Zirkulär, Werte schaffend und kreativ – ein Wirtschaftsmodell für morgen

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.com PLC.

Hat take, make, waste noch Zukunft?

Nordrhein-Westfalen ist ein Industrieland. Hier entscheidet der Verbund aus anwendungs-orientierter Forschung, Industrie und produktionsorientierten Dienstleistungen über die wirtschaftliche Zukunft. Nordrhein-Westfalen ist auch der zentrale Standort in Europa, an dem Vorleistungen für andere Wirtschaftszweige erbracht werden. Jedes Jahr setzt die nordrhein-westfälische Industrie rund 370 Millionen Tonnen Rohstoffe ein, um sie in Werkstoffe zu verwandeln – ein Anteil am gesamtdeutschen Rohstoffverbrauch von fast 30 Prozent.

Auch wenn wir uns derzeit noch weniger Sorgen über zu hohe Rohstoffkosten machen müssen, weil zum Beispiel das Barrel Rohöl, Sorte Brent, unter 50 Euro liegt oder die Tonne Kupfer für weniger als 5.000 Euro gehandelt wird, so ist doch klar, dass natürliche Ressourcen endlich und nur begrenzt verfügbar sind.

Zeit, darüber zu sprechen, ob take, make, waste noch Zukunft hat.

Klar ist: unser Wohlstand ist heute und morgen nur möglich, wenn es uns auch künftig gelingt, mehr Güter und Dienstleistungen herzustellen, als wir für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung brauchen. Wenn Nordrhein-Westfalen das industrielle Herz Europas bleiben will, darf es nicht nur um einzelne Reparaturmaßnahmen gehen, sondern darum, die gesamte Wirtschaftsweise in einem umfassenden Sinn zu verändern.

Auch die EU-Kommission hat das Potenzial einer zirkulären Wertschöpfung erkannt. Mit ihrer Mitteilung „Den Kreislauf schließen“ vom Dezember 2015 hat sie ein ehrgeiziges Maßnahmenpaket verabschiedet, um den Übergang Europas zu einer zirkulären Wertschöpfung zu fördern.

Die bisherige Option für Herausforderungen bei der Nutzung von Ressourcen lautete Effizienzorientierung. Sie hat zum Ziel, für eine gleichbleibende Produktion immer weniger Rohstoffe und Energie zu verbrauchen. Dieser Ansatz hat großen Fortschritt gebracht und wird auch weiterhin Fortschritte bringen, denn noch haben Unternehmen nicht alle Spielräume genutzt.

Wir wissen heute aber auch, dass dieser Weg allein nicht die Lösung sein kann. Denn wenn ein Produktionsverfahren immer weiter optimiert wird, ist irgendwann ein Punkt erreicht, von dem an der Zugewinn an Effizienz nicht mehr die Kosten seiner Realisierung rechtfertigt. Was geschieht also danach?

Wer diese Frage beantworten will, muss das gesamte Produktionsverfahren, das Produktdesign, ihre Ausgangsstoffe und deren Weiterverwendung in Frage zu stellen und neu  denken. Die zirkuläre Wertschöpfung folgt dabei einem Dreiklang:

  • Zirkulär betont, in Kreisläufen zu denken. Rohstoffe und Werkstoffe werden am Ende des Wertschöpfungsprozesses wieder zu Nährstoffen neuer Kreisläufe. „Abfall“ wird Nährstoff, Roh- und Werkstoffe gehen nicht verloren.
  • Wert betont den materiellen Gehalt: Die Zirkuläre Wertschöpfung schafft ökonomische Werte, sie bietet einen Mehrwert, der buchhalterisch und finanzwirtschaftlich erfasst werden kann.
  • Schöpfung betont den kreativen Prozess. Er fordert zum radikalen Infragestellen auf, um Neues zu schaffen – neue Produkte mit neuen Designs und Werkstoffen, neue Services und Geschäftsmodelle.

(Re)zyklierbare Materialien und Ausgangsstoffe sind eine Facette der zirkulären Wertschöpfung. Aber auch Ansätze hin zu stärker modular aufgebauten Produkten, die eine längere Nutzungs- und Lebensdauer versprechen, das Ermöglichen von Produkt-Sharing und eine schrittweise Entmaterialisierung von Produktleistungen – wie Carsharing statt eigenem Auto – sind vielversprechende Herangehensweisen.

Die Entwicklung hin zu einer solchen Produktions- und Konsumweise wird besonders durch die disruptiven Technologien weiter an Schwungkraft gewinnen: Ob omnipräsente mobile Endgeräte, die mittlerweile so etwas wie die Fernbedienung für unseren Alltag sind, Machine-to-Machine-Kommunikation, Big-Data-Analytics, Cloud-Computing oder additive Fertigungstechniken wie der 3D-Druck. All das sind Technologien die eine Transformation nicht nur begünstigen, sondern beschleunigen.

Das Paket der Europäischen Kommission ist ein klares Signal dafür, dass Europa alle verfügbaren Mittel nutzt, um die Wirtschaft umzuformen, den Weg für neue Geschäftsmodelle zu ebnen und die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Die geplanten Maßnahmen zielen in diesem Sinne auf eine Änderung des gesamten Lebenszyklus von Produkten ab und gehen über die bislang übliche Konzentration auf das Ende der Lebensdauer hinaus.

Die Unternehmen in Nordrhein-Westfalen können diesen Rückenwind aus Brüssel gut gebrauchen. Egal ob das Gelsenkirchener Unternehmen Voigt & Schweitzer bei der Verzinkung von Kfz-Teilen, der Bauzulieferer Schüco mit seinen Fenster-, Türen- und Fassadensystemen, Goldbeck mit ganzheitlichen Bau-Lösungen aus einer Hand, Remondis mit Recyclingdienstleistungen, Schwalbe mit Fahrradschläuchen oder viele andere, die sich bereits auf den Weg gemacht haben. Wir wollen sie gemeinsam bei dieser Transformation unterstützen.

Garrelt Duin ist Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen