EU-Stromnetzbetreiber: 400 Milliarden Euro für Anschluss von Offshore-Windparks

Nach den von ENTSO-E zusammengestellten nationalen Daten haben die EU-Staaten bis zu 354 Gigawatt (GW) an erneuerbaren Offshore-Anlagen bis 2050 in Planung. Rechnet man Norwegen und das Vereinigte Königreich hinzu, erhöht sich diese Zahl auf 496 Gigawatt. [Copyright: European Union, 2019]

Der erste europäische Offshore-Netzentwicklungsplan wurde am Dienstag (23. Januar) veröffentlicht. Dabei wurde eines deutlich: Für die Anbindung von Offshore-Windparks an die Endverbraucher ist ein enormer Investitionsbedarf vorhanden.

Die Europäische Kommission hat das ehrgeizige Ziel festgelegt, bis 2030 eine Offshore-Windkapazität von mindestens 60 Gigawatt (GW) und bis 2050 eine Kapazität von 300 Gigawatt im Rahmen ihres 2020-Plans für erneuerbare Offshore-Energien aufzubauen.

Diese Ziele werden im allerersten Offshore-Netzentwicklungsplan übertroffen, der heute (23. Januar) vom Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E veröffentlicht wurde.

Nach den von ENTSO-E zusammengestellten nationalen Daten haben die EU-Staaten bis zu 354 Gigawatt (GW) an erneuerbaren Offshore-Anlagen bis 2050 in Planung. Rechnet man Norwegen und das Vereinigte Königreich hinzu, erhöht sich diese Zahl auf 496 Gigawatt.

Die Anbindung dieser Offshore-Windparks an die Endverbraucher wird jedoch nicht billig sein, warnt der Verband.

ENTSO-E schätzt, „dass für die Offshore-Übertragungsanlagen Gesamtinvestitionen von bis zu 400 Milliarden Euro erforderlich sein werden.“ Die für die Anbindung dieser Anlagen erforderliche Infrastruktur „könnte bis zu 54.000 Kilometer in den europäischen Gewässern umfassen, was fast der 1,5-fachen Länge des Äquators entspricht.“

EU-Energiekommissarin Kadri Simson begrüßte den Offshore-Netzentwicklungsplan von ENTSO-E. Er „spiegelt die von der EU vorgegebene Richtung wider“ und mache die bestehenden europäischen Offshore-Energiepläne dank des Beitrags der EU-Mitgliedstaaten „noch ehrgeiziger.“

Der Verband der europäischen Netzbetreiber räumt jedoch ein, dass der Bau dieser Anlagen anspruchsvoll sein werde.

„Die Energie an Land zu bringen ist nur die halbe Miete, sie muss auch zu den Menschen gebracht werden, die sie verbrauchen werden“, sagte Damian Cortinas, Vorsitzender des ENTSO-E Vorstands. Außerdem „ist die Planung des Netzes nur ein Teil der Arbeit, denn man muss es dann auch bauen“, sagte er am Dienstag bei einem Briefing vor Journalisten.

Nordsee-Länder wollen ein Drittel der EU mit Offshore-Strom versorgen

Neun europäische Länder haben am Montag (24. April) die Erklärung von Ostende unterzeichnet und wollen gemeinsam bis 2030 mindestens 120 Gigawatt und bis 2050 mindestens 300 Gigawatt Offshore-Windenergie in der Nordsee erzeugen.

Herausforderungen

Ganz oben auf der Liste steht die Finanzierung, so Cortinas: „Das Geld ist vorhanden. Die Frage ist nur, wie wir es verfügbar und attraktiv machen, und zwar so, dass es da ist, wenn wir es brauchen.“

Um die Kosten niedrig zu halten, ist laut ENTSO-E die „Verfügbarkeit kommerziell attraktiver Gleichstrom-Leistungsschalter“ entscheidend.

„Wenn wir es komplexer machen wollen – mit mehr Offshore-Windparks, die mit dem Festland verbunden sind – können wir das nicht mit den heutigen Technologien tun, denn wenn ein Fehler auftritt, fällt die gesamte Struktur aus“, erklärte Gerald Kaendler, Direktor für Asset Management bei der Amprion GmbH und Vorsitzender des Systementwicklungsausschusses von ENTSO-E.

„Wir brauchen also Leistungsschalter, die die Struktur öffnen“, fügte er hinzu. Diese Technologien seien aus technischen Gründen „schwieriger zu bauen“ und „noch nicht im industriellen Maßstab verfügbar“.

Laut ENTSO-E wird die zusätzliche Verbindungskapazität zwischen den EU-Ländern bis 2040 auf 13 Gigawatt mit Gleichstrom-Leistungsschaltern, aber nur auf 7,5 Gigawatt ohne Leistungsschalter geschätzt. Innerhalb der EU-Länder wird die Kapazität auf 13 Gigawatt mit Gleichstrom-Leistungsschaltern und zwei Gigawatt ohne geschätzt.

Hinzu kommen die Sorgen um die Lieferkette, einschließlich der „unterstützenden Produktionsressourcen wie Schiffe, Werften, Häfen, um die Anlagen im Meer zu montieren und einzusetzen, und der Humanressourcen für die Planung, den Bau und den Betrieb von Offshore-Anlagen“, so ENTSO-E.

Ein weiterer Schwachpunkt sei die Versorgung mit kritischen Rohstoffen, die für den Bau der Infrastruktur benötigt werden, fügt ENTSO-E hinzu und erklärt: „Die Herausforderung, die vor uns liegt, ist enorm, da der Offshore-Infrastrukturmarkt inzwischen global ist und die Ressourcen knapp sind.“

Offshore-Windparks sind zudem oft an mehr als ein Land angeschlossen, was eine engere Koordinierung zwischen Regierungen, Eigentümern von Produktionsanlagen und Netzbetreibern erfordert als bei herkömmlichen Projekten für erneuerbare Energien.

Laut ENTSO-E erfordere die Bewältigung dieser Herausforderungen eine noch nie dagewesene Zusammenarbeit zwischen den Behörden und der Industrie im Rahmen eines systemweiten Ansatzes für die Netzplanung und den Netzbau.

Die gute Nachricht ist, dass sich die EU-Institutionen dieser Herausforderungen bewusst sind. Im November letzten Jahres stellte die Europäische Kommission einen Aktionsplan vor, um den Ausbau der Stromnetze zu beschleunigen und Engpässe zu beseitigen, die den Einsatz von erneuerbaren Energien behindern.

„Der Aktionsplan für Stromnetze ist der politische Antrieb, den wir brauchen, um dies zu verwirklichen“, sagte Cortinas. Er bezog sich dabei auch auf eine bevorstehende europäische Netzallianz, die der EU-Kommissar für den europäischen Green Deal, Maroš Šefčovič, auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos angekündigt hatte.

„Es gibt viele Ideen zur Finanzierung und zur Lösung der Lieferkettenprobleme“, sagte Cortinas und lobte die Netzallianz als „eine hervorragende Idee.“

„Das bedeutet nicht, dass es einfach sein wird“, fügte er hinzu und verwies auf die regulatorischen Beschränkungen, die durch die Bildung von Industrieallianzen entstehen, wie beispielsweise die Wettbewerbs- und Kartellvorschriften der EU. „Aber wir denken, dass es sehr zeitgemäß und sehr nützlich ist“, sagte er.

Energieversorgung: EU-Kommission will Stromnetzausbau vorantreiben

Die Europäische Kommission stellte am Dienstag (28. November) einen Aktionsplan vor, um den Ausbau der Stromnetze zu beschleunigen. Damit soll auch geholfen werden, Versorgungsengpässe zu überwinden, die den Einsatz von erneuerbaren Energien auf lokaler Ebene behindern.

[Bearbeitet von Kjeld Neubert]

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