Bundesregierung sagt Nein zu Förderung von ‚blauem Wasserstoff‘

Vizekanzler Robert Habeck wird "blauem Wasserstoff" auf Erdgasbasis keine Subventionen gewähren. [EPA-EFE/FILIP SINGER]

Die neue Bundesregierung hat letzte Woche ihre Pläne bekannt gegeben, die nationale Wasserstoffstrategie massiv auszubauen. Es gibt nur einen Vorbehalt: Wasserstoff aus fossilem Gas wird trotz Forderungen der Industrie wahrscheinlich nicht in die Subventionsprogramme aufgenommen werden.

Sauberer Wasserstoff wird als potenzieller Königsweg zur Dekarbonisierung von Industriezweigen wie der Stahl- und Chemieindustrie angesehen. Diese Branchen können derzeit nicht vollständig elektrifiziert werden da sie für Industrieprozesse und chemische Reaktionen besonders energieintensive Brennstoffe benötigen.

Der Europäischen Kommission zufolge wird Wasserstoff eine Schlüsselrolle bei der Erreichung der Klimaziele der EU spielen. 24 Prozent des weltweiten Energiebedarfs im Jahr 2050 könnten mit sauberem Wasserstoff gedeckt werden.

„Wir brauchen einen massiven Hochlauf von Wasserstoff“, erklärte Vizekanzler Robert Habeck am 11. Januar in Berlin. Allein die Stahlindustrie benötige fünfmal mehr Wasserstoff als derzeit in allen Sektoren geplant, fügte er hinzu.

Um dieses Ziel zu erreichen, wird Deutschland seine Wasserstoff-Elektrolyse-Kapazität im Rahmen des anstehenden „Osterpakets“ von 5GW auf 10GW im Jahr 2030 verdoppeln, so Habeck.

Habeck will die Produktion beschleunigen, indem er die „wichtigen Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse“ (IPCEI) im Wert von 8 Milliarden Euro zügig umsetzt. Darüber hinaus will er zusätzliche Subventionsregelungen einführen und Unternehmen „Kohlenstoffdifferenzverträge“(CCfDs) anbieten, um ihr Investitionsrisiko zu verringern.

Außerdem wird die Produktion, der Transport und die Verwendung von so genanntem grünem Wasserstoff durch die Anpassung des Rechtsrahmens gefördert werden. Grüner Wasserstoff wird durch die Spaltung von Wassermolekülen in Sauerstoff und Wasserstoff mit Hilfe von erneuerbarem Strom hergestellt.

„Dafür setzen wir uns auch auf europäischer Ebene ein“, heißt es in Habecks Eröffnungsbilanz Klimaschutz, in der die Einrichtung von Zertifizierungssystemen als ein Aspekt der EU-Gesetzgebung genannt wird, bei der Berlin nun grünen Wasserstoff begünstigen will.

EU plant Datenbank zur Zertifizierung des CO2-Gehalts von Wasserstoff und kohlenstoffarmen Kraftstoffen

Die Europäische Kommission bereitet die Einrichtung einer EU-weiten Datenbank vor, um den CO2-Fußabdruck von Wasserstoff und anderen kohlenstoffarmen Kraftstoffen auf koordinierte Weise zu zertifizieren.

Blauer Wasserstoff als Hoffnungsträger

Deutschland wird jedoch voraussichtlich keine Subventionen für den so genannten „blauen Wasserstoff“ zur Verfügung stellen, so Patrick Graichen, Habecks Staatssekretär und rechte Hand.

Blauer Wasserstoff wird durch die Verwendung von fossilem Gas und die Bindung der dabei entstehenden CO2-Emissionen mittels CCS-Technologie (Abscheidung und -Speicherung) erzeugt.

Für die Befürworter:innen von blauem Wasserstoff ist der Plan der Bundesregierung eine harte Lektüre. Zuvor hatten sich Vertreter:innen der Öl- und Gasindustrie nachdrücklich für blauen Wasserstoff ausgesprochen.

Selbst die Europäische Kommission hat betont, dass blauer Wasserstoff für den Übergang zu einer vollständig auf erneuerbaren Energien basierenden Wasserstoffwirtschaft erforderlich sein wird.

Einem von der Industrie gesponserten Bericht aus dem Jahr 2021 zufolge kann Europa durch die Wasserstoffproduktion auf Erdgasbasis bis 2050 2 Billionen Euro einsparen. Dies liegt vor allem daran, dass sie sich für deren Ausbau auf die bestehende Gasinfrastruktur stützen kann.

Ein weiteres Argument, das von den Befürwortern von blauem Wasserstoff häufig angeführt wird, ist, dass er dazu beitragen kann, das Henne-Ei-Problem zu lösen, bei dem mangelnde Wasserstoffproduktion zu einem Mangel an Nachfrage führt, und umgekehrt.

„Wenn wir dieses Henne-Ei-Problem lösen wollen, dann heißt es jetzt in die Wasserstoff Wirtschaft einzusteigen und das mit unterschiedlichen Formen von Wasserstoff zu akzeptieren“, erklärte Sigfried Russwurm, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), am 13. Januar.

Auf dem Weg zu 100 Prozent grünem Wasserstoff „müssen wir der Realität ins Auge sehen, dass diese Mengen an grünem Wasserstoff heute und in den kommenden Jahren weder realistisch noch vorhanden sind, da der Markt nur langsam hochfahren wird“, sagte er gegenüber Journalist:innen auf Nachfrage von EURACTIV.

Seine Position wird von der einflussreichen deutschen Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm unterstützt, die Mitglied des nationalen Wasserstoffrats in Deutschland ist. „Grüner Wasserstoff wird realistischerweise nicht zeitnah zur Verfügung stehen“, sagte sie gegenüber EURACTIV. „Blauer Wasserstoff kann hier eine Brücke schlagen.“

Rein erneuerbar oder mit Erdgas? Uneinigkeit zu Deutschlands Wasserstoffstrategie

Die deutsche Wasserstoffstrategie, die auch die Wasserstoff-Roadmap der EU inspiriert hat, ist im Inland in die Kritik einiger Beobachter geraten. Demnach werde zu viel Gewicht auf „grünen“ Wasserstoff gelegt.

Das Problem mit blauem Wasserstoff

Doch trotz all seiner Befürworter:innen kann blauer Wasserstoff sein schmutziges Geheimnis nicht abschütteln: die Tatsache, dass für seine Herstellung fossiles Erdgas eine wichtige Rolle spielt, mit all den damit verbundenen Problemen.

Erdgas, das hauptsächlich aus kritischen Staaten wie Russland importiert wird, neigt dazu, aus den Pipelines auszutreten, was schwerwiegende Auswirkungen auf das Klima hat, denn Methan ist ein hochwirksames Treibhausgas.

„Methanemissionen werden für das europäische Energiesystem kurz- und langfristig von entscheidender Bedeutung sein, sei es für den bestehenden Verbrauch fossiler Brennstoffe oder für die Herstellung von blauem Wasserstoff“, sagte Jonathan Banks von der Clean Air Task Force, einer nichtstaatlichen Umweltorganisation.

Der jüngste Rückschlag für blauen Wasserstoff kam im Zuge der europäischen Energiekrise, die die Gaspreise nach dem Sommer auf ein Rekordhoch steigen ließ. Da blauer Wasserstoff auf Gas angewiesen ist, hat der starke Preisanstieg gezeigt, dass blauer Wasserstoff vom volatilen Erdgasmarkt abhängig ist.

„Ich denke, für Investoren ist blauer Wasserstoff sehr riskant“, erklärte Tom Baxter, Mitbegründer der Hydrogen Science Coalition, einem Think-Tank.

Zusammen mit den Zweifeln an der CCS-Technologie sind viele Analysten und Forscher:inen skeptisch, was die Rentabilität und Qualität von blauem Wasserstoff angeht.

„Wir stellen fest, dass die Emissionen von gas- oder kohlebasierten Wasserstoffproduktionssystemen selbst mit CCS beträchtlich sein könnten und dass die Kosten für CCS höher sind als oft angenommen“, heißt es in einer im Januar in Applied Energy veröffentlichten Studie.

Schließlich besteht die Befürchtung, dass die Förderung von blauem Wasserstoff zu einem Lock-in-Effekt – oder Sperreffekt – bei der Infrastruktur für fossile Brennstoffe führen wird. „Wenn Sie einmal in blauen Wasserstoff investiert haben, sind Sie für 30 Jahre gebunden“, so Baxter. Folglich ist blauer Wasserstoff „kein Sprungbrett“.

„Sie werden blauen Wasserstoff nicht abschalten, wenn grüner Wasserstoff aufkommt.“

Mit "blauem Wasserstoff" gegen das Huhn-Ei-Problem

Die Europäische Kommission hat ein klares langfristiges Ziel der Förderung von sogenanntem „grünem Wasserstoff“, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien hergestellt wird. Als Brückentechnologie will man in Brüssel aber auf Wasserstoff auf fossiler Basis in Kombination mit CO2-Speicherung setzen.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

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