Wie Europa mit Wasserstoff neue Gemeinsamkeiten finden kann

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Wasserstoff kann eine neue Gemeinsamkeit für Europa werden, sagt Wasserstofflobby-Boss Jorgo Chatzimarkakis. c Hydrogen Europe

Europa muss sich nach der Corona-Krise neu erfinden. Wir brauchen dringend neue Gemeinsamkeiten und Projekte, die allen Mitgliedstaaten etwas bringen. Die Energiepolitik wäre dazu besonders geeignet. Schon einmal war sie entscheidend für Europas Zukunft: Heute sollte es aber statt um Kohle, wie einst in den 50er Jahren, um erneuerbare Energien wie Wasserstoff für alle Sektoren gehen.

Jorgo Chatzimarkakis ist CEO von Hydrogen Europe, dem Verband der europäischen Wasserstofftechnologiebranche – mit über 260 Unternehmen der gesamten Wertschöpfungskette und 27 nationalen Verbandsmitgliedern.

Die europäischen Baustellen sind aktuell groß, beinahe unüberschaubar. Der Klimaschutz und die Senkung des CO2-Ausstoßes müssen ein Erfolg werden. Die wirtschaftlichen Verwerfungen, die die Pandemie verursacht hat, müssen überwunden werden. 

Und wir brauchen neue Gemeinsamkeiten, wofür wir als Europäer stehen und was uns verbindet.

Ein ganzer Kontinent muss sich also neu erfinden. Es scheint, dass wir Europäer immer große sowie einschneidende Ereignisse benötigen, um die dazu notwendige Kraft und den Mut zu aufzubringen.

Die letzte große epochale Wegmarke, die noch im kollektiven Bewusstsein der lebenden Generation ist, war bekanntlich der Zweite Weltkrieg. Die Ereignisse haben schließlich zur Einsicht geführt, dass Frieden von essentieller Bedeutung ist.

Eine Konsequenz war am 18. April 1951, nur zwei Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik, die Unterzeichnung des Vertrags über die „Montanunion“, die Kohle und Stahl damals die entscheidenden Industriegüter – unter gemeinsame Kontrolle, Planung und Verwertung stellte.

Dieser Akt war der Startschuss für die erfolgreiche europäische Integration, angetrieben durch den deutsch-französischen Motor. 

Heute geht es zum Glück nicht um die Bewältigung von Kriegsfolgen. Dennoch waren die Herausforderungen nie größer. Die Nutzung von mehr Synergien auf europäischer Ebene, die intensive Zusammenarbeit innerhalb der Energiepolitik mit besonderer Auswirkung auf die industrielle Produktion, um so neue Technologie und Jobs zu schaffen, wäre ein Ansatz. 

Dass Ende Mai BMWi und BMVI mit dem Anspruch antraten, beim Wasserstoff die Nummer 1 werden zu wollen und 62 Wasserstoff-Großprojekte ankündigten, war ein richtiger Schritt.

Dass diese im Kontext eines gemeinsamen europäischen Wasserstoffprojekts staatlich gefördert werden sollen, ist auch richtig. Denn Wasserstoff kann Europa wieder zusammenbringen. Warum sollte Europa davon profitieren? Warum sollte die europäische Idee hierüber eine Renaissance erfahren? 

Sehr einfach: Weil es die Europäer waren, die den globalen Boom erneuerbarer Energien überhaupt entwickelt und verursacht haben. Weil die Europäer schon immer Vorreiter waren oder zumindest sein wollten, wenn es um den Klimaschutz ging.

Aber auch, weil Europa Zugang zur komplexen Nutzung der Wasserstofftechnologie heute schon hat. Selbst wenn die Automobilhersteller Asiens einen Vorsprung haben, so kann Europa mit einem zusammenhängenden Ansatz die Wasserstofftechnologie zur Nutzung eines systemeffizienten Ansatzes meistern, bei dem es auf die geschickte Nutzung von Schnittstellen zwischen den Sektoren ankommt.

Und dies verlangt eine grenzüberschreitende, also europäische und umfassende Ingenieursleistung, die in europäischen Unternehmen sowie Innovationszentren stärker vorhanden ist als irgendwo sonst in der Welt. Europa hat so die Chance, als erneuerbarer Energie-Leuchtturm weltweit im übertragenen Sinne zu strahlen.

Man stelle sich heute vor, dass nicht allein die Zusammenlegung der Kohle und Stahlproduktion uns Europäer zusammenschmieden, sondern die effiziente Nutzung von Wasserstoff für die emissionsfreie Stahlproduktion.

Und man stelle sich auch vor, dass es eben jener emissionsfreie Stahl ist, der die Windkraftanlagen insbesondere auf dem offenen Meer ausmacht, die eben nicht mehr importiert werden, sondern hier in Europa eine echte Kreislaufwirtschaft etablieren.

Europa als Rückkehrort der zirkulierenden Ökonomie, die nicht in der Ausbeutung fremder Märkte das Wohl sucht, sondern in der besten Nutzung natürlicher Kreisläufe und erneuerbarer Energie. 

Die Natur als Lehrmeister ist den Europäern nicht fremd. Schon oft mussten Gesellschaften und Ökonomie aus der Krise geboren werden und etliche Kreisläufe wieder aktivieren. Hinzu kommt der große Lehrmeister der Fotosynthese, der uns alltäglich vor Augen führt, wie die Sonnenenergie über chemische Kreisläufe genutzt werden kann. Wohlgemerkt bei einer Effizienz von nur drei Prozent. 

Wenn jetzt Europa zur wichtigsten Region für die Nutzung synthetischer Kraftstoffe auf Basis von erneuerbarer Energie, Wasserstoff und zirkulierenden Kohlenstoff wird, dann erreicht Europa immerhin eine Effizienz von elf Prozent. Weit unter dem, was sinnvoll erscheint, aber weit schneller als jede andere Form der Dekarbonisierung oder in diesem Fall der Defossilisierung.

Mit ihrer Wasserstoffallianz hat sich die Europäische Union auf den Weg gemacht, den Grundstein für die Traumhochzeit zwischen Wasserstoff und anderen regenerativen Energien zu legen.

Es geht dabei keineswegs darum, „alte” Industrien in neuer Verpackung zu bewahren, wie behauptet wird. Unternehmen, die nachhaltig denken, haben schon lange verstanden, dass fossile Produkte keine Zukunft haben – und setzen auf regenerative Energiequellen.

Der dänische Weltmarktführer für Windstrom Ørsted hieß früher Dong und war der dänische Öl- und Gaskonzern. Wir brauchen heute exakt jenen Unternehmergeist, der die destruktive Kraft des Wasserstoffs als Gleitmittel in eine emissionsfreie Zukunft versteht und bereit ist, jegliche Gewinne unmittelbar umzuleiten in die Kraft der regenerativen Energie.

Die europäische Wasserstoffallianz ist auf bestem Wege und wird sehr bald Projekte vorstellen, bei denen es keinen Anlass für einen Zweifel an dieser Strategie geben kann.

Wir haben viel zu gewinnen, wenn wir unseren technologischen Vorteil im Bereich der erneuerbaren Energien smart ausspielen. Doch wir haben viel zu verlieren, wenn wir weiter zögern. Europa sollte jetzt an einem Strang ziehen und zeigen, wie Energiewende wirklich zum Erfolg wird.

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