Bulgarien und Griechenland kommen bei neuem Atomkraftwerk voran

EURACTIV hat erfahren, dass Athen und Sofia eine zwölfmonatige Expertenstudie abwarten werden, während dieser Zeit wird Bulgariens Regierungskoalition dem neuen Kraftwerk zustimmen müssen. [Shutterstock/Bojan Spasovski]

Bulgarien und Griechenland sind bei ihren Verhandlungen über den Bau eines Atomkraftwerks vorangekommen, doch die Frage der Haftung im Falle eines Unfalls bleibt ungelöst, so EURACTIVs Partner in Sofia und Athen.

Die Verhandlungen zwischen Bulgarien und Griechenland über den Bau eines Atomkraftwerks stecken noch in den Kinderschuhen, aber Sofia hat von „guten Absichten“ seiner Partner in Athen berichtet.

Die Idee wurde erstmals vom stellvertretenden bulgarischen Ministerpräsidenten und Finanzminister Asen Vassilev nach seiner Rückkehr von einem Besuch in Griechenland am 22. Februar bekannt gegeben, wo er mit dem griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis sprach.

EURACTIV hat erfahren, dass Athen und Sofia eine zwölfmonatige Expertenstudie abwarten werden, während dieser Zeit wird Bulgariens Regierungskoalition dem neuen Kraftwerk zustimmen müssen.

Assen Vassilev kündigte Ende Februar an, dass das Ziel darin bestehe, ein 20-jähriges Abkommen mit Griechenland über die Nutzung der bulgarischen Atomkraft zu unterzeichnen. Ihm zufolge sollte das Kernkraftwerksprojekt „extrem zügig“ gebaut werden, da es bereits einen Abnehmer für den Strom gebe und somit das Geschäftsrisiko entfalle.

Allerdings benötigt der Bau eines Atomkraftwerkes mindestens sechs bis acht Jahre und die Kostenfrage wurde ebenfalls noch nicht geklärt.

Bulgarien wird die zwei erworbenen russischen Kernreaktoren nicht nutzen können, da deren Inbetriebnahme ohne russische Beteiligung nicht machbar ist, was aufgrund des Krieges in der Ukraine und der verhängten Sanktionen unmöglich ist.

Die Wirtschaftsstudie der britischen Bank HSBC, die 2012 für das Projekt des zweiten Kernkraftwerks in Bulgarien in Auftrag gegeben wurde, ergab einen Preis von 10 Milliarden Euro bei einem Strompreis von 75 Megawattstunden (MWh), wobei die in den letzten zehn Jahren akkumulierte Inflation erheblich ist.

Energieminister Alexander Nikolov wies darauf hin, dass das Vorhaben nur auf dem Gelände des bestehenden Atomkraftwerks in Kozloduy zeitnah realisiert werden könne.

Die Haftungsfrage

Mit der Angelegenheit vertraute Quellen erklärten gegenüber EURACTIV Bulgarien, dass ein ernstes Problem dem künftigen Abkommen mit Griechenland im Wege stehe: wie die Frage der Haftbarkeit geregelt werden soll.

„Es gibt keine Regelung, nach der die Verantwortung anteilig einem anderen Staat übertragen werden kann – gemäß dem Wiener Übereinkommen über die zivilrechtliche Haftung für nukleare Schäden,“ so die Quelle.

Das wiederum werfe die Frage ob der Rolle Griechenlands auf. „Es ist notwendig, den Mechanismus zu klären, mit dem Griechenland sich an dem Projekt beteiligen will – ob als Anteilseigner oder lediglich als Stromabnehmer“.

„Die Griechen sind sich der internen Probleme bewusst, und die Verhandlungen müssen sehr vorsichtig geführt werden, damit der Ausgang nicht dem Fluss Mesta ähnelt“, fügte die Quelle hinzu.

Griechenland profitiert gemäß einem bilateralen Abkommen bis 2030 von 29 Prozent des gesamten durchschnittlichen natürlichen mehrjährigen Zuflusses des Mestas – eines Flusses der durch Bulgarien und Nordgriechenland fließt. Das Abkommen wurde 1996 unterzeichnet und in Bulgarien scharf kritisiert, weil es die Wassernutzung im Südwesten des Landes erheblich einschränkte.

In Athen erklärten Quellen aus dem Umwelt- und Energieministerium gegenüber EURACTIV Griechenland, dass die Projektverhandlungen noch verfrüht seien, hoben aber die langfristige Zusammenarbeit mit Bulgarien hervor und betonten, dass im Rahmen dieser Kooperation auch das Prinzip der Gegenseitigkeit angewandt werde.

„Wenn Bulgarien Strom braucht, müssen wir ihnen helfen, so wie sie es tun“, sagte eine Quelle des Umweltministeriums.

Was die Rolle Griechenlands in dem Atomprojekt anbelangt, so sagte die Quelle, dass Athen „entweder die Rolle eines Vermittlers für den Kauf von Energie durch griechische Industriekunden spielen würde oder dass jedes andere gegenseitige Interesse in Betracht gezogen wird“.

Neue Stromverbindungsleitung in Sicht

In der Zwischenzeit wurde EURACTIV Griechenland darüber informiert, dass in Kürze eine zweite Stromverbindungsleitung zwischen Griechenland und Bulgarien eingerichtet werden soll, um die Kapazität von 500 auf 1600 Megawatt zu erhöhen.

Eine Quelle sagte, dass der griechische Stromübertragungsnetzbetreiber (ADMIE) den Vertrag bald abschließen werde.

Dieselbe Quelle fügte hinzu, dass Bulgarien und möglicherweise auch andere Länder in der Region das griechische Revithoussa LNG-Terminal für die Anlandung und Lagerung von LNG nutzen werden.

Nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine hat die EU beschlossen, sich von den russischen Lieferungen fossiler Energieträger zu lösen und vorübergehend auf LNG umzustellen.

Washington und Brüssel haben kürzlich eine Vereinbarung über die Lieferung von 15 Milliarden Kubikmetern (bcm) zusätzlichem amerikanischem Flüssigerdgas (LNG) an die EU-Märkte in diesem Jahr getroffen.

Einem Informationsblatt des Weißen Hauses zufolge wird die Europäische Kommission auch mit den EU-Ländern zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass sie bis mindestens 2030 etwa 50 Milliarden Kubikmeter zusätzliches LNG erhalten können. Dazu gehören LNG-Terminals und -Infrastruktur sowie die Verbesserung der Gasspeicherung.

[Emiliya Milcheva, Krasen Nikolov, Yorgos Alimonos | EURACTIV.gr – Bearbeitet von Sarantis Michalopoulos | EURACTIV.com]

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