CO2-Preis-Rückgang gefährdet EU-Ziele zur Dekarbonisierung

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Der Preis für eine Tonne CO2 fiel von 95,11 Euro im Februar 2023 auf 52,43 Euro im Februar dieses Jahres. [Photo credit: Lisa-S/shutterstock.com]

Der starke Rückgang des CO2-Preises in der EU, der durch hohe Energiepreise und politische Unsicherheit verursacht wurde, gefährdet die Glaubwürdigkeit des Emissionshandels. Er könnte zu einem Hindernis für die Dekarbonisierung der Industrie in der EU werden, befürchten Industrievertreter.

Der Preis für CO2-Zertifikate im Rahmen des Emissionshandels der EU hat sich innerhalb eines Jahres fast halbiert. Der Preis für eine Tonne CO2 ist von 95 Euro im Februar 2023 auf 52 Euro im Februar dieses Jahres gefallen.

Dies sind schwierige Signale, da der CO₂-Preis eingeführt wurde, um die strukturelle Dekarbonisierung zu fördern, indem er den Unternehmen einen langfristigen Anreiz bietet. Dieser Effekt könnte durch den starken Rückgang ins Gegenteil verkehrt werden.

Die Hersteller von emissionsarmen Energien schlagen Alarm: Die Preise müssen steigen, um die Wirtschaft zu dekarbonisieren, indem sie die Nutzung von kohlenstoffbasierten Energien weniger wettbewerbsfähig machen.

„Niedrige CO2-Preise verlangsamen die Dekarbonisierung des Elektrizitätssektors: Kohlekraftwerke produzieren jetzt vor Gaskraftwerken, die weniger ausstoßen“, erklärte Marion Labatut, Direktorin für europäische Angelegenheiten beim französischen Energieversorger EDF, gegenüber Euractiv.

Das Risiko sei zudem, dass die Kommission die Mengen [der CO2-Zertifikate], die 2025-2026 verkauft werden sollen, erhöhen würde, um die Einnahmen zu heben, falls diese durch niedrige Preise geringer ausfallen als prognostiziert, fügte sie hinzu.

Dies würde zu einem weiteren Rückgang der CO2-Preise führen.

Zumindest sollte die Kommission die Auswirkungen dieser Maßnahme auf den CO2-Markt bewerten „und vermeiden, noch mehr Zertifikate auf den Markt zu bringen“, forderte Labatut.

Neben der Dekarbonisierung könnten nämlich auch die öffentlichen Finanzen stark in Mitleidenschaft gezogen werden, so ihr Fazit.

Die EU-Staaten sind verpflichtet, einen Teil ihrer Einnahmen aus dem Verkauf von CO2-Zertifikaten zur Förderung grüner Maßnahmen zu verwende. Diese Gelder sind bereits verplant, oft Jahre im Voraus. Sollten die CO2-Preise dauerhaft unter den Prognosen bleiben, müssten öffentliche Gelder die Finanzierungslücken schließen.

Ein Segen für einige

Doch nicht alle Vertreter der Industrie sind besorgt.

„Höhere CO2-Preise in der EU […] können auch das Risiko der Verlagerung von CO2-Emissionen und Investitionen erhöhen“, so Cefic, der Verband der Europäischen chemischen Industrie.

Dies würde „einen Verlust von Marktanteilen in der EU und eine Verlagerung der Produktion nach außerhalb Europas“ bedeuten, ohne dass das Klima „unbedingt geschützt“ werde.

Im Gegenzug würden niedrige CO2-Preise das Risiko der Verlagerung von CO2-Emissionen verringern. Dabei verlassen Unternehmen Europa, um hohe Preise zu vermeiden und anderswo billiger zu produzieren, während sie die gleiche Menge CO2 ausstoßen.

Dennoch setzen sowohl Cefic als auch die europäische Stahlindustrie weiterhin auf öffentliche Gelder, die im Rahmen von Verträgen, den sogenannten „Carbon Contracts for Difference“, ausgezahlt werden.

Diese Verträge schaffen einen fiktiv höheren CO2-Preis, um Investitionen in saubere Produktionsmethoden attraktiver zu machen.

Cefic betonte die Notwendigkeit „einer Kombination aus einem langfristigen Preissignal, günstigen Bedingungen für den Einsatz von emissionsarmen Lösungen und einem Markt für emissionsarme Produkte.“

Warum der Abschwung?

Für Matthias Buck, Europadirektor des Think-Tanks Agora Energiewende, „ist der Preis für Emissionszertifikate das Ergebnis von Angebot und Nachfrage.“

„Auf der Angebotsseite sind eine Menge Zertifikate im Umlauf“, fügte er hinzu. Die EU hat sich darauf geeinigt, 20 Millionen zusätzliche Zertifikate im Umfang von einer Million Tonnen CO2 im Jahr 2022 in Umlauf zu bringen, um die Abkehr der EU von russischen fossilen Brennstoffen zu finanzieren.

„Auf der Nachfrageseite haben das leichte Wachstum in Europa und der Anstieg der Energiepreise den Verbrauch fossiler Brennstoffe und damit den Bedarf an Zertifikaten gesenkt“, so Buck weiter.

Fast die Hälfte der Emissionen im EU-Emissionshandel wird traditionell vom Industriesektor erworben, der durch hohe Energiepreise und politische Unsicherheit beeinträchtigt wird.

„Der Grund, warum wir im Moment nicht viele Käufe sehen, die die Preise in die Höhe treiben würden, ist, dass mehrjährige Investitionen und Spekulationen aus finanzieller und strategischer Sicht derzeit begrenzt sind“, erklärte Michael Pahle, Emissionshandelsexperte, der am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) forscht.

Für Pahle lässt sich die Zurückhaltung der Investoren in dekarbonisierte Energien auch durch den wachsenden politischen Druck gegen die Klimaziele der EU erklären.

„Das Marktverhalten steht im Einklang mit dem Fokus auf kurzfristige Fundamentaldaten, möglicherweise verstärkt durch Spekulanten, die weiterhin auf fallende Preise setzen“, merkte er an.

„Das Problem ist vor allem, dass der Preis pro Tonne CO2 für viele Projekte, einschließlich derer, die sich um öffentliche Unterstützung bewerben, ein Parameter sein soll, der die Rendite von Investitionen in die Dekarbonisierung bestimmt“, so der Vertreter der Stahlindustrie weiter.

Langfristig, also zwischen dem Aufschwung der europäischen Wirtschaft und der Verringerung der Anzahl der im Umlauf befindlichen Zertifikate, dürfte der Preis pro Tonne CO2 den Modellrechnungen zufolge im Jahr 2030 in einer Spanne zwischen 90 und 190 Euro liegen.

Den Prognosen zufolge dürfte der CO2-Ausstoß in den Jahren 2026 und 2027 etwa gleich hoch sein wie heute. Durch die obligatorische Reduzierung der verfügbaren Zertifikate könnte es zu einer weiteren Verknappung von mehreren hundert Millionen Tonnen CO2-Zertifikaten auf dem Markt kommen.

Die EU strebt ein Ende der Zertifikate im Jahr 2039 an, wenn der Emissionshandel gegen null gehen soll.

[Bearbeitet von Nikolaus Kurmayer/Nathalie Weatherald]

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