Europa will raus aus den fossilen Brennstoffen und rein in die Wasserstoffwirtschaft. Von jeher ein Energieimporteur, will die EU dann große Mengen an Wasserstoff aus Ländern des globalen Südens importieren.
Kein Land spielt für die Wasserstoffimportambitionen der EU eine so große Rolle wie Afrika. Es fehlt Europa schlichtweg an Platz und Sonnenstunden, um wettbewerbsfähigen “grünen” Wasserstoff – der durch billigen Solarstrom hergestellt wird – in ausreichendem Maß zu produzieren.
“Ein florierendes Europa ohne die Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung in Afrika ist unmöglich,” erklärte Frans Timmermans, der Vizechef der Europäischen Kommission, während dem siebten EU-Afrika Wirtschaftsforum am Montag (14. Februar).
“Wir sind Schwesterkontinente, und unsere Zukunft ist miteinander verknüpft”, so Timmermans in einer Woche, die ganz im Zeichen des Gipfeltreffens der EU mit der Afrikanischen Union am 17. und 18. Februar steht.
“Eine Abkehr von fossilen Brennstoffen kann die Beziehungen zwischen der EU und Afrika auf eine neue Grundlage stellen”, sagt auch Eleonora Moro, Wasserstoff-Spezialistin beim Think-Tank E3G.
Die Zukunft, die Timmermans Afrika verspricht, ist eine des grünen Stroms, denn der Kontinent hat “eines der weltbesten Potenziale für erneuerbare Energien“, kombiniert mit vergleichsweise niedrigem Energieverbrauch.
Timmermans verspricht dem Kontinent daher dreifache Profite aus dem Ausbau von erneuerbaren Energien. Denn durch die dezentrale Natur von Erneuerbaren können Haushalte in Afrika einfacher und mit weniger Aufwand an das Stromnetz angeschlossen werden.
Für Timmermans ist allerdings der zweite Aspekt zentral: “Mit billigem Strom aus erneuerbaren Energiequellen kann man grünen Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen herstellen.”
Denn die EU hat hehre Ziele, was die Verwendung von grünem Wasserstoff anbelangt. Die Hälfte der Nachfrage in Europa soll künftig von grünem, anstatt von Erdgas-Wasserstoff gedeckt werden und auch im Verkehrsbereich wird Wasserstoff beim Langstrecken-Transport von Waren eine wichtige Rolle spielen, so Timmermans.
“Seien wir ehrlich, wir wollen, dass ihr in der grünen Wasserstoffproduktion führend seid.”
Zudem soll die Produktion von Wasserstoff Afrika erlauben, seine Wirtschaft zu diversifizieren. Timmermans verspricht dem Kontinent daher eine Abkehr von seiner Rolle als Exporteur von Rohstoffen, indem der grüne Wasserstoff dort verarbeitet wird. Die dortige Wirtschaft könne so “Sektoren mit höherer Wertschöpfung wie die Produktion von grünem Stahl oder grünem Dünger” erschließen.
“Denn Afrika kann und muss mehr tun, als Rohstoffe zu exportieren”.
Und auch vor Ort scheint man optimistisch zu sein.
“Dies ist eine Gelegenheit unsere Fähigkeiten als Afrikaner unter Beweis zu stellen und auch alle unsere Länder zur Zusammenarbeit zu bewegen,” erklärte Innocent Uwuijaren, CEO der Hydrogen Africa Partnership.
Wenn genügend Geld und Aufwand in Afrika investiert wird, dann würde der Kontinent im Gegenzug dazu beitragen, das Ziel der Netto-Null Emissionen früher als geplant zu erreichen, fügte er hinzu.
Berechtigte Bedenken
Allerdings sehen nicht alle die Zukunft Afrikas als Ausfuhrregion von grünem Strom in Form von Wasserstoff so rosig wie die Europäische Kommission und die Wasserstoffwirtschaft.
Die meisten Beobachter rechnen mit zwei möglichen Szenarien. Im “best Case” Szenario wird der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft dazu führen, dass Arbeiter in Afrika zusätzliche Kompetenzen erlernen und die entstehenden Wertschöpfungsketten dazu führen, dass die besagten “grünen” Stahl- und Düngerfabriken entstehen.
Im besten Falle würde der Kontinent somit zu einem Exporteur von grünen Industrieprodukten werden, wobei allerdings nicht alle Länder gleichzeitig davon profitieren könnten.
Deutschland setzt hierbei klar auf Nigeria und Angola, das Auswärtige Amt hat in den Hauptstädten der beiden afrikanischen Länder sogenannte “Wasserstoffbüros” eröffnet, die den Aufbau und den Export von Wasserstoff aus den dortigen Regionen begleiten sollen.
Andererseits besteht laut Beobachtern die reale Gefahr, dass die Wasserstoffproduktion wichtigen Raum für die Herstellung von erneuerbarem Strom für die Bevölkerung beansprucht, was dazu führen könnte, dass die Strompreise in Afrika in die Höhe schnellen würden.
Letztendlich wird die neue Art, mit grünen Rohstoffen zu handeln und die Art und Weise, wie Europa und Afrika miteinander umgehen, vom Gestaltungswillen der EU abhängen.
“Damit Wasserstoff nicht in der alten, extraktiven Art des Handelns stecken bleibt, muss die EU den Einsatz erneuerbarer Energien, strenge Nachhaltigkeitsstandards und die Unterstützung neuer Industrien in den Mittelpunkt ihres Engagements für Afrika stellen,” so die Wasserstoff-Expertin Moro.

