To be or not to be: Freiflächensolaranlagen

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.com PLC.

Mit den COP22 Verhandlungen, die in dieser Woche in Marrakesch stattfinden, gibt es Hoffnung, dass weitere Verpflichtungserklärungen zur Emissionsreduktion auch zu einem Ausbau des internationalen PV-Anlagen Portfolios führen werden. [Rainer Sturm / Pixelio]

Christopher Burghardt, Head of Europe von First Solar findet, Europas neue Realität sind Freiflächensolaranlagen von 1 bis 50 Megawatt.

Christopher Burghardt ist Vice President of Business Development for Europe bei First Solar. Außerdem ist er Mitglied im Vorstand von SolarPower Europe.

Vor kurzem durfte ich an einer Podiumsdiskussion über die Zukunft von Freiflächensolaranlagen in Europa teilnehmen, die anlässlich des alljährlichen Solar Market Workshops bei SolarPower Europe in Brüssel stattfand. Es war eine gesunde Debatte, die vorgebrachten Meinungen sehr unterschiedlich.

Aber die Schlagzeilen, die aus der Diskussion entstanden, suggerieren Zweifel über die Zukunft von Freiflächensolaranlagen in Europa. Vielleicht ist etwas kleinkariert von mir, aber man sollte zunächst klar definieren, ab wann wir von Freiflächensolaranlagen sprechen.

Aus meiner Sicht wird es in Westeuropa in naher Zukunft wahrscheinlich keine weiteren sehr großen Freiflächensolaranlagen geben, so wie Cestas in Frankreich oder Groß Dölln in Deutschland. Es ist offensichtlich, dass Projekte mit über 100 MW (Megawatt) Kapazität eine Ausnahme sein werden. Die neue Realität für Europa sind Freiflächensolaranlagen mit einer Kapazität von 1 bis 50 MW.

In diesem Zusammenhang möchte ich behaupten, dass sich die Grenzen verschoben haben und dass sich die Branche an die Bedürfnisse des Marktes anpasst. Die natürliche Fähigkeit, Solarenergie nach oben oder nach unten zu skalieren, macht sie dabei zu einer attraktiven Komponente im Energiemix.

Welche Rolle kann bzw. sollte Solarenergie in Europa spielen? In anderen Märkten kann Solarenergie bereits Lücken der Stromversorgung zu Spitzenlast-Zeiten füllen; in Europa hingegen werden die benötigten Kapazitäten ganzjährig gesichert. Im Unterschied zu Wachstumsmärkten für Solarenergie in anderen Teilen der Welt dienen Photovoltaikanlagen und andere erneuerbare Energien in Europa als Bausteine in der Energiewende; sie sind sozusagen der Ersatz für teure herkömmliche und umweltschädliche Kraftwerke. Anders gesagt: Das Ziel besteht nicht darin, die regionalen Kapazitäten bei der Stromerzeugung zu ergänzen, um Engpässe zu vermeiden. Es geht vielmehr darum, den CO2-Ausstoß gemäß der Klimaziele zu reduzieren und dabei kosteneffizient zu handeln.

Ich möchte auch darauf hinweisen, dass Freiflächensolaranlagen Bestandteil eines umfassenden Erzeugungsportfolios sein müssen. In Europa wird die Grundlast aktuell durch herkömmliche Energieerzeugung abgedeckt, die aber durch saubere Energieträger, wie Solar und Wind, ersetzt werden soll. Ziel ist es, bis 2050 etwa die Hälfte der Energie aus erneuerbaren Quellen zu generieren. Es liegt also im Bereich des Möglichen, dass erneuerbare Großkraftwerke die Grundlast abdecken und umweltfreundliche herkömmliche Energien nur dann hinzugezogen werden, wenn es Lücken zu Spitzenlast-Zeiten gibt.

Das bringt uns zum „Problem“ der Regelbarkeit, die oft als Argument gegen Solaranlagen herangezogen wird. Selbst wenn die Wirtschaftlichkeit von Speichersystemen für Freiflächensolaranlagen derzeit noch nicht gegeben ist, so wird sich das in Zukunft ändern. Die Speicherindustrie entwickelt sich aktuell sehr schnell, wobei Effizienz erhöht und Kosten gesenkt werden.

Unterdessen gibt es aber andere Lösungen: die Integration und Digitalisierung des europäischen Strommarkts macht es möglich, Angebot und Nachfrage zu bündeln. Demzufolge können regelbare Freiflächensolaranlagen in Osteuropa die Grundlastabdeckung für Länder in Westeuropa sicherstellen, bevor in Deutschland oder Frankreich die Sonne aufgeht. Im Gegenzug können Freiflächensolaranlagen in Westeuropa die Grundlastabdeckung für Rumänien, die Türkei und Griechenland sichern, wenn in diesen Ländern die Sonne bereits untergegangen ist. Ähnlich kann Südeuropa den Ländern im Norden während der dunklen Wintermonate saubere Energie liefern. Und schließlich würde die Integration von Speichern das System nur stärken.

Der gemeinsame Nenner ist, dass die Aussage „Freiflächensolaranlagen sind ‚tot‘“ eine eindimensionale Sicht auf einen multidimensionalen Markt darstellt. Dabei wird der geplante Ausbau von Freiflächenanlagen in Frankreich und Deutschland mit rund 1,2 Gigawatt zusätzlicher Kapazität komplett ignoriert und auch, dass Freiflächensolaranlagen in Europa Stromgestehungskosten von 8 bis 9 Eurocent pro Kilowattstunde erreichen – das ist niedriger als aus allen anderen herkömmlichen Energiequellen.

Kurzum, es ist kurzsichtig, die Freiflächensolaranlage totzusagen. Die Branche braucht jetzt aber angemessene Regulierung – nicht zu verwechseln mit Subventionen – um die europäische Energiewende weiterhin zu unterstützen, damit Wachstum und Innovation gefördert werden.