Experten bemängeln Transparenz im „politisch gesteuerten“ EU-CO2-Markt

Michael Pahle, ein führender ökonom am Potsdam-Institut für Klimaffolgenforschung (PIK), weist auf ein "Informationsmonopol" hin, das von einer Handvoll Händler gehalten wird, die einen unverhältnismäßigen Einfluss auf den EU-C02-Markt ausüben. [mykhailo pavlenko / Shutterstock]

Das wichtigste klimapolitische Instrument der Europäischen Union, das Emissionshandelssystem (ETS), habe mehr Kontrolle und Transparenz nötig, um „Spekulation über Spekulation“ zu verhindern und das politische Vertrauen in den Markt wiederherzustellen, so Analyst:innen.

Die CO2-Preise sind im vergangenen Jahr stark angestiegen und erreichten im Mai zum ersten Mal die 50-Euro-Marke pro Tonne, nachdem sie mehr als ein Jahrzehnt lang unter 20 Euro gelegen hatten.

Ein Allzeithoch von fast 100 Euro wurde im Februar dieses Jahres verzeichnet. Grund dafür waren die neuen EU-Ziele zur Halbierung der Treibhausgasemissionen bis 2030 und die durch Russlands Krieg in der Ukraine ausgelöste Gasversorgungskrise.

Daraufhin schlugen die EU-Hauptstädte die Alarmglocken. Madrid forderte Handelsbeschränkungen für das ETS, um zu verhindern, dass die CO2-Preise die Energiekosten in die Höhe treiben.

Diese Forderungen wurden später vom polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki bekräftigt, der davor warnte, dass die Kohlenstoffpreise „außer Kontrolle“ seien und eingedämmt werden müssten, um einen „drastischen Anstieg der Stromrechnungen“ für Privathaushalte zu verhindern.

„Wir müssen die Spekulationsblase, die sich um den ETS-Handel gebildet hat, durchschneiden“, schrieb Morawiecki in einem Meinungsbeitrag, der im Januar auf EURACTIV veröffentlicht wurde.

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ESMA fordert mehr Transparenz und Kontrolle

Laut der EU-Kommission seien nicht Spekulanten an den hohen CO2-Preisen schuld. Dazu wird auf einen lang erwarteten Bericht der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) vom März verwiesen, der zu dem Schluss kam, dass der EU-Kohlenstoffmarkt ordnungsgemäß funktioniere.

„Preisschwankungen und Volatilität werden hauptsächlich durch die Angebots- und Nachfragedynamik, die strukturelle Abnahme der Zertifikate und den Anstieg der Energiepreise angetrieben“, sagte Fabrizio Planta, Leiter der Abteilung Märkte und Datenberichterstattung bei der ESMA.

Und obwohl Investmentfonds ihre Präsenz auf dem EU-Emissionsmarkt erhöht haben, „sind die gehandelten Volumina im Vergleich zu anderen Marktteilnehmern immer noch relativ gering“, sagte er kürzlich auf einer EURACTIV-Veranstaltung und wies die Behauptung zurück, dass Spekulanten im ETS zu dominanten Akteuren geworden seien.

Der Beamte räumte jedoch ein, dass „Transparenz und Kontrolle“ verbessert werden könnten, und verwies auf Vorschläge im ESMA-Bericht, wie dies erfolgen könnte.

Dazu gehöre zum Beispiel die Ausweitung der Kontrollmechanismen auf Derivate von Emissionszertifikaten, die Änderung der Meldung von Positionen bei Emissionszertifikaten, die Verbesserung des Informationsgehalts der wöchentlichen Positionsberichte und die Verbesserung der Transparenz und der Meldung von Over-The-Counter (OTC)-Transaktionen, sagte Planta.

„Es ist also eine Menge Arbeit in Bezug auf Transparenz und Kontrolle notwendig“, erklärte er.

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Mehr Vertrauen schaffen

Die Forderung nach mehr Transparenz beim EU-Emissionshandelssystem wird von Michael Pahle, einem führenden Ökonomen am Potsdam-Institut für Klimaffolgenforschung (PIK), befürwortet.

„Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach die “Spekulation über die Spekulation““, sagte Pahle in einem Interview mit EURACTIV. Es gebe derzeit „keine fundierten Beweise“ dafür, dass Spekulationen zu einer Erhöhung des CO2-Preises im ETS führe.

Dennoch stimmte er Planta zu, dass strengere Kontrollen erforderlich seien, um die Investitionsströme und die Bestände an Zertifikaten zu messen und einen Punkt zu definieren, ab dem sie als überhöht angesehen werden können.

„Ein Indikator ist die Messung des Liquiditätsverbrauchs, also wie viele Zertifikate vom Markt genommen werden, die den regulierten Unternehmen nicht mehr zur Verfügung stehen. Wenn es sich nur um einen sehr kleinen Anteil der gesamten Marktliquidität handelt – derzeit ein paar Millionen Zertifikate – muss sich niemand Sorgen machen. Wenn es aber irgendwann zu einem größeren Phänomen wird, besteht die Gefahr der Marktverzerrung.

„Wir brauchen also einen geeigneten Indikator und einen Schwellenwert, um festzustellen, wann es kritisch wird“, sagte er und fügte hinzu, dass dies neue Methoden zur Messung der Auswirkungen des Handels sowie eine Verbesserung der Daten entsprechend den Vorschlägen der ESMA in ihrem Bericht erfordere.

Informations-‚Monopol‘

Grundsätzlich wies Pahle auch auf ein „Informationsmonopol“ hin, das eine Handvoll Händler gehalten wird, die einen unverhältnismäßigen Einfluss auf den Markt ausüben.

So wies er beispielsweise auf einen Vorfall im letzten Jahr hin, als die Preise stark angestiegen waren, nachdem ein einflussreicher Londoner Hedgefonds lautstarke Erklärungen zu den künftigen ETS-Preisen abgegeben hatte.

„Dies hat sicherlich viel Aufmerksamkeit bei anderen, wahrscheinlich weniger gut informierten Händlern erregt, die diesem Beispiel gefolgt sind“, erklärte Pahle und sagte, dies zeige, dass Informationen eine wichtige Rolle bei der Preisbildung auf dem Markt spielen können.

Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt Pahle eine Verbesserung des Informationsaustauschs und der Transparenz zwischen allen Marktteilnehmern.

„Wir brauchen eine bessere Erklärung dafür, was die Preise tatsächlich antreibt“, sagte er. „Und ich denke, das ist wirklich das Hauptproblem der aktuellen Debatte“ über Preisstabilität, sagte er auf der EURACTIV-Veranstaltung.

„In einem politisch geschaffenen Markt wollen wir eine klare Antwort auf diese Frage“, denn jeder müsse darauf vertrauen können, dass der Markt die politischen Ziele, für die er geschaffen wurde, auch erreicht. „Vertrauen muss also in die Gleichung einfließen. Und ich denke, dass wir dies wirklich zum Kernstück neuer Vorschläge machen sollten.“

Einige europäische Politiker:innen sind empfänglich für Forderungen nach mehr Transparenz.

Peter Liese, ein deutscher EVP-Abgeordnete, der die Reform des Emissionshandelssystems im Europäischen Parlament leitet, erwähnte ein Beispiel aus jüngster Zeit, bei dem die CO2-Preise aufgrund eines von der Finanznachrichtenagentur Bloomberg veröffentlichten Artikels um 10 Prozent gestiegen seien.

Für Liese „bedeutet das, dass es Spekulationen“ innerhalb des ETS gebe. Dass „nichts passieren soll, ist für mich keine zufriedenstellende Antwort“, sagte er.

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Beschwerden über Volatilität

PGE, Polens größter Energieversorger, hat sich lautstark über die Volatilität auf dem EU-CO2-Markt beschwert.

„Die Situation ist aus unserer Sicht absolut unvorhersehbar“, sagte Wanda Buk, Vizepräsidentin für regulatorische Angelegenheiten bei PGE. „An einem Tag kosten die EU ETS-Zertifikate 90 Euro pro Tonne, am nächsten Tag sind es 60 Euro“, sagte sie auf der EURACTIV-Veranstaltung und erinnerte daran, dass die CO2-Kosten zuvor viele Jahre lang bei etwa 5 Euro pro Tonne lagen.

„Wir befinden uns in einer sehr, sehr schwierigen Situation“, sagte sie und beklagte, dass der derzeitige hohe Preis für Emissionszertifikate „unsere tägliche Liquidität“ als Unternehmen beeinträchtige. „Allein im Jahr 2021 haben wir 2 Milliarden Euro“ für EU-Emissionszertifikate gezahlt, eine Summe, die dem Gewinn (EBITDA) von PGE in diesem Jahr entspricht, wie sie betonte.

Um die Auswirkungen der Finanzakteure auf den EU-Kohlenstoffmarkt zu untersuchen, gab PGE eine Studie bei dem Beratungsunternehmen Compass Lexecon in Auftrag, das seinen Bericht im April veröffentlichte.

Fabien Roques, der Berater, der die Studie beaufsichtigte, kam zu demselben Schluss wie die ESMA und fand „keine stichhaltigen Beweise“ dafür, dass die Volatilität der CO2-Preise auf Finanzakteure wie Investmentfonds zurückgeführt werden könne.

Er sagte jedoch, dass „einige Elemente des Marktes selbst möglicherweise Spekulationen begünstigen und schädliche Auswirkungen auf die Preisstabilität haben können.“

Obwohl beispielsweise eine Marktstabilitätsreserve (MSR) eingeführt wurde, um wilde Schwankungen der Kohlenstoffpreise zu verhindern, „gibt es kurzfristig ein unelastisches Angebot, und das kann natürlich die Preisvolatilität erhöhen.“

Roques äußerte auch „Bedenken“ bezüglich der mengenbasierten Schwellenwerte in der Marktstabilitätsreserve (MSR). „Dieser Mechanismus könnte sich unter Umständen tatsächlich destabilisierend auf den Markt auswirken und Spekulationen begünstigen.“

Grundsätzlich sagte Roques, das ETS sei „politisch motiviert“ und basiere auf der „Glaubwürdigkeit“ der EU-Klimapolitik und den Verpflichtungen zur Emissionsreduzierung. Diese langfristige politische Ungewissheit „kann an sich schon die Spekulation auf dem Markt fördern“, betonte er.

Seiner Ansicht nach sei es unerlässlich, das Design des Emissionshandelssystems zu überprüfen und „einige zusätzliche Maßnahmen zur Verbesserung der Preisvorhersagbarkeit und Stabilität“ der CO2-Preise in Betracht zu ziehen. Dazu gehören eine bessere Überwachung und Marktaufsicht, wie die ESMA in einem aktuellen Bericht darlegt.

„Und wir denken, dass dies eine unverzichtbare Option ist.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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