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Rohstoffe für die Energiewende: Kreislaufwirtschaft muss neue Abhängigkeiten vermeiden

DISCLAIMER: All opinions in this column reflect the views of the author(s), not of EURACTIV.COM Ltd.

Die EU Abfallvermeidung durch Kreislaufwirtschaft stärken.

Das EU-Parlament will mehr Recycling und weniger Plastikmüll in den Meeren. [Martin Abegglen/Flickr]

Derzeit diskutiert der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments über das Kreislaufwirtschaftspaket, welches im Dezember 2015 von der Europäischen Kommission vorgeschlagen wurde.

Die meisten werden dabei an Mülltrennung, Verpackungen aus recyceltem Plastik oder Mehrwegflaschen denken. Doch Kreislaufwirtschaft geht weit darüber hinaus.

Sie ist auch ein wichtiger Treiber, um die Energie- und Klimaziele zu erreichen. Denn die Energiewende wird zwar den Bedarf an fossilen Brennstoffen langfristig senken, gleichzeitig steigt aber der Bedarf an Technologiemetallen für den Ausbau der Erneuerbaren Energien, der Elektromobilität und der Stromnetze. Der Bezug von mineralischen Rohstoffen wie Seltene Erden, Platin, Kobalt oder Gallium ist jedoch keineswegs gesichert. Viele dieser Stoffe werden in nur wenigen Ländern, insbesondere in China, abgebaut und der Zugang zu diesen kritischen Rohstoffen kann langfristig aus geologischen und politisch-strategischen Gründen erschwert sein. Der Rohstoffabbau erfordert zudem enorme Mengen an Energie, häufig kommt es zu Umweltzerstörung und soziale Standards werden missachtet.

 „Saubere Energie kann es aber nur mit sauberer Vorkette geben, die bis zur Rohstoffgewinnung reicht“, betont Dr. Christian Hagelüken der Firma Umicore und Mitglied des Akademienprojekts Energiesysteme der Zukunft*. Dazu sind einerseits bessere Abbaubedingungen nötig, andererseits eine kluge Kreislaufwirtschaft, die dazu beiträgt, dass wichtige Rohstoffe wiedergewonnen werden. Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft wird dabei die Primärrohstoffgewinnung von Metallen nicht vollständig ersetzen können. Dennoch steuert sie dazu bei, die langfristige Versorgung Europas mit mineralischen Rohstoffen zu gewährleisten, den Energieeinsatz der Rohstoffgewinnung zu senken und die negativen Auswirkungen des Rohstoffabbaus zu reduzieren. Denn Metalle haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber fossilen Rohstoffen: Sie werden nicht verbraucht, sondern nur gebraucht und sind danach grundsätzlich wiedergewinnbar, so Dr. Christian Hagelüken.

Vor diesem Hintergrund hat das Akademienprojekt Energiesysteme der Zukunft eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe zu Ressourcen eingesetzt, die sich u.a. mit der Qualität und Verfügbarkeit von kritischen Rohstoffen für die Energiewende befasst. Dabei werden Primärgewinnung und Recycling genauso berücksichtigt, wie die ökologischen Auswirkungen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Im Rahmen eines Trialogs der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform haben sich Vertreter dieser Arbeitsgruppe in einem transdisziplinären Austausch mit Akteuren aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammengesetzt, um zu diskutieren, welche Anreize und Rahmenbedingungen nötig sind, um die Rohstoffrückgewinnung von kritischen Metallen zu verbessern. Dieses Zusammenwirken von wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Akteuren trägt dazu bei, gemeinwohlorientierte Lösungsansätze aber auch Umsetzungshindernisse der Energiewende aufzuzeigen.

Das Diskussionsformat hat wichtige Aspekte hervorgebracht und unterstrichen, die in die gesellschaftliche und politische Diskussion zur Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft im Rahmen der Energiewende Eingang finden sollten. So findet Recycling aus rein wirtschaftlichen Gründen etwa nur dann statt, wenn der Materialwert der durch den Recyclingprozess gewonnenen Stoffe höher ist als die Kosten des Prozesses. Da jedoch Stoffgemische in immer kleiner werdenden und komplexen elektronischen Produkten verbaut werden, steigen die Anforderungen an Recyclingprozesse enorm.

Wenn Stoffe jedoch als volkswirtschaftlich relevant eingestuft werden – weil sie beispielsweise aufgrund ihrer Eigenschaften unerlässlich für wirtschaftliche Entwicklungen sind – sollten Maßnahmen etabliert werden, die eine Rückgewinnung der Stoffe in entsprechenden Anlagen anreizen wie bspw. Gebührensysteme, Subventionen oder Qualitätsnormen. Verpflichtend sehen EU-Richtlinien derzeit nur Quoten zur Sammlung und zum Recycling von bestimmten Abfällen vor, wie z.B. von Elektroaltgeräten. Es werden aber nur Gewichtsanteile vorgeschrieben – Anreize, besonders wertvolle Inhaltsstoffe zurückzugewinnen, gibt es nicht. Beim Recycling von Photovoltaik-Modulen reicht es beispielsweise aus, das Glas und die Rahmenteile aus Aluminium zu recyceln. Die kritischen Metalle, wie etwa Tellur, Indium, Gallium oder Silber, die häufig nur als Spurenelemente in winzigen Mengen vorliegen, müssen von Unternehmen nicht recycelt werden und gehen oft verloren. Nur einige Unternehmen haben hier Maßnahmen getroffen. Im Rahmen der Richtlinie für Elektro- und Elektronikaltgeräte können die Mitgliedstaaten jedoch freiwillig Qualitätsnormen an das Recycling knüpfen oder Umweltmanagementsysteme fördern.

Die Möglichkeiten der Nationalstaaten im Alleingang große Veränderungen herbeizuführen sind jedoch begrenzt. Die Kreislaufwirtschaft erfordert für eine erfolgreiche Umsetzung Ansätze auf der Herstellerseite (Ökodesign, Recycling- und Reparaturfähigkeit von Produkten), auf regulatorischer Seite (Recyclingstandards und Infrastruktur) und auf Verbraucherseite (nachhaltiger Konsum und Beschaffung, Abfalltrennung). Diese müssen jedoch über nationale Grenzen hinweg reichen, um Stoffströme vollständig zu erfassen, zu bündeln und einem hochwertigen Recycling zuzuführen. Vorgaben zur Recyclingfähigkeit von Produkten beispielsweise können in einem europäischen Binnenmarkt sinnvollerweise nur auf europäischer Ebene erfolgen. Gerade im Bereich der Energiewende besteht hier ein Druck, zu handeln. Windenergieanlagen und Elektroautos, die heute gebaut werden, müssen in einigen Jahren wieder zurückgebaut bzw. recycelt werden. Ob dann beispielsweise Autobatterien leicht zerlegbar und zugänglich verbaut sind und die kritischen Elemente in den Stoffkreislauf zurückkehren können, oder ob erneut Rohstoffe unter hohem Energieeinsatz im Bergbau abgebaut und importiert werden müssen, das entscheidet sich bereits heute. „Wir müssen zeitlich weit voraus denken in Fragen des Klimaschutzes“, betont Reinhard Kaiser vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Formate wie die Trialoge bieten eine Möglichkeit, verschiedene Akteure zusammenzubringen, Perspektivenvielfalt zu organisieren und somit zu einem prognostischen Denken beizutragen.

Die europäischen Institutionen haben nur bedingt Spielraum, die Rohstoffabbaubedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern. Aber die Kreislaufwirtschaft in Europa zu verbessern – das ist machbar. Die Europäische Kommission hat dazu im Dezember 2015 ein umfangreiches Kreislaufwirtschaftspaket vorgestellt. Die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Trialogs erwarteten positiven Impulse aus dem Kreislaufwirtschaftspaket lassen sich zumindest für Deutschland aus dem vorgelegten Kommissionsvorschlag nicht entnehmen. Mehrere Umweltorganisationen loben zwar die Initiative, kritisieren aber eine Vielzahl von Aspekten des Pakets. Beispielsweise wird auf eine Anhebung und eine einheitliche Berechnung der Recyclingquote gedrängt, die sich am Ouptut der Recyclinganlagen orientiert. Ebenfalls werden ambitionierte Maßnahmen für die Aufstellung eines Arbeitsprogramms zum Ökodesign gefordert. Inwieweit diese und weitere Kritikpunkte in den Beratungen zum Kreislaufwirtschaftspakt berücksichtigt werden, wird sich am 20. Juni 2016 in Brüssel zeigen, wenn der nächste offizielle Umweltrat tagt.

Doch nicht nur auf rechtlicher Ebene lässt sich die Kreislaufwirtschaft verbessern. Auch Branchenlösungen sind möglich. Der Photovoltaik-Zusammenschluss PV Cycle hatte beispielsweise ein gemeinschaftliches Rücknahmesystem für ausgediente Module seiner Mitgliedsunternehmen aufgestellt. Auch der Modulhersteller First Solar hat ein Rücknahme- und Recyclingprogramm aufgelegt. Mit dem Programm gelangen die Module nicht in den „normalen“ Abfallkreislauf, sondern werden in der unternehmenseigenen Recyclinganlage zerlegt und so verarbeitet, dass das wertvolle Tellur zurückgewonnen werden kann.

Schließlich können auch Verbraucherinnen und Verbraucher durch Ihr Konsum, Gebrauchs- und Wegwerfverhalten zu einer effizienteren Ressourcennutzung beitragen. Entsprechende Informations- und Bildungsmaßnahmen sollten unterstützt werden.

Wenn es gelingt, die Kreislaufwirtschaft in Europa auf eine nächste Stufe zu heben und Stoffkreisläufe durch Ökodesign und umweltgerechtes Recycling mehr und mehr zu schließen, werden nicht nur Ressourcen geschont, sondern auch das Klima. Ein effizientes Kreislaufsystem trägt darüber hinaus zu einer erhöhten Versorgungssicherheit im Bereich der wichtigen Technologiemetalle bei, die für die Umsetzung der Energiewende unabdingbar sind.

Die Autorinnen

Katja Treichel ist Leiterin der Energie-Trialoge, Anne Höh ist Projektassistentin der Energie-Trialoge der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform

Weitere Informationen

* Mit der Initiative „Energiesysteme der Zukunft (ESYS)“ geben acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften Impulse für die Debatte über Herausforderungen und Chancen der Energiewende in Deutschland. Im Akademienprojekt erarbeiten rund 100 Fachleute aus Wissenschaft und Forschung Handlungsoptionen zur Umsetzung einer sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Energieversorgung. ESYS wurde im April 2013 gestartet und im März 2016 um drei weitere Jahre bis Ende Februar 2019 verlängert. Die Federführung des Projekts liegt bei acatech.

 

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