Frankreich will eigene Atomkraft-Industrie stärken

"Eine umfassende Debatte über die zukünftige französische Energiestrategie ist notwendig, bevor wir anfangen, die Anzahl der benötigten Atomkraftwerke zu zählen", fügte sie hinzu.

Frankreich will den Verwaltungsaufwand für die Errichtung von Kernreaktoren der neuen Generation im eigenen Land verringern, um die ausbleibenden russischen Energielieferungen zu ersetzen.

Die französische Regierung hat am Mittwoch einen Gesetzesentwurf eingebracht, der den Verwaltungsaufwand für die Errichtung von Kernkraftwerken vom Typ EPR (Evolutionary Power Reactor) der neuen Generation verringern soll.

Allerdings stellt sich die Frage, ob Europas Atomriese nach einem schwierigen Jahr und hartem Wettbewerb aus Übersee den Rückstand aufholen und das steigende Interesse an der Atomenergie nutzen kann.

Derzeit suchen die EU und Frankreich nach Möglichkeiten, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern und alternative Energiequellen zu entwickeln. Präsident Emmanuel Macron hatte dazu im Wahlkampf versprochen, den Bau von 14 neuen EPRs in Gang zu setzen.

„Wir reagieren auf die aktuelle Energiekrise und planen gleichzeitig die Zukunft“, sagte Regierungssprecher Olivier Véran am Mittwoch (2. November) auf einer Pressekonferenz.

Der Gesetzesentwurf werde „in keiner Weise Frankreichs Verpflichtungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen und zur nuklearen Sicherheit einschränken“, sagte er und wies darauf hin, dass der Gesetzesentwurf die administrativen Hürden für eine rasche Entwicklung neuer Anlagen verringern werde.

„Wir stehen vor einer doppelten Herausforderung: Wir müssen unsere Energiesouveränität sichern und unseren Energiemix dekarbonisieren, um von fossilen Brennstoffen wegzukommen“, erklärte der Abgeordnete der Mehrheitspartei Pierre Cazeneuve gegenüber dem französischen Radiosender RTL. Erneuerbare Energien und Kernenergie seien zwei Seiten derselben Medaille, fügte er hinzu.

Das wirft Fragen auf. Denn Frankreich ist gesetzlich verpflichtet, seine Abhängigkeit von der Kernenergie bis „etwa 2035“ um die Hälfte zu reduzieren. Es bleibt unklar, wie dies erreicht werden soll, da Frankreich versucht, die Gesamtzahl der Kernkraftwerke zu erhöhen.

Die Regierung werde dieser Verpflichtung treu bleiben, sagte Véran gegenüber EURACTIV. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass im Rahmen der Verhandlungen über Frankreichs mehrjährige Energiestrategie, die Anfang 2023 beginnen soll, die Ziele zur Verringerung des Atomkraftanteils im Energiemix überprüft werden, heißt es in einer Stellungnahme der Anwaltskanzlei Gossement Avocats.

Nicht alle sind jedoch mit der Ankündigung der Regierung zufrieden.

Es handele sich um ein „politisches Manöver, das darauf abzielt, die öffentliche Debatte zu sabotieren“, schrieb die Umweltschutzorganisation Greenpeace in einer am Mittwoch (2. November) veröffentlichten Pressemitteilung.

Der NGO zufolge soll der Gesetzesentwurf zu einem Zeitpunkt verabschiedet werden, an dem eine viermonatige „nationale Debatte“ über die Zukunft der Kernenergie in Frankreich zu Ende geht. Dies lasse laut Greenpeace Zweifel aufkommen, ob die Debatten den endgültigen Text beeinflussen werden.

„Die Regierung geht die Sache falsch an“, sagte die grüne Abgeordnete Marie Pochon gegenüber EURACTIV.

„Eine umfassende Debatte über die zukünftige französische Energiestrategie ist notwendig, bevor wir anfangen, die Anzahl der benötigten Atomkraftwerke zu zählen“, fügte sie hinzu.

Die Kritik fällt in ein für Frankreichs Nuklearsektor turbulentes Jahr, das durch die Entscheidungen des staatlichen Energieerzeugers EDF geprägt war, die Abschaltung mehrerer kritischer Kernreaktoren wegen Wartungsarbeiten zu verlängern.

Frankreich, ein Nettoenergieexporteur, ist in der Regel für etwa 15 Prozent der gesamten Stromerzeugung in der Region verantwortlich. Obwohl das Preisniveau pro Megawattstunde im Land von einem Höchststand von 1.000 Euro im Sommer auf 480 Euro gesunken ist, liegt es laut Trading Economics immer noch weit über den Preisen vor dem Ukraine-Krieg, die sich auch 200 Euro pro Megawattstunde belaufen.

Dürreperioden in ganz Frankreich während der Sommermonate haben auch die gesamte Stromerzeugung mittels Wasserkraftwerken verringert.

Hinzu kommt, dass eine Welle von Streiks im ganzen Land die geplante Wiederinbetriebnahme der französischen Atomkraftwerke erheblich beeinträchtigt, was die Wahrscheinlichkeit einer instabilen Versorgung in diesem Winter erhöht.

Obwohl Macron Investitionen in die Kernenergie bereits als „Priorität Nummer eins der französischen Industrie“ bezeichnet hat, scheint Paris hinter seinen Konkurrenten in den USA und Korea zurückzufallen, da andere EU-Länder auf die Kernenergie setzen, um sich von fossilen Brennstoffen zu lösen.

Atomkraft gewinnt in Polen an Fahrt.

Nachdem die polnische Regierung den Vereinigten Staaten und Südkorea den Bau der ersten beiden Atomreaktoren des Landes in Auftrag gegeben hat, kündigte sie an, sie werde bald Einzelheiten über den Baupartner und den Standort für das dritte und letzte Kraftwerk des Landes bekannt geben, das vor 2040 gebaut werden soll.

Die polnische Regierung hat bereits eine Zusammenarbeit mit den USA und Südkorea für den Bau der drei Kernkraftwerke vereinbart, die das Land bis 2040 auf seinem Territorium errichten will.

Das Erste von ihnen, das nach der US-amerikanischen Westinghouse Ap1000-Technologie gefertigt wird, soll in dem kaschubischen Dorf Lubiatowo-Kopalino errichtet werden, das vom Auftragnehmer als bevorzugter Standort angegeben wurde. Das Küstendorf war in dem Entwurf für den Bau eines Atomkraftwerks in Zusammenarbeit mit den Amerikanern enthalten.

Im vergangenen Jahr gingen Informationen durch die Medien, dass die Gemeinde Choczewo an der Ostseeküste der Standort für das erste Kernkraftwerk Polens werden sollte. Diese Behauptungen haben sich bewahrheitet, da sich Lubiatowo-Kopalino auf ihrem Gebiet befindet.

Das zweite geplante Kernkraftwerk soll in dem Dorf Pątnów im Zentrum des Landes entstehen. Dort soll ein koreanischer APR1400-Reaktor betrieben werden. Die Kraftwerke werden von einem polnisch-koreanischen Konsortium gebaut.

Die Regierung werde bald Einzelheiten zum Bau des dritten Kernkraftwerks bekannt geben – einschließlich des Baupartners und des Standorts, sagte der Minister für Staatsvermögen Jacek Sasin.

„Wir haben gesagt, dass wir den Polen noch in diesem Jahr mitteilen würden, dass das erste Atomkraftwerk gebaut wird. Jetzt sind wir weiter gegangen. Wir sagen, dass in den kommenden Jahren zwei neue Kernkraftwerke in Polen gebaut werden, und wir planen ein drittes“, sagte er.

Nach den Ankündigungen der Regierung werden die beiden bereits geplanten Kernkraftwerke in den nächsten 10-11 Jahren gebaut werden. Das geplante Datum für die Inbetriebnahme des dritten wird bekannt gegeben, sobald die Details des Projekts festgelegt worden sind.

Mehrere Unternehmen aus verschiedenen Ländern, darunter die USA, Korea und Frankreich, sind in das Auswahlverfahren für Polens Atomkraftwerk eingestiegen.

Der Bau des ersten Kernkraftwerks des Landes gehört zu den wichtigsten Projekten der Regierung zur Energiewende und Emissionsreduzierung.

Einige polnische Politiker:innen sind jedoch der Meinung, dass Warschau bei der Vergabe seines nächsten Atomprojekts Seoul ins Auge fasst.

Auch Finnland aktualisiert seine Energiestrategie und legt dabei einen starken Akzent auf die Erkundung nuklearer Optionen.

Helsinkis Energieriese Fortum kündigte kürzlich eine zweijährige Machbarkeitsstudie an, in der neben konventionellen Reaktoren auch die Voraussetzungen für kleine modulare Reaktoren (SMR) geprüft werden sollen – eine Technologie, bei der Washington führend ist.

Estland, das bisher über keine Reaktoren verfügt, kommt mit seinen SMR-Plänen schnell voran. Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine haben auch die Tschechische Republik und die Slowakei ihr Interesse bekundet, während Rumänien bereits mit US-Unternehmen zusammenarbeitet, um SMRs einzusetzen.

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