Delegation aus Indonesien geführt. Das Land, eines der bevölkerungsreichsten der Welt, ist gerade dabei, eine neue Hauptstadt aus dem Boden zu stampfen.

„Sie haben die perfekte Gelegenheit, neue Technologien und neue Architektur zu bauen, und zwar auf eine klimaneutrale Weise“, fügte er hinzu.

Das Fernwärmenetz von Sønderborg erstreckt sich von Nordborg, wo sich die Danfoss-Fabrik befindet, bis hin zur Stadt im Süden auf der Als-Insel nahe der deutschen Grenze. [Wikimedia Commons/Urutseg]

Einheimische Bevölkerung an Bord

Die Bedeutung der von Sønderborg vorgeschlagenen Lösungen geht jedoch über das rein Technische hinaus: Die Stadt zeigt, wie wichtig es ist, die Bevölkerung vor Ort zu mobilisieren, um die oft seismischen Veränderungen zu unterstützen, die für die Überholung eines kohlenstoffhaltigen Systems erforderlich sind.

Ein von den Einwohner:innen der Stadt häufig geäußertes Gefühl ist „Grün ist gut“, was oft mit einem gewissen Stolz gesagt wird. Die Einwohner von Sønderborg werden häufig mit einer imposanten kugelförmigen Darstellung von einer Tonne CO2 in der Nähe des Hafens an ihre Klimaneutralitätsziele erinnert.

„Ich denke, die Bevölkerung ist stolz, an Bord und auch sehr neugierig und aufgeregt, Teil der Reise zu sein“, sagt Fausing.

Aber um die Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen, bedarf es einiger Arbeit. „Es gibt eine gewisse Unterstützung für die Menschen hier“, fügte er hinzu. „Heute können Sie sich an einen Informationsstand wenden, wenn Sie als Bürger hier wissen wollen, wann Sie an die Fernwärme angeschlossen werden können.“

„Diese Gemeinde wird versuchen, den Menschen zu helfen, die für sie richtigen Entscheidungen zu treffen.“

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[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]

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