Was die Entscheidung von Daimler zu CO2-neutralen Autos über die Branche verrät

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Letztes Jahr haben 26 Städte, Staaten und Unternehmen im Rahmen der von The Climate Group, C40 Cities und Under2 Coalition geleiteten Initiative #ZEVChallenge bekannt gegeben, verstärkt emissionsfreie Fahrzeuge einsetzen zu wollen. [EPA/FILIP SINGER]

Daimler, einer der weltweit führenden Hersteller von Premium-PKWs und Nutzfahrzeugen, entwirft mit seinem mutigen neuen Bekenntnis zum Klimaschutz eine neue Zukunft für die Branche: Bis Ende 2039 soll die gesamte PKW-Sparte von Daimler CO2-neutral sein, schreibt Nigel Topping, CEO der Vereinigung We Mean Business.

Dieses Ziel bedeutet, dass der Eigentümer der Marke Mercedes-Benz seine gesamte Geschäftstätigkeit – von den jährlich (2018) hergestellten 2,4 Millionen Autos über seine weltweiten Produktionsstätten bis hin zu seiner Lieferkette – in den nächsten zwanzig Jahren umstellen wird.

Bekannt gegeben wurde diese Entscheidung im Rahmen der strategischen Vision, die der zukünftige Vorstandschef Ola Källenius für das Unternehmen vorstellte, dessen Geschichte bis zur Erfindung des modernen Verbrennungsmotors am Ende des 19. Jahrhunderts zurückreicht.

„Was bedeutet das für uns? Einen fundamentalen Wandel unseres Unternehmens in weniger als drei Produktzyklen. Das ist kein langer Zeitraum, wenn man bedenkt, dass fossile Kraftstoffe unsere Industrie dominierten, seit Carl Benz und Gottlieb Daimler vor mehr als 130 Jahren das Auto erfunden haben“, so Källenius.

Im Jahr 2018 verpflichtete sich Daimler unmissverständlich zur Elektrifizierung seiner Flotte mit einer entsprechenden Investition von 11,7 Milliarden Dollar und ließ dabei wissen, dass das Unternehmen bis 2022 mehr als zehn rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge auf den Markt bringen und sein gesamtes Mercedes-Benz-Portfolio elektrifizieren würde.

Bis 2030 sollen laut Daimler Elektromodelle – darunter rein elektrisch betriebene Modelle und Plug-in-Hybride – mehr als die Hälfte seiner Auto verkäufe ausmachen. Neben seinen PKW will Daimler auch seine Transporter, LKW und Busse elektrifizieren und dies durch einen raschen Technologietransfer zwischen seinen Divisionen erreichen. Dabei konzentriert sich das Unternehmen auf batterieelektrische Mobilität, verfolgt aber auch andere Lösungen wie Brennstoffzellen oder e-Fuels als mögliche Option.

Als Teil der neuen Pläne strebt Daimler eine CO2-neutrale Produktion nach dem Vorbild seiner Factory 56 in Sindelfingen bzw. seiner Motorenfabrik im polnischen Jawor an. Diese sollen beispielhaft aufzeigen, wie von Anfang an mit erneuerbaren Energien und CO2-neutral gearbeitet werden kann. Dabei bewegt sich das Unternehmen von einer Wertschöpfungskette hin zu einem Wertschöpfungskreislauf – Mercedes-Fahrzeuge haben eine potenzielle Recyclingquote von 85 Prozent. Zudem arbeitet Daimler gemeinsam mit seinen Lieferanten auf CO2-Neutralität hin.

Daneben sucht Daimler den Schulterschluss mit seiner Belegschaft und deren Vertretern, um den Wandel möglichst effektiv und im Sinne aller zu gestalten.

„Wir wollen das tun, was unsere Gründer getan haben: Sie wurden zu Systemarchitekten einer neuen Mobilität ohne Pferde. Unser Auftrag heute ist die individuelle Mobilität ohne Emissionen“, so Källenius.

Weiter führte er aus: „Als Unternehmen, das von Ingenieuren gegründet wurde, glauben wir: Technologie kann dazu beitragen, eine bessere Zukunft zu gestalten.“

Branche schaltet um

Diese Bekenntnisse zu einem beschleunigten Übergang zu einem Verkehrswesen ohne CO2-Emissionen kommen zu einer Zeit, in der viele der weltweit größten Autohersteller um die Elektrifizierung ihrer Flotte und die Reduzierung von Emissionen wetteifern. Zusammen senden diese Entscheidungen das starke Signal aus, dass sich der Verkehrssektor neu aufstellt, um die exponentiell gestiegene Nachfrage nach Elektrofahrzeugen bedienen und gleichzeitig die dringend erforderlichen Maßnahmen zur Bekämpfung von Luftverschmutzung und Klimawandel angehen zu können.

So haben die Autohersteller laut ICCT Investitionen von über 150 Milliarden Dollar angekündigt, um die gemeinsam vereinbarten Produktionsziele von mehr als 13 Millionen Elektrofahrzeugen pro Jahr bis etwa 2025 zu erreichen, wobei höhere Produktionszahlen durchaus in Planung sein könnten.

Schon zu Beginn des Jahres hatte Volkswagen die Pläne zur Elektrifizierung seiner Flotte ausgebaut und versprochen, anstelle der ursprünglich geplanten 50 voll elektrisch betriebenen Modelle bis 2025 nun bis 2028 70 solcher Fahrzeugtypen auf den Markt zu bringen. Zudem setzte sich Volkswagen langfristige Ziele, um das gesamte Unternehmen einschließlich seiner Werke, Büroräume und Autos bis 2050 CO2-neutral zu gestalten.

Mit der Ankündigung von Daimler wird nun dieser Termin um elf Jahre vorverlegt und ein neuer Führungsanspruch in der Branche demonstriert.

Auf dem Genfer Autosalon im März unterstrich Audi die Entwicklungsrichtung der Branche und zeigte auf der Veranstaltung ausschließlich Elektrofahrzeuge. Dabei präsentierte der Luxusautohersteller vier neue rein elektrisch betriebene Autos sowie vier Plug-in-Hybrid-Modelle – jedoch kein einziges nur mit einem Verbrennungsmotor betriebenes Auto.

Im vergangenen Jahr wiederum gab der schwedische Autohersteller Volvo bekannt, die Produktion von Autos mit reinem Benzinantrieb nach 2019 auslaufen zu lassen und sich ausschließlich auf Elektro- und Hybridmodelle konzentrieren zu wollen. Und der chinesische Eigentümer von Volvo, Geely, versprach, dass 90 Prozent des Umsatzes der Marke bis 2020 mit Elektrofahrzeugen generiert würden.

Angesichts dieses zunehmenden Ehrgeizes und Tatendrangs ist nun auch damit zu rechnen, dass die Autohersteller verstärkt die Taktiken ihrer Fachverbände in Frage stellen, die die Weiterentwicklung bisher eher verzögert denn unterstützt haben. Wenn die Unternehmen Ambitionen verfolgen, welche die ihrer Branchenvertreter bei weitem übertreffen, dann nehmen diese nicht mehr die strategischen Interessen ihrer Mitglieder wahr.

Gründe für die gestiegene Nachfrage

Einer der zentralen Gründe, weshalb die Autohersteller jetzt auf ein Verkehrswesen ohne CO2-Emissionen setzen, ist die rasant steigende Nachfrage nach Elektrofahrzeugen, sowohl von Seiten des Handels als auch von Seiten der Unternehmen.

So wurden im ersten Quartal dieses Jahres zum ersten Mal mehr als 100.000 neue Elektrofahrzeuge (125.400) in Europa verkauft. In China, dem weltweit größten Automarkt, stieg die Verkaufszahl auf 254.000, was einer Steigerung um 118 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Unterdessen unterstreichen Unternehmen ihr Bekenntnis zu Elektrofahrzeugen durch EV100 – eine weltweit aktive Initiative der Climate Group, die sich dafür einsetzt, dass Elektrofahrzeuge und die entsprechende Infrastruktur schneller gebaut und eingebunden werden. Bisher haben sich 39 Unternehmen EV100 angeschlossen, darunter das weltweit führende Autoleasing-Unternehmen LeasePlan und das globale Logistikunternehmen Deutsche Post DHL Group.

Sie erkennen an, dass Elektrofahrzeuge immer erschwinglicher werden und auch in puncto Reichweite mit vielen herkömmlichen Autos mithalten können. Wie der EV Readiness Index 2019 von LeasePlan zeigt, stellt die Nutzung eines Elektrofahrzeugs in immer mehr europäischen Ländern eine ernstzunehmende Alternative dar.

Politik wird aktiver

Weltweit unterstützt die politische Landschaft zunehmend die rasche Einführung von Elektrofahrzeugen als entscheidendes Instrument zur Reduzierung der Umweltverschmutzung in den Städten, eine Entwicklung, die durch eine Reihe von Klagen und immer lauter werdende Forderungen der Bürger nach gesunder Luft noch forciert wird.

Zahlreiche europäische Länder haben das Potenzial von Elektrofahrzeugen als wichtiges Mittel zur Lösung dieser Probleme einerseits und als treibende Kraft für wirtschaftliches Wachstum andererseits erkannt. Großbritannien, Frankreich, Norwegen und Schweden haben sich bereits verpflichtet, die Produktion von benzin- und dieselbetriebenen Personenkraftwagen bis Ende der 2030er Jahre einzustellen.

Indien hat als Planziel verkündet, dass bis 2030 jedes auf dem indischen Subkontinent verkaufte Auto elektrisch betrieben sein soll, und China verzeichnet wachsende Verkaufsquoten für Elektrofahrzeuge – die Quote für Anfang 2019 lag bei zehn Prozent. In der EU treten ab 2021 neue Grenzwerte für Kohlendioxid-Emissionen in Kraft; weitere Senkungen der Grenzwerte sind für 2025 und 2030 geplant.

Letztes Jahr haben 26 Städte, Staaten und Unternehmen im Rahmen der von The Climate Group, C40 Cities und Under2 Coalition geleiteten Initiative #ZEVChallenge bekannt gegeben, verstärkt emissionsfreie Fahrzeuge einsetzen zu wollen.

Und genau diesen Monat wird in London eine neue sogenannte Ultra Low Emission Zone eingeführt, mit der schädliche verkehrsbedingte Emissionen reduziert und die Luftqualität verbessert werden sollen. Dabei müssen Kraftfahrer mit emissionsintensiven Fahrzeugen eine Gebühr entrichten.

Solche ambitionierten politischen Maßnahmen sind von entscheidender Bedeutung für einen raschen und geordneten Übergang zu einem Verkehrswesen ohne CO2-Emissionen.

Källenius betonte die Bedeutung klarer politischer Vorgaben nicht nur bei der Umstellung auf Elektrofahrzeuge, sondern auch beim Aufbau der erforderlichen Ladeinfrastruktur und dem benötigten Strom aus erneuerbaren Energiequellen zum Laden der Autos.

„Der Wandel zur nachhaltigen Mobilität der Zukunft wird nur gelingen, wenn Autoindustrie, Energieversorger und Politik Hand in Hand arbeiten. Klimaneutrale Energie und eine umfassende Infrastruktur sind für diesen Systemwechsel unerlässlich“, so Källenius. „Und wir sind offen für eine Diskussion über die wirksame Bepreisung von CO2 und Anreize für Technologien, die nur wenig oder gar kein CO2 emittieren – möglichst auf globaler Ebene.“

Zusammen tragen diese politischen Entscheidungen, in Kombination mit der signalisierten Nachfrage der Verbraucher, der verbesserten Technik zu sinkenden Preisen und den starken Angebotssignalen von Unternehmen wie Daimler zu einem beschleunigten Übergang zu einem Verkehrswesen ohne CO2-Emissionen in den 2030er Jahren bei.

Genau diese Art von konsequentem Systemwechsel wird benötigt, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erfüllen. Unternehmen und Länder, die hinter diesem Ziel zurückbleiben und sich keine klare Frist für CO2-neutrale Mobilität in den 2030er Jahren setzen, werden bei diesem unvermeidlichen Wandel zu den Verlierern gehören.

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